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Dominic Musa Schmitz erzählte von seinem Leben als Salafist.

"Ideologie war mein Vaterersatz"

Ex-Salafist bei Maischberger: Darum wurde ich radikal

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Köln - Eigentlich sollte es bei Sandra Maischberger am Mittwoch um die Frage gehen, wie muslimische Männer ticken. Antworten lieferte ein Ex-Salafist aus Deutschland.

Mehr als vier Monate sind die teils dramatischen Ereignisse der Silvesternacht in Köln nun her, als hauptsächlich muslimische junge Männer vor dem Hauptbahnhof Frauen - oft auch sexuell - belästigten. Für Sandra Maischberger war der Abstand zu den Vorfällen offenbar groß genug, um sich am Mittwoch dem Thema "Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit dem Islam zu tun?" noch einmal aus einer anderen Perspektive zu nähern. Heraus kam leider nicht wirklich viel Konkretes, dafür aber erstaunliche Eindrücke von der Gedankenwelt eines ehemaligen Salafisten.

Zu Gast waren: Die Bundesvorsitzende der Grünen, Simone Peter, welche die Auffassung vertrat, dass "Sexismus keine Religion" kenne. Die Alt-Feministin und Mitherausgeberin der Frauenzeitschrift "Emma", Alice Schwarzer, auf die später noch genauso eingegangen werden soll wie auf Murat Kayman vom konservativen muslimischen Verband Ditib. Die Gruppe wurde komplettiert vom früheren Nordafrika-Korrespondenten Samuel Schirmbeck, der darum bat, "Islamkritik nicht als islamophob" auszulegen und als letzter im Bunde Dominic Musa Schmitz. Der junge Mann mit dem ungewöhnlichen Zweitnamen war früher bekennender Salafist, hat sich aber inzwischen von der radikalen Auslegung des Islams abgewandt und klärt nun über das Thema auf. Ihm gehörten dann auch die erinnerungswürdigen Sätze dieser Sendung.

Maischberger: Schwarzer spricht hauptsächlich über ihr Buch

Denn während Schirmbeck sich allzu oft in Verallgemeinerungen verlor, wie etwa, dass Frauenverachtung schlicht im Islam integriert sei, oder schmerzhafte Beispiele bemühte ("Die Reparaturmaschinen von Jungfernhäutchen im arabischen Raum rattern und rattern"), kamen Schwarzer und Kayman überhaupt nicht zum Punkt. Vielmehr sprach erstere oft und ausführlich über ihr soeben verfasstes Buch über die Silvesterereignisse in Köln, und war sich sicher, dass nicht alle Männer an jedem Abend böse waren, sondern: "Für mich lag sofort sehr nah, dass es bestimmte Muslime sind und dass sie sich verabredet haben."

Dahingegen konnte Kayman nicht aufhören, das grundsätzliche Schuldsuchen beim Islam als Religion zu verurteilen. Obwohl dieser Standpunkt recht früh allen Diskussionsteilnehmern (und wohl auch Zuschauern) klar war, füllte der Ditib-Mann damit viel Zeit seiner Argumentation. Ein Beispiel: "Wenn ich mich rüpelhaft verhalte, bin ich ein Rüpel, aber kein muslimischer Rüpel."

Ex-Salafist erklärt, was das Problem des Islam mit Sexualität ist

Wirklich substanziell wurde letzten Endes nur der ehemalige Salafist Schmitz. Er bekannte, dass der Koran für ihn als "extreme Ideologie zum Vaterersatz" wurde und er nicht "zwischen Islam und Salafismus unterscheiden konnte". So sei er schließlich radikal geworden. Ihm wurde beigebracht, die Lehre aus dem 1.400 Jahre alten Werk eins zu eins umzusetzen, hinterfragt habe er das erst spät.

Irgendwann sei ihm aber klar geworden, dass er keine Religion lebe, sondern ein Dogma und dadurch kam die Abkehr vom Salafismus. Heute tourt Schmitz durch Deutschland, erzählt von seiner Geschichte und erklärt die Irrwege des Salafismus.

Als Schirmbeck das Beispiel von konservativen jugendlichen Muslimen brachte, welche "frühestens mit 25 Jahren heiraten. Was die drauf haben an sexuellem Überdruck", stimmte der junge Mann zu: "Ich wollte unbedingt eine Frau haben." Bis zum Alter von 17 Jahren habe er ein normales Leben mit Freundinnen geführt, dies sei durch seine Konvertierung weggebrochen. "Und es gab keine Form, mich mit meiner Sexualität und Bedürfnissen auseinanderzusetzen."

In einer Diskussionsrunde, welche sich ansonsten doch allzu oft mit Vorurteilen, Dogmen und Plattitüden befasste, wirkten solche Sätze durchaus bereichernd.

bix

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