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„Richtig einbringen. Oder wegbleiben.“ Markus Söder im Maximilianeum, dem Sitz des Landtags.

Vor dem Sprung in die Staatskanzlei?

Machtkampf mit Seehofer: Markus Söder ganz nah am Ziel

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Seit drei Jahrzehnten hat Markus Söder auf diesen Moment hingearbeitet. Jetzt, mit 50 Jahren, setzt er zum Sprung in die Staatskanzlei an. Doch was folgt eigentlich, wenn das Ziel erreicht ist?

München – Neulich, bei der Jubiläumsfeier des Beamtenbunds, hat Markus Söder von einer Karikatur erzählt. Ganz zufällig natürlich und völlig ohne Hintergedanken. Auf der Zeichnung geht der Herrscher des Jahres 1918, Ludwig III., im Münchner Hofgarten spazieren, als ihn zwei Männer ansprechen. „Majestät, gengs S’ heim, Revolution is!“, rufen sie. In der Tat: In der Nacht bricht Gewalt aus, Ludwig III. muss überstürzt fliehen. Die Revolution ist als „Wahnsinn der Novembertage 1918“ in die bayerischen Geschichtsbücher eingegangen.

99 Jahre später sitzt Markus Söder in seinem Büro im Finanzministerium am Odeonsplatz. Draußen regiert das Novemberwetter und ein bisschen auch wieder der Wahnsinn. Der Hofgarten liegt nur einen Steinwurf entfernt, der Herrscher aber geht nicht spazieren – er muss ja Koalitionsverhandlungen in Berlin führen. Doch auch dort hört Horst Seehofer fast täglich, wer in der CSU ihn jetzt heimschicken will. Revolution is’. Und zum Wahnsinn der Novembertage 2017 zählt, dass noch keiner genau vorhersagen kann, wie die Revolution ablaufen wird.

Gegen Gegner intrigiert, Rückschläge weggesteckt

Edmund Stoiber machte ihn 2003 zum Generalsekretär.

Söder jedenfalls steht in ihrem Mittelpunkt. Er ist der wahrscheinlichste Nachfolger, auf jeden Fall der entschlossenste. Seit er mit 16 in die CSU eintrat, hat er auf das Ziel hingearbeitet, mächtigster Mann in Bayern zu werden. Er war unglaublich fleißig und ausdauernd, hat Seilschaften geknüpft, Kämpfe ausgefochten, gegen Gegner intrigiert, Rückschläge weggesteckt. Jetzt ist er fast am Ziel. Jetzt gilt es, keinen Fehler mehr zu machen. CSU-Erfahrene sagen, alles laufe auf Söder zu, er müsse nur abwarten, bloß keine Ungeduld. Doch es ist unglaublich spannend, Söder auf dieser Etappe zuzuschauen, wie er einerseits versucht, staatstragend zu warten – und wie es andererseits in ihm wühlt, wie er jede Chance ergreifen will, an Majestät Seehofer zu rütteln.

Die hingeschlenzten Sätze mit der Karikatur zum Beispiel. Andere über das Lebensjahrzehnt ab 50 als „Zeit der Ernte“. Oder am Montag bei der Leonhardifahrt in Bad Tölz, als Söder den Ministerpräsidenten vertrat und kundtat, er komme 2018 gerne wieder – aber nicht mehr als Vertretung. Das sind vordergründig Scherze, in Wahrheit Spitzen, Pfeile, Messer.

Am letzten Samstag ist es eskaliert. Viele sagen, Söder habe dort erstmals einen größeren Fehler gemacht. Als die Landesversammlung der Jungen Union aus dem Ruder lief, die Delegierten in einem Hauruck-Beschluss Seehofers Abgang forderten – da ließ sich der Minister nach Erlangen zum Delegiertenabend fahren. Spontan redete er vor der JU, sie feierten ihn, er lobte sie flammend: „Rückgrat“, „Mut“, „toll gemacht“. Glasklar: ein Lob für den Anti-Seehofer-Beschluss; die offene Kriegserklärung. Bisher machte er so was subtiler. Um ja nie den Beleg zu liefern, er stecke hinter der Bewegung gegen Seehofer. Das muss nicht die Feigheit sein, die ihm seine Gegner nachsagen, sondern Kenntnis der Partei: Die CSU liebt die Revolution, aber selten die Revolutionäre.

