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Begleitung am Ende des Lebens: Eine Kunsttherapeutin malt mit einer Patientin in einem Stuttgarter Hospiz ein Mut machendes Sonnenblumen-Motiv.

Beratung über Sterbehilfe

Die letzte Würde des Menschen

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Berlin - In die Debatte über Sterbehilfe kommt Bewegung. Die ersten Abgeordneten legen Entwürfe und Konzepte vor – sie unterscheiden sich dabei gravierend. Ohne Zeitdruck, auch ohne Fraktionszwang wollen sie darüber beraten.

Die Schmerzpatientin hat einen großen, heiklen Wunsch. „Ich hoffe inständig, dass das Gesetz zur straffreien Beihilfe zur Selbsttötung in Deutschland eingeführt wird“, erzählt sie. „Wäre es denn besser, dass ich mich vor einen Zug werfe, wenn ich nicht mehr kann?“ Es habe zwar ihren sicheren Tod zur Folge, „hinterlässt aber einen traumatisierten Lokführer“.

Es sind nachdenkliche, differenzierte Sätze der Frau aus Oberbayern. Sie hat seit Jahren chronische Schmerzen, gegen die Medikamente selbst in hohen Dosen nur manchmal helfen. „Starke chronische Schmerzen sind zermürbend und kaum auszuhalten.“ Die wenigsten Menschen setzten sich mit ihrem Ableben auseinander, sagt sie. „Aber diejenigen, die dies aus guten Gründen tun, sollten in unserer entwickelten Gesellschaft die Möglichkeit haben, Hilfe zum assistierten Suizid zu bekommen.“

Reale Fälle wie dieser lassen viele Menschen ratlos zurück. Darf eine Gesellschaft Sterbehilfe erlauben oder leisten? Ist es menschenwürdiger, ein Leben bis zum maximal möglichen Zeitpunkt zu verlängern – oder es selbstbestimmt zu beenden? Im Bundestag hebt in diesen Tagen eine Debatte über neue gesetzliche Regelungen an. Die Ansichten der Abgeordneten, die diese extrem schwierige Frage irgendwann per Mehrheit entscheiden müssen, gehen weit auseinander, über Parteigrenzen hinweg. Erste Parlamentarier versprechen sich eine ehrliche, lange Debatte ohne das übliche Gezänk und die Polit-Rituale.

Heute wollen die ersten Abgeordneten ihre Ideen vorlegen. „Sterben in Würde“ umschreiben SPD-Fraktionsvize Carola Reimann und Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) ihr Konzept. Mediziner sollen (freiwillig) Hilfe beim Suizid leisten dürfen, wenn der Patient eine „irreversibel zum Tode führende Erkrankung“ mit extremem Leiden habe, heißt es in dem Papier, das unserer Zeitung vorliegt. Eine psychische Krankheit komme dafür nicht in Frage. Die ärztliche Diagnose müsse vorher von einem zweiten Mediziner bestätigt werden. Das Bürgerliche Gesetzbuch soll das in Eckpunkten regeln.

„Es gibt kein Richtig oder Falsch“, sagt die CSU-Abgeordnete Dagmar Wöhrl, die das Papier mit erarbeitet hat. Eines der höchstpersönlichenen Güter sei „das Selbstbestimmungsrecht über unser eigenes Leben“. Daraus und aus der Unantastbarkeit der Menschenwürde „muss sich aber auch ableiten lassen, dass man selbstbestimmt sterben darf“. Wöhrl spricht vom „Recht auf letzte Hilfe“. Nicht aus hedonistischen Gedanken, sondern um Rechtssicherheit zu schaffen.

Ob das im Bundestag eine Mehrheit finden würde, ist offen. Einig sind sich die Abgeordneten nur darin, keine kommerzielle Sterbehilfe zulassen zu wollen. In der CSU-Führung zeichnet sich ab, dass die Mehrheit Wöhrl nicht folgen mag. Der Vorstand beauftragte den Münchner Johannes Singhammer mit einem (für die Abgeordneten nicht bindenden) Konzept. Der Bundestagsvizepräsident lehnt Sterbehilfe strikt ab, beginnend beim Begriff: „Es geht um die die Begleitung am Lebensende.“ Singhammer plädiert für ein klares Verbot von organisierter Sterbehilfe, also für einen neuen Straftatbestand, Kern seiner Pläne ist der Ausbau von Palliativmedizin und Hospizen. Singhammer liegt auf einer Linie mit Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Sie sagt, in Hospizen würden Schmerzen behandelt, aber Leben nicht um jeden Preis verlängert. „Wenn ein schwerstkranker Mensch gehen möchte, wird sein Wunsch respektiert. Aber das Sterben wird nicht aktiv unterstützt. Das ist der entscheidende Unterschied.“

Die Zahl der Vorschläge wird wachsen. Die Grüne Renate Künast will nichtkommerzielle Sterbehilfe-Vereine erlauben. Die Meinungen gehen auch quer durch die Ärzteschaft. Präsident Frank Ulrich Montgomery lehnt jede organisierte Sterbehilfe strikt ab, unlängst forderten aber namhafte Palliativmediziner, Ethiker und Juristen, dass Ärzte Sterbenskranke unter strengen Voraussetzungen in den Tod begleiten dürfen.

Das Parlament wird sich Zeit lassen. Für 13. November ist eine erste Orientierungsdebatte angesetzt. Bis Frühjahr 2015 bringen die Abgeordneten ihre Gruppenanträge ein, es folgen Ausschussdebatten und Anhörungen mit Experten. Die Entscheidung wird wohl erst in einem Jahr fallen.

Christian Deutschländer

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