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Wagenknecht unterstellt Ukraine Kriegsverbrechen im Donbass. Marieluise Beck (Grüne) reagiert heftig

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Marieluise Beck (Grüne) und Sahra Wagenknecht (Linke) zu Gast bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD).
Marieluise Beck (Grüne) und Sahra Wagenknecht (Linke) zu Gast bei „Maischberger. Die Woche“ (ARD). © WDR/Oliver Ziebe

Deutschland ist in der Frage um mehr Waffenlieferungen in die Ukraine gespalten. Maischberger lässt Grüne und Linke die Grundsatzstandpunkte der beiden Lager austauschen.

Berlin – „Ich finde, dass in diesem Krieg furchtbare Kriegsverbrechen stattfinden, und zwar wahrscheinlich von beiden Seiten“, sagt Sahra Wagenknecht. Die bekennende Kommunistin und Abgeordnete der Linken gehört zu den Politikern, die Wladimir Putin am längsten verteidigten. Noch am Vorabend der russischen Invasion eben diese Möglichkeit vehement verneinten. Maischberger hat Wagenknecht als Counterpart die Grünen-Politikerin Marieluise Beck eingeladen. Diese war kürzlich im Rahmen der Ukraine-Krise zu Gesprächen in Kiew und engagiert sich vehement für eine militärische Unterstützung des teilbesetzten Landes.

Moderatorin Sandra Maischberger, die mit ihrem Talk im Ersten „Maischberger. Die Woche“ ab dieser Sendung ein- statt zweimal die Woche und nach der Pandemie-Pause nun auch wieder mit Publikum erscheint, hakt bei Wagenknecht streng nach: „Wo bitte gehen ukrainische Soldaten gegen russische Frauen und Kinder vor?!“ Wagenknecht antwortet sehr weit gefasst: „Naja, im Donbass“, meint die Politikerin und bewegt sich dann gefährlich nah und erneut an die Kreml-Argumentation.

Noch kurz vor der russischen Invasion am 24. Februar dieses Jahres hatte Wagenknecht im „Anne Will“-Talk im Brustton der Überzeugung verkündet, Russland habe faktisch kein Interesse, in die Ukraine einzumarschieren, stattdessen den Abzug westlicher Raketenbasen aus dem Baltikum gefordert. Maischberger will nun wissen, wie es ist, sich so „fundamental“ zu irren. Wagenknecht gibt sich zunächst einsichtig, doch ihre Rechtfertigung klingt dann wieder wie eine Anschuldigung: „Ich habe gelernt, dass Putin jemand ist, der zu gefährlichen Kurzschlüssen neigt, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt.“

„Maischberger. Die Woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

Als Experten: 

Wagenknecht fordert zur Lösung des Konflikts Diplomatie über die Ukraine hinweg

Die Linken-Politikerin fordert einen Dialog mit Putin. Statt mit schweren Waffen sollte der Krieg mit Diplomatie beendet werden - auch über den Kopf der Ukraine hinweg. Laut Wagenknecht würden Gespräche mit Deutschland und Frankreich auf der einen und Russland auf der anderen Seite des Verhandlungstisches den Frieden nach Europa zurückbringen. Als Beck sich überrascht zeigt über Wagenknechts Standpunkt, die Ukraine im Zweifel bei den Gesprächen über das eigene Land außen vor zu lassen, kontert Wagenknecht mit Putins Todschlagargument: „Wir können uns doch nicht in einen atomaren Krieg hineinziehen lassen.“ Die Neutralität der Ukraine sei das Heilmittel, ist sich Wagenknecht sicher.

Als Beck diesbezüglich bereits sichtlich genervt von ihrer Sitznachbarin einwendet, die Neutralität habe der ukrainische Präsident Selenskyj dem russischen Präsidenten bereits angeboten, will Wagenknecht auch das nicht gelten lassen: „Das war doch nicht ernst gemeint“, behauptet sie und das sei inzwischen auch auf Drängen des britischen Premiers Boris Johnson und US-Präsidenten Joe Biden zurückgenommen worden. Auch Deutschland, unterstellt Wagenknecht ohne Nachweis, habe sich in die amerikanische Strategie hineinziehen lassen.