Zurück im Büro am Odeonsplatz. Im Eck steht die Skulptur eines Spähers. Sie blickt genau über den Hofgarten in Richtung Staatskanzlei. Im Sessel lehnt Söder, trinkt Cola light aus einer Tasse, das Handy immer griffbereit. Und will erklären, was er für ein Typ ist. Er kann schön erzählen, wo er herkommt. Wie er, ein Jugendlicher aus einfachen Verhältnissen, in der Nürnberger Südstadt zur ersten CSU-Versammlung ging. Ortsverband St. Leonhard-Schweinau, alles andere als eine Hochburg der Partei. „Da saßen fünf ältere Herren im verrauchten Hinterzimmer einer Kneipe und ein 70-jähriger Stadtrat hielt einen Vortrag über die Situation der Kindergärten vor Ort.“ Ihm sei sofort klar gewesen: „Entweder man muss sich richtig einbringen. Oder wegbleiben.“ Ganz oder gar nicht.

Also ganz. Söder übernahm den Laden, wurde Landtagskandidat, holte das keineswegs sichere Direktmandat. Es lief wie so oft in seinem Leben: Söder will immer mehr, stößt auf Widerstände, sucht Verbündete, setzt sich durch. Von jeder Station zur nächsten wurde der Weg härter, die Gegner wurden mächtiger. Aktuell wehren sich viele Teile des CSU-Establishments gegen seinen Sprung in die Staatskanzlei: Minister, Parteivorständler, Besorgte. Und Seehofer, der ihn hasst. Wirklich abgrundtief hasst.

Söder hat Disziplin und Härte. Gegen sich und andere

Sollte Söder es schaffen, dann sicher nicht geschenkt. Er hat Disziplin und Härte. Gegen sich und gegen andere, von 5.30 Uhr, da steht er auf, bis Mitternacht. Er ist ein Kontrollfreak. Nichts passiert ohne Hintergedanken. Akribisch verfolgt ein Stab enger Mitarbeiter Politik und Medien. Zitate aus großen Reden und kleinen Runden bekommt der Chef von einem Netz aus Zuträgern direkt aufs Handy. Gehen abends die Digitalausgaben der Zeitungen online, werden sie binnen Minuten ausgewertet.

Zeit lassen. Geduld haben. Nicht seine Stärke? Markus Söder 2017 bei einem Besuch in London.

Dazu die Ochsentour quer durch Bayern. 88.600 Kilometer, 400 Auftritte, allein heuer, um die Basis hinter sich zu bringen. „Das habe ich von Edmund Stoiber gelernt“, sagt Söder. Als Generalsekretär begann er damit. Schwerpunkt ist Oberbayern, das CSU-Kernland, das Franken stets skeptisch beäugt. Parallel dazu brachte er die Mehrheit der Fraktion hinter sich, was viele zu spät merkten. Dieses Gremium wählt den Ministerpräsidenten. Böse Zungen behaupten, er habe jeden Kabinettsposten dreimal versprochen, um sich Gefolgschaft zu erkaufen. Quatsch, sagt Söder. „Ich habe niemandem irgendetwas versprochen.“ Angeblich nicht mal Staatssekretär Albert Füracker, 49. Der ist der loyalste Vertraute in der Politik, der Majestät Seehofer nötigenfalls alles ins Gesicht sagt.

Was kommt eigentlich danach?

Mit Strauß-Plakat im Jugendzimmer wuchs Söder auf.

