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Einzeln präsentiert Christian Ude sein Schattenkabinett.

Vor dem Parteitags-Wochenende

Die SPD lockt mit Salami-Taktik

München - Einzeln präsentiert Christian Ude sein Schattenkabinett. Es sind weniger bekannte, aber respektable Personen. Der große Schub für den Spitzenkandidaten blieb jedoch bisher aus. Im Umfrageglück sonnt sich die CSU.

Der Satz knallt wie ein Peitschenhieb, und das heißt was bei Christian Udes getragenem Sprechtempo. Man habe hier, so verkündet der SPD-Spitzenkandidat, „ein Asylantenkind von Analphabeten-Eltern“. Dann ist erst mal Ruhe im Raum, nur die Kameras klicken. Sie fangen Bilder ein von Ude und dem Asylantenkind neben ihm: Mahmoud Al-Khatib, 1974 im Libanon geboren, Flüchtling. Er sitzt da im Anzug, smart, ein in Bayern mit zwei Prädikatsexamina ausgezeichneter Top-Jurist.

Al-Khatib ist das neueste Mitglied in Udes Mannschaft, die in elf Monaten die CSU entmachten will. Man kann mosern: ein landespolitischer Niemand, und dann dieses Gutmenschen-Klischee vom Migranten, der über Integration reden soll. Beeindruckend allerdings ist die Biografie schon. 1978 flohen seine Eltern vor dem Bürgerkrieg, acht Jahre verbrachte er in einer Asyl-Unterkunft in Neuburg an der Donau. Es waren wohl düstere Jahre. „Ein Pack wie ihr gehört abgeschoben, ihr gehört in den Ofen“, zitiert er einen Mitarbeiter der Ausländerbehörde. Al-Khatib biss sich durch, studierte, wurde Anwalt in Wirtschaftskanzleien in München und Dubai – und kehrte zurück, ging als Abteilungsleiter Soziales ins Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen. Dort befasste er sich unter anderem mit Flüchtlingen: „Ich hab das nicht aus Büchern, nicht aus Erzählungen, ich habe das mit meiner Familie erlebt.“

Der Jurist, inzwischen Personalchef der Regensburger Uni, soll in Udes Team die Integrationspolitik repräsentieren. Einen eigenen Minister will Ude dafür nicht, aber den Kompetenzsalat aus Innen-, Sozial- und Kultusressort irgendwie bündeln. Al-Khatibs Linie ist klar: „Man muss anfangen, Asylbewerber als Bereicherung zu empfinden“, sagt er. Jeder Migrant soll vom ersten Tag an Deutschunterricht bekommen. Der Staat soll mehr Migranten beschäftigen, die „Lagerpflicht“ für Asylbewerber soll fallen. Stattdessen soll der Staat beim Auszug in Wohnungen die Kaution vorstrecken und die Maklerprovision zahlen.

Die Personalie platzt in eine Phase, in der CSU und FDP um das Asylrecht ringen (siehe auch Bayernteil). Sie ist zudem spannend, weil Al-Khatib für den Landtag in dem Stimmkreis antritt, wo auch CSU-Chef Horst Seehofer kandidiert. „Ein richtiger Glücksfall“, sagt Ude. Man darf annehmen, dass er das über jedes neue Mitglied seiner Kernmannschaft sagen wird. Klar aber ist: Ein Glücksfall ist für Ude jetzt auch dringend nötig. Bisher lief es eher mau für den SPD-Spitzenkandidaten. Er wurde sehr früh ausgerufen, der Aha-Effekt aber hielt nicht lange. In den Umfragen liegt die SPD mit 21 Prozent zwar knapp drei Punkte über dem letzten Wahlergebnis, aber auch mit Grünen und Freien weit von der Machtübernahme entfernt. Die Vergleichswerte von Ude (Bürgermeister) zu Seehofer (Bundesratspräsident) sinken sogar.

Von der Präsentation des Spitzenteams, Name für Name in Salami-Taktik, erhofften sich SPD-Strategen den Umschwung. Das aber gelingt nur teilweise. Der Name von Julian Nida-Rümelin (Kunst) flutschte eher versehentlich raus, Werner Widuckel (Wirtschaft) wurde interessierter zur Kenntnis genommen, die 27-jährige Informatikerin Doris Aschenbrenner (Internet) bekam hingegen fast keine Schlagzeile.

Am Wochenende wird Ude die nächste präsentieren, Umwelt vielleicht oder Finanzen, man murmelt, es könne allmählich auch jemand aus der Landtagsfraktion an die Reihe kommen. Und natürlich Ude selbst, denn der Parteitag in Nürnberg ruft ihn dann offiziell zum Spitzenkandidaten aus. Wegen des CSU-Umfragehochs von 48 Prozent grämen sollen sich die Delegierten jedenfalls nicht. Ude tröstet sie mit den jüngsten Kommunal-Erfolgen der SPD. Es gebe „seit Monaten die Arbeitsteilung, dass die CSU die Umfragen gewinnt und wir die Wahlen. Das macht mir sehr viel Vergnügen."

Von Christian Deutschländer

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