Jury wählt „Lügenpresse“

Was tun gegen das braune Unwort?

München/Darmstadt - „Lügenpresse“, schreien Pegida-Anhänger. Das entsetzt auch Sprachkritiker, sie wählten die Parole mit Nazi-Bezug zum „Unwort des Jahres“. Aber woher kommt das Misstrauen gegen die Medien – und was kann man dagegen tun?

Als die Darmstädter Sprachkritikerin Nina Janich (46) das „Unwort des Jahres 2014“ bekannt gibt, ist klar: Der ausgewählte Begriff der Jury ist so aktuell wie kaum ein „Unwort“ der vergangenen Jahre, als „Sozialtourismus“, „opfer-Abo“ und „Döner-Morde“ ausgewählt wurden. „Lügenpresse“ küren die Sprachkritiker zum schlimmsten Begriff 2014. Ein Wort, das schon die Nationalsozialisten verwendeten: Heute skandieren es die Demonstranten des Anti-Islam-Bündnisses Pegida.

„Uns war in der Jury von vornherein klar, dass wir ein Wort rund um die Pegida-Debatte als Unwort auswählen wollen“, sagt Janich. Der Begriff „Lügenpresse“ sei ein „besonders perfides Mittel“. Viele der Pegida-Demonstranten wüssten vermutlich nicht, aus welcher Zeit die Parole stammt, die „sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks“ dürfte einem Großteil unbekannt sein.

Viele Protestierende glauben aber tatsächlich, dass es auch heute keine wirkliche Meinungsvielfalt oder Meinungsfreiheit gäbe. Vielmehr würden Regierung oder „System“ bestimmen, was veröffentlicht werden darf. Das Vertrauen in die Presse ist einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge auf einem Tiefpunkt.

Wohl auch, weil sich die Medienlandschaft extrem verändert. „Der Nutzer braucht ein stärkeres kritisches Bewusstsein als bei den klassischen Medien“, sagt Forscher Christoph Neuberger. Ist die „Lügenpresse“-Wahl ein Impuls für eine Debatte, ob an den Schulen schon Medienkunde unterrichtet werden soll? „Ich sehe politischen Handlungsbedarf“, sagt SPD-Bildungspolitiker Martin Güll. Ob Medienkunde vermittelt wird, hänge zu stark vom Lehrer ab. Güll will kein eigenes Schulfach, aber mehr Raum im Lehrplan. „Das Bessere ist der Feind des Guten, aber ich warne vor Schnellschüssen“, sagt Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Der Umgang mit Medien sei bereits ein Querschnittsthema, etwa in Deutsch und Sozialkunde. Gegen ein eigenes Schulfach wendet auch er sich.

Natürlich müsse Medienkritik möglich sein, sagt Sprachkritikerin Janich. Aber „Lügenpresse“ sei ein Kampfbegriff, „den man überhaupt nicht verwenden sollte.“ Lob für die Jury kommt von Journalistenverbänden und aus der Wissenschaft. „Das ist eine Wahl, wie sie nicht hätte besser sein können“, sagt Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. „Das zeigt, wie schnell populistisches Reden in NS-Jargon kippen kann – auch, dass das Ressentiment derer, die Begriffe wie ,Lügenpresse‘ verwenden, sich gegen eine offene Gesellschaft richtet.“ So sieht es auch der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, Ludwig Eichinger. Man solle besser „zweimal nachdenken, ob man das Wort in einer demokratischen Gesellschaft verwendet.“

Joachim Baier und Christian Deutschländer

Rubriklistenbild: © dpa

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