Das System Söder, das gnadenlose Netzwerken und die bisweilen aberwitzig emotionalen Schübe, ist dutzendfach beschrieben worden. Seine Gegner kopieren längst seine Methoden, bis hin zum persönlichen Ausfahren jedes Förderbescheids; vermutlich werden auch bald überall in Deutschland „Heimatministerien“ entstehen. Nun, wo sein Ziel zum Greifen nah ist, stellt sich die Folgefrage: Was kommt eigentlich danach? Was wäre dieser Söder für ein Ministerpräsident? Er will darüber noch nicht reden. Jedes verfrühte Wort würde ihm um die Ohren gehauen, erst recht von Seehofer in diesem letzten Akt des jahrelangen Kampfes. Mit seinen jüngsten Auftritten gibt Söder aber einen Einblick. Die Revolution würde keine inhaltliche sein, keine total neue CSU-Politik. Eckpunkte zeichnet er erstmals vergangenen Sonntag bei der JU, der Morgen nach dem heiklen Auftritt beim Delegiertenabend – diesmal programmatisch, ohne viele Seitenhiebe. Keine Ein-Mann-Show werde es geben, sagt er. Die drei Schlagworte: liberal, konservativ, sozial. Man müsse liberal sein, wenn es um wirtschaftliche Innovation gehe, konservativ in der inneren Sicherheit, sozial gegenüber Alten und Schwachen.

Söder spricht viel über Digitalisierung. Man brauche eine Offensive an den Schulen. „Das können die Kommunen nicht allein schultern, das ist eine Aufgabe des Staates.“ Und er schimpft, weil der flächendeckende Mobilfunk „dramatisch nicht klappt“. Ein Thema hat der Nürnberger als Schwerpunkt erkannt: Der Wohnungsnotstand nehme „absurde Züge“ an. Man müsse verhindern, dass es bald nur noch Appartements für Millionäre und Hartz-IV-Empfänger gebe, die Normalbürger aber auf der Strecke blieben. „Die zentrale soziale Frage unseres Jahrhunderts.“

Das sind alles Sätze, wie sie vielleicht auch Seehofer gesagt hätte. Doch der Noch-Parteichef hatte ja kurzfristig abgesagt. So nutzt sein Nachfolger in Lauerstellung die Rede für eine Absetzbewegung. Die 38-Prozent-Wahlklatsche sei „kein Zufall“ gewesen. „Die Bürger haben uns nicht zugetraut, dass wir das, was wir sagen, auch wirklich umsetzen.“ Die CSU müsse nicht rechter werden, sondern glaubwürdiger. „Statt einem ständigen Hin und Her ist es wichtig, dass wir Politik mit Handschlagqualität entwickeln – dann wissen die Wähler, woran sie sind.“ Er will sich als Gegenteil jenes „Drehhofers“ inszenieren, mit dem die Opposition Seehofer traktierte. Bei Söder klingt es so: „Wir müssen stärker herausstellen, wer wir sind und wofür wir stehen. Wir müssen dann auch stehen bleiben, wenn es Widerstand gibt.“

Söder sagt es aber kantiger und visionärer

Söder will in vielen Feldern das, was eigentlich Seehofer will, sagt es aber kantiger und visionärer. Er will polarisieren und Leute lieber aufregen, als sie einzulullen. Er will potenzielle Streitthemen nicht abräumen, indem man auf Überzeugungen verzichtet. Nicht mal in der Flüchtlingspolitik gibt es den grundlegenden Dissens: Solange sich Seehofer gegen Merkels Politik stemmte, war Söder ganz an seiner Seite. Als Seehofer und Merkel wieder zueinanderfanden, wenn auch spät und seltsam gequält, wandte sich Söder aber ab. Und mit ihm weite Teile der Wähler.

Hätte er es besser gemacht? Würde er überall dort stehen bleiben, wo Seehofer wankte? Er kann es erst beweisen, wenn er die Letztverantwortung bekommt. Ein Moment, vor dem es seinen Gegnern graust. Und der noch nicht da ist. Noch tobt diese Revolution, und keiner weiß, ob Majestät Seehofer in Würde abtritt, flieht oder ohne Rücksicht auf Verluste kämpft. Die nächsten Wochen, vielleicht nur Tage, sind eine Nervenprobe für Söder. Gemessen an der Zeit, die er auf das Amt hinarbeitete, wahrscheinlich nur ein Wimpernschlag. Doch reicht die Geduld oder zerreißt es ihn?

Vor ein paar Jahren, als ihn eine Landtagsdebatte mal nervte, offenbarte Söder dem Plenum sein Lieblings-Stoßgebet. Es ist aufschlussreich: „Lieber Gott – mach’s flott.“

Lesen Sie auch: Offener Dissenz mit Seehofer? Dobrindts harte Worte sorgen für neue Unruhe in der CSU
und: Aigner: Müssen Spaltung der CSU verhindern

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