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"Man muss weiter wachsam sein"

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- Ihre Erinnerungen tragen den Titel "Freiheit ist mehr als ein Wort". Und Hildegard Hamm-Brücher nimmt sich stets die Freiheit, ihre Meinung zu vertreten. Als FDP-Politikerin hatte sie viele Ämter - von der Abgeordneten bis zur Ministerin - inne, 1994 kandidierte sie für das Amt des Bundespräsidenten. 1933 zog die damals Elfjährige zur Großmutter nach Dresden - zuvor waren erst der Vater, dann die Mutter gestorben. Als Chemiestudentin in München hatte sie später Kontakt zu Mitgliedern der Weißen Rose.mik

Frau Hamm-Brücher, was war Ihre erste Erfahrung mit dem Nazi-Regime?

Hildegard Hamm-Brücher: "Die Bücherverbrennung am 10. Mai. Das war ein aufrüttelndes Ereignis. Mein Vetter, der als Student bei uns wohnte, kam an diesem Nachmittag ganz entsetzt nach Hause und erzählte, dass vor der Universität Bücher verbrannt wurden. Weil sie schädlich seien. Weil sie entartet seien. Weil sie Asphalt-Literatur seien. Das habe ich mit meinen elf Jahren zunächst nicht ganz verstanden, aber er sagte dann, dass auch Bücher von Erich Kästner dabei waren. Das hat mich furchtbar entsetzt. Wie konnte man nur darauf kommen, Bücher von meinem Lieblingsschriftsteller zu verbrennen?"

Wie hat sich Ihr Alltag verändert?

Hamm-Brücher: "Das kam sehr schnell, nämlich mit der Umschulung von Berlin nach Dresden. Ich kam in die dritte Klasse des Mädchen-Gymnasiums und jeden Morgen mussten wir die Lehrerin mit ,Heil Hitler grüßen. Meine Klassenlehrerin Thea von Seydewitz hat mir nach dem Krieg erzählt, wie grauenhaft sie das fand. Sie hat keine unserer Andachten mehr gehalten. Dort wurden statt christlicher Lieder nur noch Parolen ausgegeben, wie groß und stark wir werden müssten."

Sie lebten damals bei Ihrer Großmutter . . .

Hamm-Brücher: "Ja. Sie war einer solchen Situation überhaupt nicht gewachsen. Außerdem hatte sie einen tschechischen Pass und galt als Jüdin, obwohl sie getaufte Christin war. Das erfuhren wir aber erst 1935, als die Nürnberger Gesetze kamen."

Damit galten Sie nicht mehr als Arierin. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Hamm-Brücher: "Wir waren ,Halb-Arier, wie das hieß. 1935, ich war 14 Jahre alt, begannen die kleinen Schikanen. Ich war eine blendende Schwimmerin, durfte aber bei Wettkämpfen nicht mehr mitmachen."

Haben Sie das in Ihrem jugendlichen Alter überhaupt verstanden?

Hamm-Brücher: "Ich hatte verstanden, dass wir ausgegrenzt wurden aus allem, was mir Freude machte. Ich durfte auch nicht mehr mit ins Schullandheim im Erzgebirge. Das war sehr diskriminierend und verletzend für ein Kind."
Noch mal zurück zum 30. Januar. Für die jüngeren Generationen ist die Frage nach dem "Warum" am interessantesten.

Wie konnte es überhaupt zu Hitler kommen?

Hamm-Brücher: "Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Demokratie von den Deutschen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ja nicht erkämpft oder erwünscht war, sondern mangels anderer Möglichkeiten eingeführt wurde. Diese Demokratie hatte am Anfang großen Zulauf, die erste Koalition besaß eine satte Mehrheit von Sozialdemokraten, Zentrum sowie Links- und Rechtsliberalen.

Doch schon Anfang der 20er-Jahre verloren diese Parteien. Mit der entsetzlichen Inflation und den Belastungen durch die Reparationsleistungen ist die Stimmung endgültig ins nationalistische Lager umgeschlagen. In diesem Klima kam Hitler nach oben, weil er radikal und unglaublich populistisch versprach, Arbeit zu schaffen, den Versailler Vertrag auszuhebeln und die Juden zu bekämpfen. Das hat vielen Deutschen gefallen.

Die Machtergreifung selbst erfolgte übrigens vollkommen legal über das Parlament. Aber eigentlich - und das treibt mich noch immer um - hat die NSDAP vor 1933 nie eine Mehrheit gehabt. Selbst bei den letzten Reichstagswahlen im März 1933 bekam sie nur 43 Prozent."

Aber Hitler hat trotzdem eine enorme Unterstützung in der Bevölkerung gehabt . . .

Hamm-Brücher: "Das ist genau der Punkt. Erstens wurden alle demokratischen Parteien verboten. Zweitens hat er durch seine Maßnahmen großen Eindruck gemacht. Die Arbeitslosenzahlen gingen zurück, Autobahnen wurden gebaut, Mörder bekamen die Todesstrafe - das waren Dinge, nach denen sich das Volk sehnte. Dazu kamen außenpolitische Erfolge."

Menschen wie Sie waren wegen der beschriebenen kleinen Erfahrungen sehr skeptisch. Warum gab es so wenige Zweifler?

Hamm-Brücher: "Weil Eltern den Kindern eingebläut haben, dass sie dem Führer folgen sollen. Es war wie eine Maschine, die unaufhaltsam das ganze Volk eingefangen hat. Ausnahmen bildeten nur bestimmte Gruppen, darunter gläubige Katholiken. In der Familie meines Mannes zum Beispiel gab es keine überzeugten Nazis _ das war mit dem Glauben nicht zu vereinbaren. Insgesamt aber ist die Entwicklung vor und nach der Machtergreifung ein Schulbeispiel dafür, dass man immer wachsam sein muss, um Anfänge zu erkennen und Entwicklungen zu verhindern. Das ist meine Lehre aus 50 Jahren Politik."

Ein schönes Stichwort: Inzwischen gibt es wieder wirtschaftliche Probleme und viele Arbeitslose. Könnte ein zweiter Hitler heute Erfolg haben?

Hamm-Brücher: "Nein, die Demokratieerfahrung ist heute -anders als in Weimar - gottlob positiv. Trotzdem gibt es labile Bereiche. Der Osten beispielsweise, wo die Menschen die Lern- und Emanzipationsprozesse des Westens nicht mitgemacht haben. Wie kann man antisemitisch sein, wenn man noch nie einen Juden gesehen hat? Wie kann man ausländerfeindlich sein, wenn man fast keine Ausländer um sich hat? Das ist eine Mentalität, die auch wir im Westen nach 1945 erst sehr langsam überwunden haben. Man muss also weiter wachsam sein."

 

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