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Habeck bei Maischberger den Tränen nahe: „Es werden viele Menschen sterben“

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Wirtschaftsminister Robert Habeck (B’ 90/Grüne) zu Gast bei „maischberger.die woche“ (ARD).
Wirtschaftsminister Robert Habeck (B’ 90/Grüne) zu Gast bei „maischberger.die woche“ (ARD). © WDR/Oliver Ziebe

Sandra Maischberger spricht mit Wirtschaftsminister Habeck über die Folgen nach dem Aus für Nord Stream 2 und mit Merz und Gabriel über die Lage in der Ukraine. 

Berlin - Wirtschaftsminister Robert Habeck ist sichtlich mitgenommen. Der sonst durch einen eher lockeren Kleidungsstil in Erscheinung tretende Grünen-Politiker erscheint bei Maischberger am Mittwochabend ganz in Schwarz samt Schlips und verkündet düstere Zukunftsaussichten: „Wir stehen kurz vor einem massiven Landkrieg in Europa“, so Habeck gequält. Im Moment fehle ihm jegliche „Idee“, wie man nach den jüngsten Ereignissen wieder in ein diplomatisches Gespräch einsteigen könne. Putin habe „einen Angriffskrieg“ gestartet, wie ihn „Europa seit vielen Jahrzehnten“ nicht mehr gesehen hat, so Habeck. Er resümiert: „Ich glaube, dass, wenn man eine solche Aufrüstungsspirale beginnt, man da schwer wieder rauskommt.“ Das war am Mittwochabend. In der Nacht zum Donnerstag dann die Eskalation in der Ukraine* - der Krieg hat begonnen.

Alle Entwicklungen in der Ukraine-Krise finden Sie in unserem News-Ticker.

Sandra Maischberger*, die ab Mai zusätzlich dienstags mit einem Talk im Abendprogramm der ARD zu sehen sein wird, hat führende Politiker zur Situation in der Ukraine und der sich überschlagenden Nachrichten in ihre Sendung geladen. Neben Habeck sitzen auch der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel und CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz zum selben Thema mit im Studio.

Ukraine-Krise: „Maischberger. Die Woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

Als Experten: 

„Sie wirken wirklich angefasst“, thematisiert Sandra Maischberger* Habecks Gemütszustand. Der scheint als er antwortet fast den Tränen nahe: „Ich muss da nicht kämpfen in diesem Krieg und ich werde auch nicht sterben, aber wenn es passiert, werden viele Menschen sterben.“ Habeck versucht eine Rechtfertigung seiner Emotionalität: „Das ist ein massiver Aufmarsch. Wer da nicht angespannt ist, versteht den Ernst der Lage nicht.“ Die Welt befinde sich in einer tiefen Zäsur der transatlantischen Politik.

Gabriel und Merz sind gefasster als Habeck, sehen die Lage allerdings nicht weniger dramatisch.

Friedrich Merz wagt gar einen Vergleich mit Hitler und der Münchener Konferenz von 1938, als die damaligen Großmächte in Verhandlung mit dem deutschen Diktator über die Gebiete in der damaligen Tschechoslowakei, dem „Sudentenland“, gegangen waren. Merz: „Das ist fast das gleiche Muster“. Damals, so Merz, habe die Welt geglaubt, man könne den Zweiten Weltkrieg abwenden, indem man Hitlers Territorialanspruch befriedige.

Merz warnt bei „Maischberger. Die Woche“: Es ist naiv, Putins Einmarsch in die Ukraine als Taktik abzutun

Merz stellt nochmal klar, was nach seiner Einschätzung der Plan Putins vorsieht: Danach werde der russische Präsident versuchen, die Ukraine so weit zu destabilisieren, dass die Armee „dort keine Rolle mehr spielt“, so Merz. Wladimir Putin* werde sich die Zugänge zu den Seewegen der Binnenmeere und zur Krim sichern und außerdem in Kiew eine russlandfreundliche Regierung einsetzen. Merz: „Ich bin mir sicher, dass er das mit aller Gewalt durchsetzen wird.“ Merz hält es für „naiv“, Putins Einmarsch in die Ukraine als Taktik abzutun.

