Mama Minister und die Babys im Bundestag

München - Eine neue Studie untersucht, warum so viele Politiker kinderlos sind. Da stellt sich die Frage: Sollte es Elternzeit für Parlamentarier geben?

Am schlimmsten ist es, wenn am Wochenende Termine in Berlin sind. „Da hat sie wirklich geweint“, erzählt die Abgeordnete von ihrer Tochter. Warum jetzt auch schon sonntags, habe die Kleine traurig gefragt. „Das ist dann ganz schlimm. Damit kann ich immer noch nicht umgehen. Es fällt mir schwer. Unheimlich schwer.“

Die Sätze stammen aus einer neuen, hochaktuellen Studie: Politik als Beruf – schließt das eine Familie aus? Haben die Politiker, die über Gesetze für eine gute Vereinbarkeit von Arbeit und Kindern beraten, selbst genug Zeit als Väter und Mütter? Die Bilder der schwangeren Bundesministerin Kristina Schröder und die Berichte über fürsorgliche Nachfragen von Kanzlerin Merkel zeigen nur die Oberfläche. Zur Wahrheit gehört auch: Schröder ist die erste Ministerin mit Baby in sechs Jahrzehnten Bundesrepublik; und kaum eine Berufsgruppe hat so wenig Kinder wie die Frauen im Bundestag. Nichts täusche darüber hinweg, „dass sich Mutterschaft und Politik nur schwer vereinbaren lassen“, sagt Isabelle Kürschner, die Autorin.

Ihre Analyse „Politik mit Kind und Kegel“ soll heute von der Hanns-Seidel-Stiftung in Berlin vorgestellt werden. Die Studie, basierend auf Daten aus Bundestag und Kanzleramt sowie dutzenden, anonymisierten Gesprächen mit Abgeordneten, könnte einen Anstoß geben für ein familienfreundlicheres Parlament. Die Zahlen nämlich sind ernüchternd. Trotz guter Diäten, Führungsaufgabe und Mitarbeiterstab haben Frauen im Bundestag im Schnitt nur 1,2 Kinder. Die Quote ist bei der CSU mit 1,8 noch am höchsten, bei der Linken mit 0,9 sehr niedrig. Zwischen 1,2 und 1,3 liegen CDU, FDP, SPD und Grüne. Da ist die siebenfache Mutter Ursula von der Leyen (CDU) schon eingerechnet. Fast jeder dritte Abgeordnete ist kinderlos, auch bei jungen Parlamentariern ist die Quote kaum höher.

Als Hauptproblem macht Kürschner die Pendelei vom Wahlkreis nach Berlin aus: Über 20 Sitzungswochen müssen die Abgeordneten in der Hauptstadt präsent sein. Die Mehrheit der Politiker-Familien lebt aber nicht in Berlin. Kürschner hat ermittelt, dass das vor allem für Parlamentarierinnen organisatorisch ein Problem ist. In der Mehrzahl der Fälle halte ihnen der Ehemann nicht am Heimatort den Rücken frei, sondern arbeite selbst.

Die Studie legt auch offen, dass der politische Betrieb nicht gerade familienfreundlich ist. Viele Sitzungen in Berlin sind Pflichttermine, zuhause werden Abgeordnete kritisiert, wenn sie nicht zum Feuerwehrfest kommen. Ein Vater schildert in der Studie den drastischen Fall, wie er vom parlamentarischen Geschäftsführer angeschrien wurde, als er um einige Minuten Zeit bat, um dem Kind die Flasche zu geben. Viele Politiker versuchten, ihre Elternschaft nicht zu thematisieren.

Kürschner regt an, über ein paar Schritte nachzudenken: Etwas weniger Sonntags- und Nachtsitzungen, vielleicht sogar eine Elternzeit für Parlamentarierinnen. „Das ist eher eine Frage des Wollens als ein Ding der Unmöglichkeit“, schreibt sie. „Solange hier kein Mentalitätswandel erkennbar ist, werden viele Menschen von der politischen Betätigung abgehalten.“

Immerhin: Es gibt gute Signale auf Mitarbeiterebene. Im Kanzleramt haben sich die Geburtenzahlen im Vergleich zu Gerhard Schröders Amtszeit verdoppelt.

Christian Deutschländer

Rubriklistenbild: © dpa

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