„Nehmt den Wessis das Kommando“ - das Wahlkampfplakat der Linken in Sachsen-Anhalt sorgt für Diskussionen. Vorne spricht Spitzenkandidatin Eva von Angern.
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„Nehmt den Wessis das Kommando“ - das Wahlkampfplakat der Linken in Sachsen-Anhalt sorgt für Diskussionen. Vorne spricht Spitzenkandidatin Eva von Angern.

„Erbärmlicher Stil“

„Nehmt den Wessis das Kommando“ - Linke-Plakat und Thesenpapier werden zum Sachsen-Anhalt-Aufreger

Umstrittene Kampagne im Landtagswahlkampf: Die Linke setzt in Sachsen-Anhalt auf einen „Anti-Wessi-Kurs“. Es hagelt Kritik.

München - „Nehmt den Wessis das Kommando“, heißt es auf einem Plakat - der Kurs der Linken* in Sachsen-Anhalt sorgt für Aufsehen und viel Kritik. Abgebildet ist auf dem Plakat außerdem ein an der Leine geführter Hund. Die Partei hat entschieden, es nur bei der Präsentation zu zeigen und nicht während des Wahlkampfs aufzuhängen, trotzdem sorgte es bereits für viel Zündstoff. In Sachsen-Anhalt wird im Juni gewählt.

Der SPD-Landesvorsitzende Burkhard Lischka warf den Linken „ziemlich erbärmlichen Stil“ vor, den man sonst nur von der AfD kenne. Auch der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), übte Kritik. „Ich halte von dieser Parole nichts“, erklärte Wanderwitz dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Wessi-Kritik: Linke geht in Thensenpapier noch weiter - „Der Wessi ist immer der Chef“

In einem Thesenpapier, das dem Spiegel vorliegt, geht die Linke aber noch weiter. Verfasst wurde es von Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern und dem Landeschef Stefan Gebhardt. Für die Ost-Partei ist Kritik an Westdeutschland zwar nichts Neues, doch das Papier bringt eine neue Schärfe in die Debatte und richtet sich auch gegen Führungskräfte, die in Ostdeutschland leben, aber aus dem Westen stammen.

Zwei Drittel der hundert größten Unternehmen im Osten würden von Westdeutschen geführt, heißt es darin. Die Linken schreiben: „Drei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit gilt für die Mehrheit der Ostdeutschen: Der Wessi ist immer der Chef.“ Und weiter: „Es gilt als normal, dass Ostdeutsche auf den Kommandobrücken nichts zu melden haben.“

Die Linke beklagt, dass nur eine Minderheit von Abteilungs-, Referats- und Stabsleiter:innen sowie Rektor:innen und Hochschulpräsident:innen aus dem Osten komme. Der Anteil ostdeutscher Führungskräfte sei in Einrichtungen wie dem Uniklinikum Halle oder der Polizei stetig gesunken. Die Schlussfolgerung: „Es braucht eine gezielte Förderung des ostdeutschen Nachwuchses.“

Thesenpapier der Linken: „Ungleiche Lebensverhältnisse kein Betriebsunfall, sondern gewollt“

Auch ungleiche Lebensverhältnisse werden in dem Papier moniert: „In Sachsen-Anhalt arbeiten die Menschen durchschnittlich 75 Stunden länger im Jahr und erhalten fast 3000 Euro weniger Jahreslohn als im Nachbarland Niedersachsen.“ Dies sei „kein Betriebsunfall der deutschen Einheit“ - sondern „politisch gewollt“.

Die Beschwerden werden konkreter: „Von der Ausverkaufspolitik der Treuhand, dem Plattmachen der ostdeutschen Konkurrenz über die Absicherung der Niedriglohnzone Ost durch die Agenda 2010 und die verstärkte Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge zieht sich eine politische Linie.“

Die Linken sehen diese in „der Ausbeutung der Ost-West-Unterschiede als wirtschaftliches Geschäftsmodell, dessen soziale Folgeschäden mit Staatsgeldern bezahlt werden müssen“. Das „Fernhalten der Ostdeutschen von den Schlüsselstellen in Staat und Gesellschaft“ sei die „konsequente Fortsetzung dieser Politik.“

Vorwurf der Linken: Westdeutsche akzeptieren Ost-Identität der Ostdeutschen nicht

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass Westdeutsche die Ost-Identität der Ostdeutschen nicht akzeptierten, sondern diese dazu drängten, westdeutscher zu werden - und es ihnen übel nähmen, täten sie dies nicht. „Ähnlich wie in dem untergegangenen anderen deutschen Staat wird vor allem Dankbarkeit und Unterordnung unter das Bestehende erwartet, so als ob die Ostdeutschen seit der Wiedervereinigung nichts Eigenes geleistet und hervorgebracht hätten und die Leistungen in den Jahren davor nichts zählen“, heißt es.

Im Umgang mit der ostdeutschen Kultur habe sich „eine Unkultur der Verachtung verfestigt, vor der sich immer noch zu viele wegducken und kleinmachen.“

Linken-Landeschefin verteidigt Anti-Wessi-Plakat

Linkenchefin Susanne Hennig-Wellsow verteidigte das Plakat: „Ich habe einen anderen Humor, aber ich kann das Anliegen nachvollziehen«, sagte sie - es habe „funktioniert“, weil es der Benachteiligung Ostdeutscher Aufmerksamkeit verschaffe. Für sie habe sich die ostdeutsche Kanzlerin Angela Merkel* zu wenig für den Osten eingesetzt: „Die Wendezeit ist im Osten noch nicht verarbeitet, wir verdienen immer noch im Schnitt weniger Geld als Westdeutsche. Man hätte als Kanzlerin sehen müssen, was daraus für Verwerfungen folgen“, betonte Henning-Wellsow.

Die Umfragen in Sachsen-Anhalt sahen die Linke zuletzt auf Rang drei - allerdings mit spürbaren Verlusten verglichen mit der zurückliegenden Landtagswahl. (cg) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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