Beck bekommt Beifall für ihren Geschichtsbezug: Regime müssen niedergekämpft werden

Für Beck stellen die Aussagen Wagenknechts die internationale Rechtsordnung auf den Kopf, sie versucht es nochmal mit der Geschichte und bekommt dafür Beifall aus dem Publikum: Das müsse man doch „gelernt haben“, setzt die Grünen-Politikerin an, „dass es Regime gibt, die so böse und so aggressiv sind, dass sie mit Waffen niedergekämpft werden müssen“. Wagenknecht kommt mit der Nazi-Keule: Der „Hitler-Vergleich“ sei vollkommen unangepasst, empört sich die Linke. Beck lässt sich nicht beirren und verweist auf die derzeit unter ständigem Beschuss stehende Stadt Charkiw: „Wenn es die Möglichkeit gibt, diese Artillerie und diese Raketen unschädlich zu machen, werden Zivilisten geschützt.“

Wagenknecht sieht es genau andersherum: „Wenn die Ukraine mehr Waffen hat, werden auch die Russen mehr Waffen einsetzen.“ Aufgeregt ruft sie und beruft sich dabei auf den ehemaligen US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy: „Man darf eine Atommacht nie in eine Lage bringen, aus der es keinen gesichtswahrenden Ausweg mehr gibt.“ Beck sieht darin eine „Angstmacherei“ des Kremls. Ihrer Ansicht nach liegt die Gefahr woanders: „Wenn es Putin gelingt, die Ukraine zu besiegen, wird er weitergehen.“

Scholz und Schröder bekommen in der Expertenrunde ihr Fett weg

Auch in der Expertenrunde wird ein Atomkrieg debattiert - allerdings in Bezug auf Bundeskanzler Olaf Scholz. Der hatte sich im Spiegel-Interview gegen schwere Waffen mit dem Satz ausgesprochen: „Ich tue alles, um eine Eskalation zu verhindern, die zu einem dritten Weltkrieg führt. Es darf keinen Atomkrieg geben“. Inzwischen ist dieser Standpunkt Makulatur. Journalistin Amman, die das Interview mit Scholz geführt hatte, klärt bei Maischberger auf: Scholz habe das Interview gegengelesen, „das Wort ‚Atomkrieg‘ hat er stehengelassen“, so Amman. Sie ist sich sicher: „Er hat das ganz sicher bewusst gemacht.“ Es sei Scholz’ „Botschaft“ gewesen, um seine anfängliche „Zurückhaltung“ zu rechtfertigen. Wieviel Pazifist in Scholz steckt, daran erinnert „Zeit“-Publizistin Lau, die einen Bogen zur seiner 1.-Mai-Rede zieht, bei der als „Kriegstreiber“ beschimpft worden war: „Das Pikante war, dass er früher selber zu den Leuten gehört hat, die da unten standen und gegen die Nachrüstung eines anderen sozialdemokratischen Bundeskanzlers, nämlich von Helmut Schmidt, protestiert habe.“

Und noch ein ehemaliger SPD-Kanzler bekommt sein Fett weg: Gerhard Schröder. Garniert mit Lachern und zustimmendem Klatschen aus dem Publikum zweifelt Amann an dessen „geistiger Zurechnungsfähigkeit“, mutmaßt gar eine Alkoholsucht. Die Journalistin: „In der ‚New York Times‘ wurde ja geschildert, wieviel er trinkt. Da wird durch die Blume angedeutet, dass er ganz ordentlich dem Alkohol zuspricht.“

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

Die Sendung machte deutlich: Angst als Berater ist wohl genauso schlecht wie ein Krieg um Ideale bis zum letzten Mann. Der Moderator Frank Elstner, der anlässlich seines 80. Geburtstags ebenfalls zu Gast in der Sendung war, erinnerte an seine Vertreibung als Dreijähriger mit seiner Mutter aus Tschechien beim berüchtigten „Todesmarsch von Brünn“, bei dem im Mai 1945 über 5000 Menschen ihre Leben ließen. Elsner träume bis heute von Kriegsschrecken. Sein Kommentar war wohl der ehrlichste in der Sendung: Politiker täten ihm „Leid“, so Elsner, bei dem Versuch in dieser Lage etwas „richtig zu machen“. Und er gestand: „Ich habe überhaupt keine Ahnung, was man da machen kann.“ Eines empfahl er aber: „Sie sollten das Bild von dem Putin nicht so oft zeigen.“ (Verena Schulemann)

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