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Der Mann der geraden Kanten

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- Wiesbaden - Auf seiner "Erfolgstour Hessen" lernt Roland Koch auch "Frau Hansen" kennen. Sie steht hinter einem Gitter und blickt den fremden blonden Mann mit großen braunen Augen an. Zunächst bleibt der Ministerpräsident auf Distanz und sondiert das Terrain, bevor er sich schließlich doch "Frau Hansen" vorsichtig nähert.

Solche Begegnungen gehören zum politischen Geschäft, daran kann selbst ein Roland Koch nichts ändern, der ansonsten gerne die Parole ausgibt: "Geht nicht - "Geht nicht, gibts nicht"gibts nicht."

Also lässt sich der Christdemokrat eine gelbe Rübe geben und steckt sie "Frau Hansen" mutig ins Maul. "Frau Hansen" ist eine Eselin auf dem Reithof der Familie Krämer im Odenwald.

Den ungewöhnlichen Namen haben Kinder dem Tier gegeben. Koch besucht mit seinem Tross den Hof, um bei Odenwalder Wurstspezialitäten die örtlichen Kandidaten zu unterstützen und einen Stegreif-Vortrag über die Probleme und Chancen der Landwirtschaft im Erholungsgebiet vor den Toren der Rhein-Main-Metropole Frankfurt zu halten.

Mit politischen Eseleien kennt Koch sich aus. Die unsägliche Schwarzgeldaffäre etwa, die die CDU vor drei Jahren erbeben ließ, überstand Koch brutalstmöglich nur mit dem Etikett "Lügner" auf seiner politischen Weste. Ein Umstand, der ihm nicht gefällt und den er auch im Nachhinein für nicht gerechtfertigt hält. Der 44-Jährige hat gelernt, damit zu leben. Heute, erklärt er, spiele die Affäre bei den Wählern keine Rolle mehr, auch wenn sein Gegenkandidat von der SPD mit "mehr Ehrlichkeit" auf Plakaten wirbt.

Mit Selbstzweifeln hält Koch sich nicht lange auf. Der Kopfmensch und bekennende "Papierfresser" marschiert unbeirrt geradeaus. Und das von früher Jugend an. Mit 14 startete er seine atemberaubende Karriere, die ihn schon im Alter von 41 Jahren auf den Ministerpräsidenten-Sessel in Wiesbaden führte. Brüche in der Biographie, Phasen des Suchens oder der Umorientierung - Fehlanzeige.

"Ich lege Wert darauf, dass die Kante gerade gezogen wird", sagt er gern. So redet Koch auch. In Dieburg (Kreis Darmstadt-Dieburg) sind trotz der ungünstig frühen 17-Uhr-Zeit rund vierhundert Zuhörer gekommen, der Saal in der Ludwigshalle ist brechend voll. 90 Minuten spricht Roland Koch frei, ohne Manuskript, ohne Versprecher, scheinbar ohne Anstrengung. Jeder Satz druckreif.

Wenn man ihn so hört, kann man sich kaum vorstellen, dass ihm etwas Unbedachtes herausrutscht. Umso schlimmer dann die Wirkung, wenn seinem Mund doch eine Verbalgranate entschießt. Wie kürzlich im Landtag, als er im Rahmen einer Steuerdebatte gegen eine Art "Stern an der Brust von Reichen" polemisierte. Das ist das Restrisiko im rhetorischen Kraftwerk Koch.

Die meisten Hessen nehmen ihm solche Fehltritte nicht übel. Sie blicken wohlwollend auf seine bisherige Regierungsbilanz. Die Umfragewerte für die CDU und ihren Spitzenmann sind glänzend. So glänzend, dass Koch auch von der aktuellen Irak-Debatte keine Ergebnisumkehr mehr erwartet. Sorge macht ihm vielmehr, dass zu viele Unionsanhänger im Gefühl des sicheren Sieges am Wahlsonntag zu Hause bleiben könnten und er um 18 Uhr das Nachsehen hätte. Das traditionell "rote" Hessen ist eben noch kein christdemokratisches Stammland geworden. Aber Koch arbeitet daran, dass es das eines Tages wird.

Ein wenig neidvoll blickt er in dieser Hinsicht nach Bayern, wo es der CSU gelungen ist, das "Mir san mir"-Gefühl politisch eng mit der Partei zu verflechten. Um dann aber gleich zu monieren, dass die gesellschaftlich so breit verankerte CSU mittlerweile "alle Windrichtungen" mitmache. "Mit Stoiber brauche ich über eine Mietrechtsänderung nicht zu reden. Der verweist mich sofort auf die soziale Problematik in den Wohngebieten im Münchner Umland", schickt er einen Seitenhieb an die Schwesterpartei.

So gesehen steckt in Koch eher eine Portion Thatcher - jener "Eisernen Lady", die in Großbritannien eine Revolution durchführte, indem sie die Gewerkschaften entmachtete und den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung legte. Geliebt wurde "Maggie" nicht, aber gewählt und geachtet. Damit wäre wohl auch Koch zufrieden.

"Ich will ein Problem lösen", sagt er und meint damit, es nicht nur zu übertünchen, um es nach einer gewissen Zeit wieder vor sich zu sehen. Ob Innere Sicherheit, Bildung oder Sozialpolitik - eine Stärke des Roland Koch besteht darin, ein abstraktes Problem in verständliche Einzelteile zur zerlegen. Er listet seine bisherigen Handlungen auf, vergleicht sie mit seinen Ankündigungen und gibt somit den Leuten das Gefühl, sie hätten eine messbare Erfolgskontrolle. "Versprochen - gehalten", heißt das bei dem gelernten Juristen. Das kommt bei den Hessen an.

Doch Kochs Horizont reicht längst über das Land hinaus. Geschickt verbindet er landespolitische Themen mit bundespolitischen Erfordernissen. "Wer Koch wählt, verhindert, dass Rot-Grün 48 Steuererhöhungsgesetze verabschieden kann", ruft er in den Beifall des Saales.

"Schröder sitzt in der lebensgefährlichen Mitte"

Dass eine Doppelniederlage der Sozialdemokraten in Hessen und Niedersachsen zu raschen Konsequenzen in der Politik des Kanzlers führen wird - davon zeigt sich Koch überzeugt. Gerhard Schröder habe dann eine kurze Zeit, ein sogenanntes "Raketenfenster", um echte Reformen gegen die starken Widerstände in der SPD durchzusetzen. Dann werde die Union auch nicht blockieren.

Der jetzige Zickzack-Kurs sei für den Kanzler riskant: So wie Schröder Politik betreibe, verscherze er es sich mit allen, meint der Landesfürst. "Schröder sitzt in einer lebensgefährlichen Position - in der Mitte". Kochs Rezept: "Wenn Schröder sich in den Dunstkreis unserer Ideen begibt, kommt er immerhin auch in den Windschatten."

Fragen nach seiner persönlichen Zukunft wickelt er geschäftsmäßig ab: Er wolle fünf Jahre Ministerpräsident in Hessen bleiben. Spekulationen über seine Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur der Union 2006 hält er derzeit für fehl am Platze.

Dennoch: Fährt Koch am 2. Februar das erwartet glänzende Wahlergebnis ein, sollte sich Angela Merkel für 2006 vorsichtshalber mental auf ein Frühstück vorbereiten. Am besten brutalstmöglich.


 

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