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Frauke Petry.

Machtkampf in der AfD

Petrys Warnschuss nach Rechtsaußen

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Berlin - Fulminantes Signal an die Kritiker in den eigenen Reihen: AfD-Chefin Frauke Petry droht mit Rückzug. Es ist wohl der Versuch, die nach rechts driftende Partei zu disziplinieren. Ist es dafür schon zu spät?

Es war die Szene, die den Aufruhr in der Partei zeigte. Vergangener Sonntag. Landesparteitag der sächsischen AfD. Auf dem Podium steht Roland Ulbrich, Rechtsanwalt aus Leipzig. Eigentlich soll er sich als Kandidat für die sächsische Bundestagsliste vorstellen. Aber er nutzt seine Rede für eine minutenlange Tirade gegen Bundeschefin Frauke Petry, die nur einige Meter entfernt sitzt.

Aus „rein karrieristischen Erwägungen“ riskiere sie die Spaltung der Partei, wettert Ulbrich. Sie schließe sich „dem Angriff des Systems auf unseren Parteifreund Björn Höcke“ an. Immer wieder dreht er sich zur Parteichefin, sticht mit dem Zeigefinger in ihre Richtung. Irgendwann sinkt Petrys Kopf nach unten, sie hält die Hände vor die Augen. Die AfD-Chefin weint.

Es gibt Gegner Petrys, die selbst darin Taktik sehen. Ulbrich erntet Buhrufe, sie wird zur Listenführerin gewählt. Aber die Szene zeigt: Es hat sich viel angestaut. Die Partei droht abermals zu zerreißen. Es geht um Machtrangeleien. Es geht auch um die Frage, ob Gemäßigte um Petry, die die Partei für Bürgerliche wählbar halten wollen, die Oberhand haben. Oder ob die Anhänger des völkisch-nationalistischen Thüringer Landeschefs Björn Höcke, die sich in einer Gruppe namens „Der Flügel“ organisieren, den Kurs bestimmen.

Per Vorstandsbeschluss verlangt Petry Höckes Ausschluss. Viele nehmen ihr das übel. Gestern setzte die Parteichefin der Partei die Pistole auf die Brust. „Weder die Politik noch die AfD sind für mich alternativlos“, richtet sie der Partei im Berliner „Tagesspiegel“ aus. In dieser Situation kann man das nur als Signal verstehen: Entweder Ihr folgt mir – oder ich bin raus!

Viele sind in Sorge. Kritiker mögen Petry Alleingänge vorwerfen. Aber den meisten ist klar, dass sie als Gesicht der Partei unverzichtbar ist. „Gefährlich“, sagt ein einflussreicher bayerischer Funktionär. Was passiere, wenn Petry hinschmeißt? „Dann kann die AfD zumachen.“

Die Lage ist ohnehin prekär. Das Momentum im Zuge der Flüchtlingskrise, als mancher die Partei schon mit annähernd 20 Prozent im kommenden Bundestag sah, ist weg. Es kommen kaum noch Migranten. Das Thema ist aus dem Fokus der Bürger verschwunden. Die Partei liegt in manchen Umfragen gerade noch bei sieben Prozent. Er wage die Prognose, „dass die AfD noch nicht im Bundestag ist“, sagte CSU-Chef Horst Seehofer Anfang der Woche.

Kommentar zur AfD-Chefin: Das ist Petrys Alternative

Auch Petrys Verbündete kommen nun aus der Deckung, nehmen den Kampf auf. Die Chefin stehe „in der ersten Reihe der deutschen Politik und genau dort gehört sie hin“, schreibt der Berliner Landeschef Georg Pazderski auf Twitter. Sein Landesverband stehe „fest hinter ihr“. Noch rechtzeitig?

In mehreren Bundesländern setzten sich zuletzt Höcke-Anhänger auf den Listen für die Bundestagswahl im Herbst durch – oder zumindest solche, die sich mit seiner Verteidigung profilieren. In Brandenburg führt der stellvertretende Bundeschef und notorische Petry-Kritiker Alexander Gauland die Liste an. In Niedersachsen ist der Ex-Fernsehjournalist Armin Paul Hampel Spitzenkandidat – auch er Petry-kritisch.

In Nordrhein-Westfalen versuchte Petrys Ehemann und NRW-Landeschef Marcus Pretzell seinen Co-Vorsitzenden Martin Renner – einen Verteidiger Höckes – aus der Führung zu drängen. Er scheiterte. Renner ist nun Spitzenkandidat im größten AfD-Landesverband.

Wie solche Ergebnisse zustande kommen, konnte man jüngst im bayerischen Landesverband beobachten. In Greding traf man sich zur Listenaufstellung. Als Favorit auf Platz eins galt Landeschef Petr Bystron. Es kam anders. Sein Vorstandskollege Martin Hebner kandidierte überraschend gegen ihn. In seiner Rede griff er Bystron an, der Petrys Höcke-Kurs stützt. Er warf ihm vor, die Mitglieder in der Sache nicht einbezogen zu haben – und wurde gewählt. Auch auf Platz 3 landete eine Petry-Kritikerin. Die „Flügel“-Anhänger seien gut organisiert, heißt es in der Partei. Sie würden mit Bussen „angekarrt“. Die Gemäßigten seien oft passiv.

Die „Bild“-Zeitung macht bereits eine Rechnung auf: Von nach derzeitigen Umfragen 80 möglichen Bundestagsabgeordneten gälten bis zu 50 als Petry-Kritiker. „Das reicht nicht für den Fraktionsvorsitz“, zitiert das Blatt ein Vorstandsmitglied.

Gemäßigte werden sich das alles noch eine Weile ansehen. Sollte sich der Trend fortsetzen, dürfte es am moderaten AfD-Rand bröckeln. Mancher zieht jetzt schon Konsequenzen. Andreas Strixner, früher Schatzmeister der Bayern-AfD, postete auf Facebook ein Bild seines zerschnittenen Mitgliedsausweises. Die AfD habe mit der Liste ihr „wahres Gesicht gezeigt“, schreibt er. „Sie ist offen radikal“. Es sei „schade um das interessante Experiment, aber diese Alternative braucht keiner!“

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