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Söder beschuldigte Virologin in der Vorwoche: Die wehrt sich bei Maischberger und nennt fatale Versäumnisse

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Die Talkrunde mit Sandra Maischberger (ARD), FDP-Mann Volker Wissing und Virologin Prof. Ulrike Protzer.
Die Talkrunde mit Sandra Maischberger (ARD), FDP-Mann Volker Wissing und Virologin Prof. Ulrike Protzer. © ARD/Maischberger Die Woche (Screenshot)

Sandra Maischberger nahm die neue „Mehr Fortschritt wagen“-Koalition unter die Lupe und ließ einen bayerischen Intensivmediziner Klartext sprechen. 

München - Acht Wochen hat es gedauert - jetzt steht auf 177 Seiten der Koalitionsplan für „Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“ fest. Kaum etwas über Inhalt und Stimmung der Verhandlungen war zuvor nach außen getragen worden. Bei „Maischberger. Die Woche“ im Ersten soll das nun nachgeholt werden. Zunächst darf ARD-Urgestein Deppendorf eine Grundsatz-Prognose in den Raum stellen, der die deutsche erste Drei-Parteien-Koalition „historisch“ nennt. „Man sieht an dem Vertrag, wie schwer der Weg sein wird“, prognostiziert der Journalist, „das wird ein verdammt schwieriger Weg!“

Stellvertretend für die „Ampel“ sitzen der designierte SPD-Parteivorsitzende Lars Kingbeil (mit 43 Jahren der jüngste in der Geschichte der SPD) und FDP-General Volker Wissing - gehandelt als zukünftiger Verkehrsminister - in der Sendung. Allerdings nicht gemeinsam. Während Klingbeil entspannt und ausgiebig über alte Zeiten als Juso-Chef und sein Nasenpiercing plaudern darf, wird Wissing ans Ende der Sendung platziert.

Virologin Protzer rechtfertigt sich zu den Aussagen von Markus Söder in der Sendung davor

Der FDP-Mann, der mit einem Tweet Anfang des Monats für Kritik gesorgt hatte, in dem er darin das deutsche Gesundheitssystem als „stabil“ und „gesichert“ bezeichnet hatte, bekam bei Maischberger die Virologin Prof. Ulrike Protzer an die Seite gestellt. Über die führende Virologin hatte der bayrische Ministerpräsident Markus Söder vergangene Woche im Interview bei Maischberger behauptet: Sie hätte gemeinsam mit anderen nicht ausreichend vor der derzeitigen Entwicklung gewarnt. 

„Maischberger. Die Woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

Als Experten: 

Maischberger hakt nun bei der Wissenschaftlerin direkt nach: „Stimmt das?“ und will wissen, ob der Satz sie wütend gemacht habe. „Nachdenklich“, hätte sie die Aussage gestimmt, sagt Protzer, und gibt zu Bedenken, dass die Wissenschaftler in der Tat vielleicht nicht „laut genug“ genug gewesen waren. Das Boostern, so Protzer, hätte in der Tat früher starten müssen, die Impfzentren nicht geschlossen werden dürfen, nachdem im Sommer durch Daten aus Israel erkennbar gewesen war, dass der Impfschutz nach fünf Monaten deutlich nachlässt.

Protzer: „Wir haben versäumt, die Impfkapazitäten aufrecht zu erhalten.“ Auch Wissing gibt Versäumnisse der Politik zu: „Die Ratschläge waren vielstimmig und sehr unterschiedlich.“ Daher sei es gut, dass es nun einen Krisenstab gebe, der „fortlaufend evaluiert“ und dazu ein „Expertengremium“, das der „Bundesregierung täglich vorlegen“ soll, was angegangen werden müsse. Kurios: Wissing spricht dabei vom “künftigen Bundeskanzler Olaf Schmidt“ ohne dass es ihm selbst aufzufallen scheint oder ihn Maischberger korrigiert.

Der Medizinische Direktor meldet aus Fürther Klinik: „Lage ist maximal angespannt“

Den neuen Krisenstab lobt auch der Medizinische Direktor des Klinikum Fürth, Dr. Manfred Wagner, der sehr freimütig bei Maischberger über die Situation auf seiner Intensivstation spricht. Wagner: „Die Verzweiflung bei dem Personal über die Politik ist bei uns groß“, gibt der Mediziner zu, die Lage sei „maximal angespannt“. Drei OP-Säle hätten in dem 800-Betten-Klinikum bereits geschlossen werden müssen, um die derzeit etwa ein Dutzend Covid-Patienten zu stemmen. Seine Station sei bereits mit einem Intensivbett überbelegt gewesen.

Nehmen die Anfragen zu, würden in der Folge aber nicht Patienten abgelehnt, sondern das Personal weiter belastet werden müssen. Seit heute sei zudem das „Kleeblatt-Verfahren“ aktiviert worden: Covid-Patienten aus stark betroffenen Gebieten, darunter auch sein Bundesland Bayern, werden per Flugzeug in die weniger betroffenen Regionen in den Norden des Landes verlegt.

Kevin Kühnert als SPD-Fraktionsvorsitzender? Klingbeil antwortet vielsagend

Maischberger beißt sich bei ihrem nächsten Gast Lars Klingbeil die Zähne bei dem Versuch aus, ein paar Interna aus den Verhandlungen herauszukitzeln. Klingbeil präsentiert nur gut verdauliche Häppchen: „Es waren harte Diskussionen“, so der SPD-Mann. Alle hätten „leidenschaftlich gekämpft“, trotzdem sei es „menschlich immer top“ gewesen. Auch zur SPD-Ministerwahl hält sich Klingbeil bedeckt, einzig die paritätische Verteilung, die Olaf Scholz angekündigt hat, bestätigt Klingbeil.

„Wird Kevin Kühnert SPD-Fraktionsvorsitzender?“, bohrt Maischberger trotzdem nach, „und Karl Lauterbach Gesundheitsminister“. Und setzt noch dazu: Auch wenn beide keine Frauen seien? Klingbeil muss über den Eifer der Moderatorin grinsen, verwehrt in beiden Fällen eine Antwort - allerdings auch ein klares Nein. Der SPD-Mann betont in beiden Fällen, dass man in der Partei „stolz“ und „froh“ sei, die beiden Genossen in der Partei zu haben. Klingbeils Prognose für die nächsten Jahre ist ein „sozialdemokratisches Jahrzehnt“ mit Schwerpunkt auf die Begrenzung der Klimaerwärmung und der Digitalisierung und kündigt an, dass der Umbruch „den Menschen viel abverlangen“ werde.

Zur Impflicht gefragt, antwortet Klingbeil unter dem Applaus des Publikums, er persönlich finde, dass Politiker zu „solchen Themen“ ihre „Meinung ändern“ dürften und kritisiert eine Impfverweigerung von Pflegekräften. Das gehöre zu „der Solidarität, die ich auch in der Gesellschaft erwarte“, so der zukünftige Parteichef.

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

Eine informationsgeladene Sendung. War ja auch viel los an diesem Mittwochabend: Das Ende der „pandemischen Lage“ bei hochschnellenden Corona-Zahlen, die Belastung des Gesundheitswesens, die viele Bürger ängstlich stimmt. Und dazu die neue Koalition und die Ankündigung von mehr Fortschritt, aber auch viel Ungewissheit in der Luft. Um die Sendung nicht zu schwer zu machen, versucht Maischberger einen Mix von harten Fragen, traurigen Fakten und ein wenig Trivialem. Das wirkte zeitweilig etwas überladen. (Verena Schulemann)

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