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Ein Superminister mit derzeit superviel Ärger: Ludwig Spaenle, Münchens CSU-Chef.

Seehofer rückt von ihm ab

Ludwig Spaenle - auf dem Abstellgleis?

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Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu – und böse Zungen behaupten: auch die Karriere des Schulministers. Sind die Tage des Münchners im Kabinett gezählt?

München – Es ist schon dunkel, als sich Ludwig Spaenle beim Sommerempfang des Landtags im Garten des festlich beleuchteten Schlosses Schleißheim auf Journalistentour begibt. 

Einem nach dem anderen erzählt er, wie das wirklich sei mit dieser vermaledeiten Tram durch den Englischen Garten. Dass er schon 1998 für einen Elektrobus geworben habe. Dass die Gleise den Park teilen würden. Dass die Münchner CSU geschlossen gegen den überraschenden Meinungswandel von Horst Seehofer sei. Spaenle gestikuliert ausladend im halbdunklen Schlosspark, während hinter ihm ein Gewitter aufzieht. Es blitzt, Wind kommt auf. Symbolischer könnte die Szenerie kaum sein.

Ludwig Spaenle hat neun seiner 56 Lebensjahre als Mitglied des Kabinetts verbracht. Erst als Kultusminister (inzwischen der dienstälteste in Deutschland), seit 2013 sogar als „Superminister“ für Kultus und Kunst. Ausdruck und Idee stammen von Seehofer. Inzwischen aber scheint der Ministerpräsident selbst gar nichts mehr „super“ daran zu finden. Die Zeichen mehren sich, dass der CSU-Chef bis Jahresende eine Trennung erwägt – des Ressorts und vom Minister. In mehreren internen Runden formulierte Seehofer in den vergangenen Tagen einen Zorn auf Spaenle, der Zuhörer verdutzte. Selbst in seinem feierlichen Schlusswort zur Landtags-Sommerpause bringt er gestern unfeierlichen Spott für Spaenle und die notorisch zerstrittene Münchner CSU unter. Kühl kritisiert er, dass die Bevölkerung besser über das Bildungspaket informiert werden müsse – „das geschieht leider zu wenig“. Später witzelt er über das „Trambähnchen“.

Zwei Sätze, zwei Schläge gegen Spaenle in dessen Doppelfunktion als Minister und als Münchner CSU-Chef. Das zeigt, dass es um mehr geht. Auslöser mag die kuriose Wende im seit 1901 schwelenden Streit um die Tram sein. Doch bei Spaenle geht der Riss tiefer als ein paar Gleise.

Mit steigendem Alter wird Spaenle immer unverständlicher

Ärger hat Spaenle seit Monaten. Auch mit der CSU-Fraktion im Landtag. Viele finden, der Minister habe vor der Rückkehr zum G9 zu wenig informiert und sich zu spät positioniert. „In ungefähr vierteljährlichem Abstand gibt es neue Ideen – und das immer mit dem Satz: aus tiefer Überzeugung“, schimpfte Seehofer im Februar öffentlich. Zwei Wochen später schrieb die Fraktion einen Brief mit 15 offenen Fragen an den Parteifreund – ein Affront. Spaenle weist den Vorwurf mangelnder Information zurück. „Ich weiß nicht, was ich hätte mehr machen sollen.“ Und zum Gymnasium habe er klar Stellung bezogen. „Das Thema wurde von mir gesetzt!“

Das haben nicht alle mitbekommen. So passiert das öfter mit Spaenle. Sein bellender Sprachduktus verspricht Klarheit, der Strauß’sche Nacken Aggressivität. Was er aber sagt, lässt Zuhörer ratlos zurück: kompliziert, verschlungen, erklärungsbedürftig. Sprecher, die ihn erklären könnten, hat er nicht, oder sie machen sich nicht die Mühe. Mit steigendem Alter wird Spaenle immer unverständlicher. Heute würde keiner mehr glauben, dass er als Student Nachtmoderator bei Radio Charivari war.

Er ist so oft sein eigener Gegensatz: promoviert über Philhellenismus, sich aber nicht zu schade, im verschmierten Polohemd stundenlang Wahlplakate zu kleben. Bodenständig und erfahren, dann aber haarsträubend tief in die Verwandtenaffäre verstrickt. Was Seehofer, der ihn 2013 mit einem Fingerschnippen hätte feuern können, noch genau weiß. „Der Horst hat dem Lui so oft das Leben gerettet“, schnauft einer aus der CSU-Spitze.

Beim Kultusminister scheint das Maß voll

In der Tat: An Ministern hielt Seehofer stets lange fest. Doch beim Kultusminister scheint das Maß voll. Natürlich geht es dabei, wie derzeit fast immer in der CSU, auch um die Dauerfehde Seehofer–Söder. Spaenle gehört, so wie sein Staatssekretär Georg Eisenreich, zum Söder-Fanclub, sie sind sogar familiär verbandelt. In der CSU vermuten etliche, dass Seehofers Tram-Volte auch auf seinen Finanzminister zielte, der qua Amt Parkchef ist. Doch während Söder geschickt auswich („Ich bin offen“), warnte Spaenle vor einer „Sünde“. Eine Wortwahl, die Spaenle nun relativiert (gemeint habe er die Stadt) – die sich aber beim Chef eingebrannt hat.

Lesen Sie auch einen Kommentar zum Clinch zwischen Seehofer und Söder. 

Noch dazu wird Seehofer gezielt zugetragen, wie die Unruhe in der Münchner CSU wächst. Die internen Feindschaften dort passen auf keine Zeitungsseite. Der Parteichef hat in den vergangenen Wochen alle zehn Bezirksverbände bayernweit besucht – und nur den Münchnern erklären müssen, dass sie gefälligst zusammenhalten sollen.

Finanzminister Markus Söder und Ministerpräsident Horst Seehofer im Landtag. 

Der Großteil des Verbandes steht loyal hinter Spaenle

Ob das was brachte, ist ungewiss – der Großteil des Verbands steht nämlich loyal hinter Spaenle und, solange die Achse hält, auch hinter Eisenreich. „Seehofer führt da nur einen Feldzug gegen die Offiziere des Generalfeldmarschalls Söder“, schimpft einer. Das sei „Politik auf Kosten der Partei“. Sollte Seehofer Spaenle im Herbst absägen, drohe im Bezirk gewaltiger Ärger.

Ob es dazu kommt? Spaenle kann die Aufregung gar nicht verstehen. „Ich blicke auf ein erstes Halbjahr zurück, in dem ich mit am meisten politisch anschieben konnte.“ Und das Verhältnis zu Seehofer? Die Antwort ist ein echter Spaenle. „Wir haben ein politisches Grundunterstützungsverhältnis.“ Ja dann.

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