"Macht die Fenster der Kirche weit auf!"

- München - Für viele klang es wie eine Befreiung: "Macht die Fenster der Kirche weit auf!" Das Motto, das Papst Johannes XXIII. (1958-1963) laut einer nie bestätigten Anekdote nach seinem Amtsantritt ausgegeben hatte, ging als Weckruf durch die katholische Welt. Zu stark hatte sich die Kirche unter dem 19-jährigen Pontifikat des entrückt wirkenden Asketen Pius XII. von der Welt abgekoppelt, zu stark verkrustet waren die Strukturen im Vatikan.

<P>Nun forderte der volkstümliche Patriarch von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, eigentlich als Kompromisskandidat und "Papst des Übergangs" gedacht, die Sensation: eine Wiederannäherung an die Erfordernisse der Zeit. Im Januar 1959 rief er - zum Entsetzen mancher Prälaten - ein allgemeines Konzil aus, das erste seit fast einem Jahrhundert und das dritte der Neuzeit überhaupt. </P><P>Alsbald entspann sich hinter den Kulissen ein heftiges Ringen zwischen den "Bewahrern" und den "Progressiven", von denen sich vor allem die Nordeuropäer wie der belgische Kardinal Leo Suenens oder der Kölner Kardinal Josef Frings hervortaten. Dass das Aufbegehren gegen den antimodernistischen Reformstau nicht vornehmlich aus der kirchenpolitischen "Linken", sondern vielmehr aus dem "ultramontanen Mainstream" (Klaus Schatz) entsprang, beweist nicht zuletzt der Bauernsohn Johannes selbst, dessen theologisch tief konservative Gesinnung niemand ernsthaft in Zweifel ziehen kann. <BR><BR>Der prächtige Einzug der 2450 Konzilsväter in den Petersdom am 11. Oktober 1962, heute vor 40 Jahren, wurde auch zum Triumphzug für die Idee des 80-jährigen Papstes, dessen tödliche Krebserkrankung bereits ihre Schatten vorauswarf. Für das letzte Stück Wegs verließ er die Sänfte - ein Symbol des kirchlichen Feudalismus, das sein Nachfolger abschaffte - und ging zu Fuß: auf Augenhöhe mit den Problemen der Welt und der Weltkirche, die hier zur Sprache kommen sollten. Die dreijährige Kirchenversammlung machte Geschichte und führte zu atemberaubenden Veränderungen: eine tief greifende liturgische Erneuerung mit der Zurückdrängung der lateinischen Messe, ein verstärktes Selbstbewusstsein der Ortsbischöfe gegenüber Rom, aber der Euphorie folgte eine Zeit der Verunsicherung auch der Laien gegenüber den Bischöfen, die Bewusstwerdung von Weltkirche und eine ökumenische Öffnung ohne Vorbild. <BR><BR>Das Konzil machte Berater und Bischöfe zu Helden, zu Ikonen der Theologie des 20. Jahrhunderts: Schillebeeckx, König, Rahner, Ratzinger, Congar. Die "Bewahrer" wurden zu Buhmännern abgestempelt, etwa Kardinalstaatssekretär Ottaviani. Die "Deutschen", die auf dem Konzil zu den Zugpferden der Reform gehörten, bekamen allerdings zunehmend Angst, vor den Karren der Linken gespannt zu werden - zumal aus der Heimat immer weiter gehende Reformwünsche geäußert wurden. <BR><BR>Die Auseinandersetzungen der beiden Pole, die das ganze Konzil über anhalten sollten, setzen sich bis heute und bis in die kleinsten Pfarreien fort. Sie wirken oftmals wie ein "verdecktes Schisma" (Victor Conzemius), das viele Gemeinde-Aktivitäten lahm legt. Der Euphorie des Konzils folgte eine Zeit allgemeiner Verunsicherung. Die teils übers Ziel hinausschießende Experimentierfreudigkeit im Gottesdienst und der regelrechte Bildersturm bei Kircheneinrichtungen und liturgischen Kunstschätzen trieb viele Katholiken, die ihre Traditionen schwinden sahen, in die Arme von Traditionalisten wie dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre, der mit seiner "Priesterbruderschaft Pius X." zentrale Konzilsbeschlüsse ignorierte und den Weg ins Schisma wählte. <BR><BR>Dennoch: In den 70-er und 80-er Jahren ist das Konzil in den Köpfen der allermeisten Katholiken angekommen. Viele halten heute sogar bereits ein Drittes Vatikanum für notwendig. Doch es war der wichtigste Konzilienforscher des 20. Jahrhunderts, Hubert Jedin - selbst ein begeisterter Anhänger bei der Konzilseröffnung und ein bitterer Bedenkenträger in den Jahren danach -, der als Essenz seiner Forschung festhielt: Jedes Konzil hat mindestens ein halbes Jahrhundert bis zu seiner Umsetzung warten müssen. Das Zweite Vatikanische Konzil ist Geschichte, aber es ist auch Gegenwart und ständige Herausforderung für die Kirche. </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Österreich wegen Corona mit gleich drei  Reisewarnungen - Kurz warnt Heimkehrer ultimativ: „Kein Kavaliersdelikt“
Für die meisten EU-Länder wurde die Reisewarnung trotz Corona aufgehoben - die österreichische Regierung ändert diesen Kurs jetzt. Kanzler Kurz kündigt verschärfte …
Österreich wegen Corona mit gleich drei  Reisewarnungen - Kurz warnt Heimkehrer ultimativ: „Kein Kavaliersdelikt“
Heftige Vorwürfe: Trump will mit TikTok-Verbot gegen „Corona-Verantwortliches“ China vorgehen 
Will Trump sich an China für Corona rächen? Der US-Präsident denkt laut über eine Sperre von TikTok nach - Nutzer der App torpedierten zuletzt seinen Wahlkampf.
Heftige Vorwürfe: Trump will mit TikTok-Verbot gegen „Corona-Verantwortliches“ China vorgehen 
Kanye West will Präsident werde: Donald Trump findet das „sehr interessant“
Kanye West will seinen Kumpel Donald Trump herausfordern und an seiner statt ins Weiße Haus einziehen. Der Präsident nennt die geplante Kandidatur „interessant“.
Kanye West will Präsident werde: Donald Trump findet das „sehr interessant“
Verfassungsbeschwerde abgewiesen: Kommunalwahl in NRW findet wie geplant statt
Der Termin der Kommunalwahl 2020 in NRW musste vor Gericht auf den Prüfstand. Die Kernfrage: Gibt es Chancengleichheit trotz der Corona-Pandemie.
Verfassungsbeschwerde abgewiesen: Kommunalwahl in NRW findet wie geplant statt

Kommentare