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Islamisten in der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Machtkampf in Ägypten

Islamisten peitschen neue Verfassung durch

Kairo - Fassungslos sehen die Oppositionellen in Ägypten zu, wie die Islamisten ihre Verfassung durchpeitschen - ohne sich um die Einwände anderer Interessengruppen zu scheren. Das kann nicht gut gehen.

Das mehrheitlich mit Islamisten besetzte ägyptische Verfassungskomitee hat im Eilverfahren über seinen umstrittenen Entwurf für eine neue stark islamisch geprägte Verfassung abgestimmt. Die Mitglieder des Gremiums gaben am Donnerstag zu jedem Artikel einzeln ihre Stimme ab. Die Abstimmung dauerte am Abend an.

Bis gegen 21.00 Uhr (MEZ) waren 135 von 234 Artikeln angenommen. Mit dem Ende der Abstimmung wurde erst für die Nacht gerechnet. Um Proteste zu verhindern, hatte die Polizei vor dem Gebäude, in dem die Abstimmung stattfand, kurzfristig eine Betonmauer errichtet. Oppositionelle Ägypter fürchten die Einführung eines Scharia-Staates.

Demonstranten fordern Rücktritt von Ägyptens Präsident

Demonstranten fordern Rücktritt von Ägyptens Präsident Mursi

Die Islamisten hatten die ursprünglich für Mitte Dezember geplante Abstimmung kurzfristig vorgezogen. Damit sollte Oppositionellen, die in den vergangenen Tagen heftig gegen die von Präsident Mohammed Mursi verkündete Verfassungserklärung protestiert hatten, die Luft aus den Segeln genommen werden. Der Präsident, der aus der Muslimbruderschaft stammt, hatte seine Machtbefugnisse auf Kosten der Justiz stark erweitert. Seine Anordnungen sollen bis zum Inkrafttreten einer neuen Verfassung gelten. Am Abend wollte sich Mursi in einer Fernsehansprache äußern.

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo harrten einige Hundert Demonstranten aus, die gegen den „Staatsstreich der Islamisten“ protestierten. Für Freitag ist eine große Kundgebung der gegnerischen Kräfte gegen „den neuen Pharao Mursi“ geplant. Am Samstag wollen dann die Islamisten ihre Anhänger mobilisieren. Sie sollen auf den Straßen und Plätzen des Landes ihre Unterstützung für Mursi und die „Scharia“ bekunden. Viele Ägypter befürchten, dass es dann zu Zusammenstößen zwischen den Anhängern der beiden Lager kommen könnte.

Ägypter bejubeln Entmachtung des Militärs

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Allerdings änderten Mursis Anhänger am Donnerstagabend ihren Plan: Statt in der Umgebung des Tahrir-Platzes wollen sie nun im Umkreis der Universität demonstrieren - offenbar um Zusammenstöße zu vermeiden.

Der ägyptische Nobelpreisträger Mohammed al-Baradei warf Mursi vor, Ägypten in eine Sackgasse geführt zu haben. Deshalb sei es nun auch seine Aufgabe, einen Ausweg zu finden. „Die Verfassung, über die jetzt abgestimmt wird, wird im Mülleimer der Geschichte landen“, sagte er in einem Fernsehinterview. Al-Baradei ist Vorsitzender der neuen ägyptischen Verfassungspartei.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) fürchtet bei einem Rückschlag in Ägypten um die Demokratiebewegung in der gesamten arabischen Welt. „Die Umbrüche in dieser Region werden nur erfolgreich gelingen, wenn die Umbrüche in Ägypten erfolgreich sind“, sagte Westerwelle bei einem Treffen mit seinem ägyptischen Kollegen Kamel Amr in Berlin. Er mahnte Islamisten und Opposition, eine Konsenslösung zu finden. Die Unabhängigkeit der Justiz müsse garantiert werden.

Präsidentenwahl: Ägypter feiern Mursi

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Im Verfassungskomitee geben die Muslimbrüder und die radikal-islamischen Salafisten den Ton an. Die liberalen und linken Mitglieder hatten sich in den vergangenen Wochen aus Protest gegen die aus ihrer Sicht mangelnde Kompromissbereitschaft der Islamisten aus dem Gremium zurückgezogen. Auch die Kirche zog ihre Vertreter ab.

26 der ursprünglich 100 Mitglieder der Versammlung erschienen am Donnerstag nicht zu der Abstimmung. Da mindestens 75 Mitglieder anwesend sein müssen und jeder Artikel nur dann als angenommen gilt, wenn 67 Mitglieder mit Ja stimmen, wurden 14 „Ersatzmitglieder“ aufgerufen. Da drei von ihnen ablehnten, zogen letztlich nur elf von ihnen in das Gremium ein. Die Abstimmung, die von einer Gebetspause unterbrochen wurde, war live im staatlichen Fernsehen zu sehen.

Die Verfassungsgebende Versammlung handele nicht unabhängig, kritisierte Mohammed Adel, ein Gründungsmitglied der Revolutionsbewegung 6. April. Sie habe vom Präsidenten den Auftrag erhalten, schnell eine Verfassung „zusammenzukochen“, um die Proteste zu beenden.

Massenproteste und Streik der Richter

Die Erweiterung der Machtbefugnisse des Präsidenten hatte vergangene Woche Massenproteste und einen Streik der Richter ausgelöst.

Der Entwurf schränkt nach Ansicht der zurückgetretenen Mitglieder des Komitees die Rechte der Frauen ein, beschneidet die Kompetenzen der Justiz und gibt den Religionsgelehrten Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess. Außerdem werden alle früheren Mitglieder der einstigen Regierungspartei mit einem politischen Betätigungsverbot für zehn Jahre belegt.

Nach der Abstimmung soll der Verfassungsentwurf Präsident Mursi vorgelegt werden. Binnen einiger Wochen soll dann in einer Volksabstimmung endgültig über die Verfassung entschieden werden.

Den Islamisten dürfte es jedoch schwerfallen, dieses Referendum zu organisieren. Denn in Ägypten führen bei Wahlen traditionell die Richter die Aufsicht. Die Mehrheit der Richter lehnt aber den Verfassungsentwurf ab.

dpa

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