1. Startseite
  2. Politik

Gauck mit dramatischem Appell bei Maischberger: „Wir sind stärker als unsere Angst es uns einredet.“

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

maischberger.die woche, Folge 686 Moderatorin Sandra Maischberger im Gespräch mit Joachim Gauck (Altbundespräsident).
Moderatorin Sandra Maischberger im Gespräch mit Joachim Gauck (Altbundespräsident). © WDR/Thomas Kierok

Maischberger sucht nach einer Antwort: Ist es die moralische Pflicht des Westens, militärisch einzugreifen? Oder ist das Risiko eines atomaren Weltkriegs höher zu bewerten? 

Berlin - „Wir können auch alle mal frieren für die Freiheit“, sagt Altbundespräsident Joachim Gauck bei Maischberger, der dort nachdenklich und mit einer blau-gelbe Krawatte - den Farben der Ukraine - zu seiner Einschätzung der Lage geladen wurde. Gauck spricht sich für ein Abschalten von Nord Stream 1 aus, um den Druck auf den russischen Präsidenten weiter zu erhöhen. Es klingt fast wie ein Durchhalte-Appell, als Gauck sagt: „Liebe jungen Leute, die ihr im Land lebt, die ihr euch jetzt fürchtet. […] Wir sind stärker als unsere Angst es uns einredet.“

Die Stimmung im Studio ist bedrückt. Die Moderatorin tastet zu ihrem aktuellen Polit-Talk-„Maischberger. Die Woche“ im Ersten nach möglichen Auswegen aus der europäischen Tragödie, die sich nur zwei Flugstunden von der deutschen Hauptstadt entfernt abspielt. Gauck, einer der klügsten Köpfe deutscher Politik, soll eine Einschätzung der Möglichkeiten geben.

„Maischberger. Die Woche“ - diese Gäste diskutierten mit:

Als Experten:

Doch zuvor warnt der ehemalige Moskau-Korrespondent Thomas Roth in der Sendung eindringlich vor Putin, den er mit Ehefrau bei einem Abendessen persönlich auch von dessen charmanter Seite kennengelernt habe. Doch inzwischen hegt Roth keinen Zweifel und stimmt Angela Merkel zu, die über den russischen Präsidenten vor zwei Jahren sagte, er „habe den Bezug zur Wirklichkeit verloren“.

Roth selbst habe gebraucht, um die „dunkle Seite“ des ehemaligen KGB-Mannes Putin zu erkennen, der als Spion auch gelernt habe, sich zu „tarnen“. Die Brutalität des mächtigen Russen sei ihm 1999 als Reporter im tschetschenischen Grosny das erste Mal vor Augen geführt worden, nachdem er gesehen hatte, wie die Hauptstadt von russischem Militär „komplett flachbombardiert“ worden sei. Inzwischen bestünden keine Zweifel daran, dass der russische Präsident mit seiner „großrussische Vision […] sehr gefährlich“ und ein Mann sei, dem „alles“ zuzutrauen ist - auch ein Atomschlag.

Gauck über Putin: Ich war ihm gegenüber von Beginn an misstrauisch

Auch Gauck warnt eindringlich vor dem russischen Präsidenten, der „in einem System sozialisiert“ wurde, so der ehemalige Bundespräsident, in dem „die Lügen tägliche Rationen des Lebens waren“. Von Russland käme nichts, auf dass man sich „verlassen könne“. Er selbst, so der gebürtige Rostocker, dessen Vater in den 1950er Jahren unter Stalin für vier Jahre im sowjetischen Gulag festgehalten wurde, haben den „Homo Sowjetikus“ durch viele schmerzliche Erfahrungen „lesen“ gelernt. Die Sowjets hätten sich nach außen zwar den freien Idealen des Marxismus verschrieben, aber in Wirklichkeit ein System der Angst etabliert, das den Mut einzelner bewusst gebrochen habe. Putin gegenüber sei er auch auf Grund dieser Erfahrungen von Beginn an „misstrauisch“ gewesen.

Journalist Feldenkirchen verteidigt den derzeitigen Regierungskurs und befindet: „Ich glaube, dass Putin jetzt schon in einer Lage ist, wo er nur noch verliert“. Feldenkirchen hofft auf einen Rückzug der Russen mit Verhandlungen über die umstrittenen Zonen. Kollege Roth ist pessimistischer: Gerede sei Putin „Wurscht“, er reagiere ausschließlich auf Macht. Die Journalistin Mariam Lau stimmt dem zu: „Das Mantra von Scholz - keine militärische Lösung“ - müsse man langsam ablegen. Sie fordert einen „Churchill-Moment“ von Scholz. Über den Vergleich zur politischen Jahrhundertfigur mit dem Bundeskanzler muss Feldenkirchen lachen: „Da wäre noch ein bisschen Luft nach oben“, kommentiert er.

Gauck mahnt im Umgang mit Putin zur Vorsicht: Größere Leiden wären sonst denkbar

Gauck befürwortet das Aufrechterhalten der Diplomatie, weitere Sanktionen und Waffenlieferungen - warnt aber vor der Durchsetzung einer Flugverbotszone. Der Abschuss russischer Flugzeuge und Militärbasen sei etwas anderes, als einem besetzten Land „mit Waffen zu helfen, sich zu verteidigen“. Nicht mit Putin direkt, so Gauck, aber mit seinen „Leuten“ müsse man weiter die Möglichkeiten einer Einigung ausloten und brauche dafür „Argumente“. Gauck sprach seine Bewunderung für Diplomaten aus, die „zehnmal angelogen wurden und immer noch in die Gespräche gehen“ sowie Ruhe bewahren. Allen voran der ukrainische Präsident Selenskyj, der sich auch aktuell dazu bereit erklärte, mit Russland zu Verhandlungen zusammenzukommen. Wie „schwer“ müsse das sein, doch er tue es, „weil er seinem Land dienen will“.

Maischberger hält Gauck sein eigenes Zitat von 2014 entgegen: „Die Geschichte lehrt uns, dass territoriale Zugeständnisse den Appetit der Aggressoren oft nur vergrößern“, hatte Gauck anlässlich der Besetzung von Krim und ostukrainischen Gebieten gemahnt. Gauck bleibt bei seiner Vorsicht, da man es mit einem „ethnisch nicht gefestigten Herrscher“ zu tun habe und kommt mit einer Formel: Wenn die Folgen des solidarischen Handelns „größere Schmerzen und Leiden hervorbringen würden“, dann sei eine Zurückhaltung gerechtfertigt. Wenn auch mit „blutendem Herzen“. „Es ist schwierig zu ertragen, ohnmächtig zu sein“, fasst Gauck das Gefühl zusammen, das derzeit viele umtreibt.

Fazit des „Maischberger. Die Woche“-Talks

Die Gefahr ist nicht gebannt. Die Lage ist angespannt. Eine Verschärfung des Konfliktes ist nicht auszuschließen. Für eine Lösung beten wohl die meisten. Etwas Hoffnung brachte da die Darstellung des Militärexperten an der Bundeswehr-Hochschule, Prof. Carlo Masala, der sich auf die Aussage russischer Geheimdienste berief, auf die Putin seine Ukraine-Invasion gestützt hätte. Darin sei „wohl alles erstunken und erlogen gewesen“. Vielleicht gibt es tatsächlich noch jemanden im Umfeld Putins, der ihm seinen Wahnsinn vor Augen führt, ihn zum Einlenken überreden kann. (Verena Schulemann)

Auch interessant

Kommentare