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Mehr Geld für Bildung soll es in den Staatshaushalten bis 2018 geben. Unser Archivbild zeigt Demonstranten auf dem Münchner Odeonsplatz.

Alle Lehrerstellen bleiben

Ein Machtwort mit Bauchweh

München - Am Ende sind die Lehrerstellen Chefsache. Horst Seehofer zieht die Notbremse und gibt eine Stellengarantie, seine Fraktion folgt leicht genervt. Lehrerverbände und Opposition verkaufen das als ihren Erfolg.

Der Mann, der ein Machtwort gesprochen hat, sagt großzügig, es gebe gar keine Machtworte in der CSU. Es gebe „nur Dialog – und Entscheidungen“, sagt Horst Seehofer und muss dabei fast selbst grinsen. Der Ministerpräsident hat nun jedenfalls mit Macht eine Stellengarantie für Bayerns Lehrer durchgesetzt. Am Mittwochnachmittag folgt die Fraktion leise knurrend seinem Plan, alle zur Streichung vorgesehenen Stellen zu erhalten, garantiert bis 2018.

Eigentlich werden weniger Lehrer gebraucht, weil die Schülerzahlen sinken. Hinter dem etwas zynischen Begriff der „demografischen Rendite“ stecken bis zu 3000 Lehrerstellen. Den größten Teil davon wollte die CSU eh an den Schulen lassen, für Ganztagsschulen, Inklusion und den Erhalt kleiner Standorte. Je nach Lesart sollten 196 bis 830 Stellen wegfallen. Nach einem Aufschrei der Opposition und aller Lehrerverbände bleibt nun auch dieser Teil an den Schulen. „Natürlich ist das eine Geste an alle Verantwortlichen im Bildungssystem“, sagt Seehofer. Bildung sei das Wichtigste. Ein „Schwenk“ sei das nicht.

Die Finanzpolitiker murren anfangs und rechnen die Personalausgaben von rund 50 Millionen Euro pro Jahr hoch auf die nächsten 40 Jahre. Er habe „bei jeder Ausgabe Bauchweh“, sagt Haushaltsausschusschef Peter Winter: „Aber der Kopf muss entscheiden.“ Die CSU-Abgeordneten folgen, wenngleich Fraktionschef Thomas Kreuzer nochmal scharf über das Zahlen-Chaos aus dem Kultusministerium klagt. Das sei „das letzte Mal“, dass er einen Haushalt sehen wolle ohne belastbare Zahlen, zitieren ihn Zuhörer. Kreuzer erhält kräftigen Beifall. Der zuständige Minister Ludwig Spaenle, eigentlich Sieger des Tages, gibt sich sehr wortkarg. Er begrüße Seehofers Vorschlag, sagt er nur.

Was bei den Lehrerstellen gelang – eine gemeinsame Frontstellung aller Lehrerverbände und der gesamten Landtags-Opposition gegen die CSU-Staatsregierung –, das deutet sich beim Gymnasium nicht einmal in Ansätzen an. Jede Organisation pocht auf ihr eigenes Reformmodell – und niemand unterstützt das Volksbegehren der Freien Wähler zur „Wahlfreiheit“ zwischen G8 und G9. Gestern präsentierten die Grünen ein Gutachten des Essener Schulforschers Klaus Klemm. Er hält es für nicht machbar, in allen bayerischen Gymnasien parallele Züge G8 und G9 anzubieten. Das sei in den 38 Prozent der bayerischen Gymnasien, in denen es nicht mindestens vier Klassen je Jahrgang gibt, nicht machbar. Stattdessen plädiert Klemm dafür, den Schülern zwei parallele Oberstufen nach der 10. Klasse anzubieten – eine zwei- und eine dreijährige. Dann könnten die Schüler je nach Wunsch in der 12. oder nach der 13. Klasse ihre Prüfung ablegen.

Der Philologenverband wiederum will ein G9-Modell entwerfen, das die wenigen Errungenschaften des G8 (Intensivierungsstunden) einbaut. Auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) will die Freien Wähler nicht unterstützen. „Wir sind parteipolitisch unabhängig“, sagt BLLV-Chef Klaus Wenzel unserer Zeitung. Nur wenn sich SPD und Grüne dazu entschließen könnten, das Begehren zu ihrer Sache zu machen, „dann wäre das eine neue Situation“. Danach sieht es momentan nicht aus.

So oder so wird es aber für die CSU nicht leichter werden: Der Bayerische Städtetag forderte gestern, dem Versprechen einer „Ganztagsplatzgarantie“ für alle Schüler bis 14 Jahren müssten nun Taten folgen. Zur Umsetzung sei ein „Bildungsgipfel“ zwischen Staatsregierung und kommunalen Verbänden notwendig.

Dirk Walter und Christian Deutschländer

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