"Mann ohne Gesicht": Mischa Wolf ist tot

- Berlin - Schon zu Lebzeiten war er eine Legende. Zwei Jahrzehnte lang war Markus Wolf für den Westen der "Mann ohne Gesicht" - es gab keine Fotos von ihm. Seine Agenten im Westen führte er mit der Präzision eines Schachspielers. Sein Meisterstück war die Platzierung des Spions Günter Guillaume in der Bonner Regierungszentrale, die Bundeskanzler Willy Brandt 1974 das Amt kostete.

Gestern starb Wolf nach Mitteilung seiner Familie im Alter von 83 Jahren in seiner Berliner Wohnung.

34 Jahre lang - von 1952 bis 1986 - leitete Wolf den Auslandsnachrichtendienst der DDR, zunächst den Außenpolitischen Nachrichtendienst, ab 1956 als Stellvertreter der Stasi-Minister, zuletzt Erich Mielke, die Hauptverwaltung "Aufklärung" (HVA) im Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Wolfs Spionagestrategie war darauf gerichtet, in die Führungszentren insbesondere der bundesdeutschen Gesellschaft und Politik einzudringen. Seine Agenten mussten auf bürgerlichem Weg in einflussreiche Stellungen aufrücken und durften erst dann aktiv werden.

Musterbeispiel für diese Strategie war Günter Guillaume, der es bis zum Referenten von Bundeskanzler Willy Brandt brachte. Auch der Fall Klaus Kuron gilt als Topleistung: Kuron war im Bundesamt für Verfassungsschutz zuständig für Geheimdienstoperationen gegen die DDR und gleichzeitig Agent der DDR.

Wolf, der mit höchsten DDR-Orden ausgezeichnet und bis zum Generaloberst befördert wurde, führte über etwa 4000 Auslandsagenten Regie. In der HVA in Ostberlin unterstanden ihm 1200 Mitarbeiter. Preisgegeben hat er nach der deutschen Vereinigung keinen von ihnen, in einem Fall nahm er dafür sogar Beugehaft auf sich.

Enttarnt wurde der "Mann ohne Gesicht" erst im Juli 1978, als er bei einem Treffen mit einem bayerischen SPD-Landtagsabgeordneten in Stockholm vom schwedischen Geheimdienst fotografiert und daraufhin vom Überläufer Werner Stiller beim BND identifiziert wurde.

Geboren wurde Markus Johannes "Mischa" Wolf am 19. Januar 1923 im württembergischen Hechingen. Sein Vater war der jüdische Dramatiker und Arzt Friedrich Wolf, Mutter war dessen zweite Frau Else Dreibholz. Wolfs Bruder Konrad machte sich als Filmregisseur bei der Defa einen Namen.

Wolf wuchs zunächst in Stuttgart auf. Da der Vater als Kommunist mit Verfolgung in Deutschland rechnen musste, emigrierte die Familie über Österreich, die Schweiz und Frankreich 1934 in die Sowjetunion. In Moskau erhielt Wolf nach dem Schulbesuch 1942/43 eine politische Ausbildung an der Kominternschule in Kuschnarenkowo im baschkirischen Ural-Vorland, wo auch Männer wie Walter Ulbricht und Wolfgang Leonhard geschult wurden. Zugleich studierte er an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. 1942 trat er der KPD bei.

Im Mai 1945 kehrte Wolf mit den ersten Gruppen Moskauer Exilkommunisten nach Deutschland zurück, wurde Mitarbeiter des (Ost-)Berliner Rundfunks und Berichterstatter für den Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg. Im Dezember 1952 begann dann seine Karriere als Chef-Agent der DDR, die er 1986 auf eigenen Wunsch beendete, um sich der Schriftstellerei zu widmen.

Noch vor dem 40. Jahrestag der DDR räumte Wolf Ende September 1989 Mitverantwortung für die Zuständen in der DDR ein. In der Wende-Zeit nahm er an Veranstaltungen der DDR-Opposition teil. Am 4. November 1989 trat Wolf auf dem Ostberliner Alexanderplatz vor die Demonstranten und bekannte sich zu seiner Vergangenheit.

Da Wolf in der Bundesrepublik per Haftbefehl gesucht wurde, ging er kurz vor der Vereinigung nach Moskau, kehrte aber schon 1991 wieder zurück. Ein Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 6. Dezember 1993, das auf sechs Jahre Haft wegen Landesverrats lautete, wurde nie vollstreckt und im Mai 1995 auf Grund einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aufgehoben.

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