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Brillanter Zeichner: Dieter Hanitzsch hat viele politische Größen wie Franz Josef Strauß karikiert.

Dieter Hanitzsch soll ihn erhalten

Spaenle will nicht, dass renommierter Karikaturist wichtigen Preis bekommt

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Der Ernst-Hoferichter-Preis ist eine der wichtigsten Auszeichnungen der Stadt. Dass der Karikaturist Dieter Hanitzsch ihn bekommen soll, sorgt für Zündstoff. Vor allem Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle (CSU) hadert mit der Jury-Entscheidung.

München - Die Schriftsteller Carl Amery und Isabella Nadolny waren im Jahre 1975 die Ersten. Danach folgten als Preisträger bekannte Künstler wie Doris Dörrie, Gerhard Polt, Luise Kinseher oder Bruno Jonas. Der Hoferichter-Preis zeichnet Persönlichkeiten aus, die für Weltoffenheit und Humor stehen. Er wurde von Franzi Hoferichter, der Witwe des Münchner Schriftstellers (1895 – 1966), gestiftet.

Kommende Woche wird der Preis für 2019 verliehen. Er geht an die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke (53) und den renommierten Karikaturisten Dieter Hanitzsch (85) und ist mit jeweils 5000 Euro dotiert. Hanitzsch, ein Mann der deutschlandweit für seine spitze Feder berühmt und geachtet ist. Bekannt gegeben wurden die Preisträger schon im August vergangenen Jahres – doch erst jetzt wird Kritik an der Entscheidung laut.

Vor einem halben Jahr entbrannte eine heftige Antisemitismus-Debatte, nachdem die „Süddeutsche Zeitung“ eine Karikatur Hanitzschs veröffentlich hatte, die Benjamin Netanjahu zeigt. Zu sehen ist der israelische Regierungschef im Gewand der Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Netta. Er hält eine Rakete in der Hand, die mit einem Davidstern markiert ist. Hanitzsch wurde daraufhin Antisemitismus vorgeworfen. Die SZ trennte sich von dem Zeichner. Der Deutsche Presserat sah später in der Netanjahu-Karikatur keinen Verstoß gegen den Pressekodex. Einige Mitglieder kritisierten jedoch „eine stereotype Bildsprache“.

Mehr zum Thema: Umstrittene Karikatur löst Proteste aus: „SZ“ trennt sich von Zeichner Hanitzsch

Anfang Januar wurde eine Mail einer „Münchner Gruppe gegen Antisemitismus und Israelhass“ an Medien verschickt, in der die Preisvergabe an Hanitzsch und der Preisträger selbst in harschen Worten kritisiert werden. Öffentliche Dynamik bekam die Sache, als die Präsidentin der Israelitischen Kultusgmeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ sagte, die Auszeichnung sei „mehr als befremdlich und unangemessen“.

„In einem Fall deutlich gezweifelt werden“

Ludwig Spaenle.

Am Montag meldete sich nun auch der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle, zu Wort. Bei Hanitzsch müsse „in einem Fall deutlich gezweifelt werden“, ob er „Originalität mit Weltoffenheit und Humor“ verbinde, erklärte Spaenle. Er habe in besagter Karikatur „eindeutig antisemitische Stereotype geliefert“. Das sei nicht akzeptabel. „Die Verleihung des Ernst-Hoferichter-Preises an ihn ist deshalb unverständlich.“ Auch weil sich Hanitzsch im Nachhinein nicht von seiner Zeichnung distanziert habe. Knobloch sagte gestern unserer Zeitung: „Mit seiner berüchtigten Karikatur, die mich persönlich an den Stürmer erinnert, hat Dieter Hanitzsch die Werte Weltoffenheit und Humor nicht befördert, sondern beschädigt.“

Kulturreferent Hans-Georg Küppers, zugleich Vorsitzender des Stifungsbeirats, erwiderte auf Anfrage: Selbst wenn die in Rede stehende Karikatur vielleicht nicht zu Hanitzschs gelungensten gehöre, sei der Vorwurf des Antisemitismus „mit Blick auf sein Lebenswerk untragbar“. Der Laudator der Preisverleihung, Alt-OB Christian Ude, kritisierte, eine kleine Gruppe treibe derzeit eine „Fanatismus-Debatte“ voran. Hanitzsch und sein Lebenswerk sollten um jeden Preis diskreditiert werden. „Das finde ich sehr bedenklich“, erklärte Ude. Er teile zwar die Ansicht, dass die Netanjahu-Karikatur nicht gelungen sei. Aber sie sei „nicht im Geringsten antisemitisch“. Und Hanitzsch selbst erst recht nicht. Ob er die Kritik Knoblochs nachvolziehen könne? Ude: „Ich habe sie am Wochenende getroffen. Es gab keine unüberbrückbaren Differenzen.“

Hanitzsch ist Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.

Dieter Hanitzsch selbst sagte unserer Zeitung: „Ich lasse mir die unbändige Freude über diesen Preis in meiner Heimatstadt durch nichts verderben.“ Er habe keinen Grund, „sich zu verteidigen, weil die Karikatur nicht antisemitisch war“. Er stelle sich eher die Frage, ob diese Debatte den Antisemitismus nicht befördere. Hanitzsch ist Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck sagte 2014 bei der Würdigung, es sei besonders Hanitzsch zu verdanken, dass die Kunstform der Karikatur wesentlich zur demokratischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland gehöre.

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und: Dieter Hanitzsch im Interview: „Echte Freundschaften sind ein Geschenk“

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