Merkur-Redakteur Alexander Weber kommentiert das Gedenken an die Schlacht von Verdun vor 100 Jahren.

Kommentar zum Gedenken an die Schlacht von Verdun

Die Mahnung der Toten

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Auch wenn die ganz große Geste zum 100-jährigen Jubiläum ausblieb: Dass Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel gestern aller Opfer der einstigen „Hölle von Verdun“ gedachten und mit der Performance tausender Jugendlicher aus beiden Ländern ein Zeichen in die Zukunft gesetzt wurde, ist mehr als ein pflichtschuldiges Ritual.

Es ist Mahnung und Botschaft zugleich, dass Deutsche und Franzosen sich ihrer Verantwortung weiter bewusst sind, die Lehren der blutigen Geschichte beachten und nicht als selbstverständlich geringschätzen, was auch im Jahre 2016 nicht selbstverständlich ist: Frieden in Europa.

Die Frage ist, ob dieses Versöhnungssignal in alle Ecken des alten Kontinents dringt und verstanden wird. Gerade im Angesicht der Kreuze von Verdun ist es bedrückend, wie bedrohlich Europa ein Jahrhundert später wieder am Scheideweg steht. Nationalisten sind in fast allen Ländern auf dem Vormarsch, Britannien stimmt darüber ab, ob es die Schicksalsgemeinschaft wieder verlässt, und im Südgürtel nimmt der soziale Sprengstoff mit hoher Arbeitslosigkeit und noch höheren Schuldenbergen täglich zu – von den Herausforderungen durch die Flüchtlingskrise ganz zu schweigen. Gleichzeitig schaffen es die politischen Eliten Europas immer weniger, die Kluft zu schließen zwischen hehren Idealen und den Sorgen vieler Menschen um ihren Platz und ihr persönliches Wohlergehen in einer immer komplizierter werdenden Welt.

Das Gedenken an Verdun zeigt uns, welche Abgründe Europa durch vereinte Anstrengungen zu überwinden vermochte. Und die Toten von 1916 mahnen uns im Jahr 2016 besonders, die Geister der Vergangenheit nicht wieder lebendig werden zu lassen.

Alexander Weber

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