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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Kommentar

„Made in Germany“ stürzt ab: Es braucht wieder mehr Anstand

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Skandale, Betrug, Unfähigkeit - kein Wunder, dass die Marke „Made in Germany“ weltweit abstürzt. Bei vielen scheint mittlerweile der moralische Kompass zu fehlen. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Dieselgate, Deutsche-Bank-Betrug, Klagewelle gegen Bayer, ein Berliner Flughafen, auf dem seit Jahren kein Flieger abhebt: Man muss nicht lange suchen nach den Gründen für den beispiellosen Ansehensverlust, den das renommierte Marktforschungsunternehmen „Trust Barometer“ jetzt für die Marke „made in Germany“ ermittelt hat. Glaubt man den Machern der Studie, handelt es sich um den tiefsten Vertrauenseinbruch in der Nachkriegsgeschichte, und er könnte kaum zu einem unpassenderen Zeitpunkt kommen. Schließlich muss die Export- und Automobilnation Deutschland angesichts der technologischen und politischen Umbrüche wie nie zuvor um ihren Rang auf den Weltmärkten kämpfen.

Das Ansehen hat sich vor allem auf Schlüsselmärkten verschlechtert

Vor allem auf Schlüsselmärkten wie Frankreich, den USA und Großbritannien hat sich das Ansehen der Deutschen verschlechtert. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass dabei politische Kalküle eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielen – etwa der bittere Streit um den Brexit und Trumps Anklage, Deutschland bediene sich unfairer Handelspraktiken –, ist es ein Alarmzeichen, wenn etwa britische Konsumenten von deutschen Unternehmenslenkern heute ebenso wenig halten wie von chinesischen und angeben, ungern zu deutschen Produkten zu greifen.

Das hilflose Herumdoktern der Politik im Diesel-Skandal, aber auch der dilettantische Umgang mit technologischen Prestigeprojekten wie dem Bau des Hauptstadtflughafens hat die Sache nicht verbessert. Das darf aber nicht davon ablenken, dass die Hauptverantwortlichen der Malaise in den Vorstands- und Aufsichtsratsetagen der großen Konzerne sitzen: dort, wo man den Mitarbeitern gern Flexibilität und Verzicht predigt, aber den Hals bei den eigenen Bezügen oft nicht vollkriegt. Der dreiste Dieselbetrug bei VW und der atemberaubende Raubzug der Cum-Ex-Banker gegen den deutschen Fiskus zeigen, dass zu vielen der moralische Kompass abhanden gekommen ist. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat das auf dem Herbstempfang der Arbeitgeber in einem eindringlichen Appell zusammengefasst: „Es braucht wieder mehr Anstand.“

Lesen Sie auch: Warum sich Deutschland nicht für einen Weltraumbahnhof eignet

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