Gabriel stimmt zu. Mit seiner aktuellen Rede am Vorabend der Invasion habe Putin tiefe Einblicke in seine Weltsicht gegeben. Darin habe Putin alles kritisiert, was nach dem Niedergang des Zarenreiches passiert sei. Gabriel: „Es geht nicht um die Ukraine, um die NATO oder um eine Bedrohung für Russland“, sondern darum, „Russland wieder als Großmacht in Europa“ zu installieren und den Status zurückzubekommen, den Russland 1990 verloren habe. Der ehemalige Außenminister, der Putin persönlich kennenlernte, ist sich sicher, Putin wolle über „das Schicksal Europas entscheiden“, aber nicht „mit Europa“.

Uneins sind sich die politischen Duzfreunde - Sigmar Gabriel rutscht auch in der Sendung das „Du“ Richtung Merz raus - wie weit Putin seine militärische Intervention vorantreiben wird. Während der CDU-Parteivorsitzende die Verletzung von NATO-Territorium, unter anderem im Baltikum und Polen nicht ausschließt, traut Gabriel Putin nicht zu, dass der „sich trauen wird“. Putin wolle „diesen Konflikt vermeiden“, der schließlich zu Folge hätte, dass zwei Nuklearkräfte in einen militärischen Konflikt verwickelt würden.

Habeck zu Ukraine-Krieg: Die Energiewende wird durch den Druck aus Russland erleichtert

Die einzig milde Sichtweise an diesem Sendeabend hat der Putin-Biograf Hubert Seipel, der den russischen Präsidenten in mehreren Treffen kennengelernt hat. Die Rede Putins haben auf ihn „sehr emotional“ gewirkt, Putin stünde sichtlich „sehr unter Spannung“. Aus der Sicht Putins sei Janukowitsch 2014 mit Hilfe des Westens gestürzt worden, diese Schmach würde den russischen Präsidenten bis heute umtreiben. Die Ukrainerin Ljudmyla Melnyk macht deutlich, dass die Demonstrationen 2014 den Willen des ukrainischen Volkes widergespiegelt hätten, die sich gegen die damalige von Russland bevormundete und korrupte Regierung gewandt habe. Was Putin nicht verstanden habe, sei, dass die „junge Bevölkerung“ inzwischen „anders sei“.

Ob die Abkehr vom Energiehandel - vornehmlich Gas - durch einen Krieg mit Russland erleichtert würde, will Maischberger noch von Habeck wissen. Der bejaht. Der Druck aus Russland wirke auch als „Treiber für Veränderungen“ hin zu mehr „energetischer Unabhängigkeit“, er erwarte nun mehr „föderalen Konsens“ zum Ausbau der erneuerbaren Energie. Wer die Kosten für den gigantischen Umbau bei jetzt schon dramatisch steigenden Gas-Preisen tragen soll, fragt Maischberger. Habeck gibt eine ziemlich hemdsärmelige Antwort: „Dann nehmen wir Geld auf! Deutschland ist kreditwürdig wie kein anderes Land“. Der Wirtschaftsminister verliert etwas an Bodenhaftung als er ausruft: „Am Ende ist es nur Geld!“ Und sich echauffiert: Man könne die „nationale Sicherheit“ doch nicht „daran scheitern“ lassen, „weil wir den Haushalt ausgeglichen haben wollen.“

Ob die Welt dadurch auch eine bessere werde, hakt Maischberger nach. Habeck kommt ins Stottern, die „blöde Aufrüstungsspirale“ beginne jetzt, gibt er zu Bedenken und resümiert letztendlich: „Ob die Welt dann eine bessere sein wird - das weiß ich nicht.“ Merz macht deutlich, dass es vermutlich zu spät für einen Weg zurück sei: Die Ära „nach 1990“, nach „der europäischen Wiedervereinigung“, sei nun endgültig „zu Ende“.

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talk zum Ukraine-Krieg

In der Sendung wird die Rede Putins, die er 2001 im Bundestag im besten Deutsch hielt, kurz eingeblendet. Dort ist ein Putin zu sehen, der von demokratischem Wandel spricht, zugewandt und sensibel wirkt. Klären kann die Sendung nicht, was passiert ist in diesen zwei Jahrzehnten, dass der Mann von damals sich nun genötigt fühlte, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Ein Krieg, der wenige Stunden nach dem Maischberger-Talk begann. (Verena Schulemann)

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