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„Der kann alles. Außer Intrige.“ Marcel Huber (60) muss um sein Ministeramt bangen.

Neue Regierung

Bauernopfer Marcel Huber: Fliegt der beliebte Minister aus dem Kabinett?

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Er galt als einer der starken Minister, verbindlich und nie schrill. Binnen weniger Tage hat die politische Karriere von Marcel Huber Brüche bekommen. Fliegt er am Montag ganz aus dem Kabinett?

München – In den Minuten, in denen Marcel Hubers Pläne zerbröseln, glotzen ihn Dutzende Journalisten durch eine Glasscheibe an, als wäre er ein seltener Fisch im Aquarium. Der Tag nach der Wahl, die Parteispitze tagt in der CSU-Zentrale und regelt erste Personalien. Da ziehen sich Huber und Ministerpräsident Markus Söder unter vier Augen in einen Nebenraum zurück. Es ist ein verglastes Zimmer voll im Blickfeld der wartenden Kamerateams. Kein Wort ist zu hören draußen, aber jeder sieht: Das ist ein schwieriges Gespräch.

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Beide mögen rückblickend nicht darüber reden, murmeln irgendwas von „Austausch über Umweltpolitik“. Ach wo – man sieht ja, was da aufeinanderprallte. Einen Augenblick zuvor hatte die CSU beschlossen, Ilse Aigner zur nächsten Landtagspräsidentin zu machen. Huber hat diese Festlegung völlig überrascht. Er wäre selbst gern Präsident geworden. Hatte aber, seiner uneitlen Art entsprechend, vorher nirgends Ansprüche angemeldet. Söder wusste nicht, was Huber wollte. Huber wusste nicht, dass Söder längst Aigner das Amt zugesagt hatte.

Der Umweltminister verhandelt mit - und verliert vermutlich seinen Platz im Kabinett

Für Huber, 60, sind diese Minuten hinter Glas bitter – aber nicht der Tiefpunkt. Der kommt drei Wochen später, ebenso aus heiterem Himmel. Tagelang verhandelt die CSU mit den Freien Wählern über die Koalition. Der Umweltminister ist Teil des engsten, diskreten Verhandlungsteams. Jedes Komma des Koalitionsvertrags hat er mitbesprochen. Auf das Ergebnis ist er stolz. Nur: Als am Ende Söder und Hubert Aiwanger allein ausmachen, wer welches Ministerium bekommt, geht Umwelt an die Freien Wähler. Huber hat deshalb am Donnerstag sein Büro geräumt. Schweren Herzens. „Der Koalitionsvertrag ist so wuchtig – das hätte ich wirklich gerne selbst umgesetzt.“

„Für den Marcel wird es jetzt ganz eng“, sagt ein Abgeordneter. Freilich, es gibt eine Rest-Chance, dass Huber in ein anderes Ressort wechselt. Die Umzieherei kennt er, rotierte seit 2007 klaglos durch Kultus, Umwelt, Staatskanzlei. Sieben Ämter in elf Jahren. Der Proporz macht es ihm diesmal aber schwer: Regional, weil vor allem Oberbayern Posten abgeben muss, wenn alle CSU-Bezirke mit einem Minister vertreten bleiben sollen. Und, weil die Frauenquote im neuen Kabinett so verheerend niedrig sein dürfte. Die Freien Wähler entsenden ja fast nur Männer, auf CSU-Seite fehlt Ilse Aigner. „Ich verstehe, dass es in einer Koalition jetzt Zwänge gibt“, sagt Huber.

Söder verkündet Kabinett: Überraschungen vorprogrammiert

Marcel Huber würde der Regierung fehlen

Nun muss man um ihn keine Existenzängste haben, er ist Abgeordneter. Der Regierung würde er aber fehlen – weil er anders ist als alle anderen. Als Typ: Quereinsteiger, der mit 49 Staatssekretär wurde, aber erst später Gemeinderat seiner Heimat Ampfing. Promovierter Tierarzt. Hobby: Basstuba. Jahrelang Feuerwehrkommandant. Selbst als Minister fuhr er nachts Einsätze, schnitt an der A 94 Unfallopfer aus Wracks. „Das holt mich auf den Boden zurück“, sagte er.

Huber steht gleichzeitig für ein Profil, das in der CSU selten ist: Umwelt und Tierschutz, eifrig, nicht eifernd. Mit den Naturschutzverbänden, nicht immer Freunde der CSU, steht er in engem Kontakt. Dort lobt man vor allem seine Verdienste für einen sanften Donauausbau, für ein gentechnikfreies Bayern und seinen Einsatz für einen dritten Nationalpark. Alles Projekte aus seiner ersten Amtszeit 2011-14. Nach seiner Rückkehr im März blieb es ruhiger. Als im Juni aber das neue bayerische Artenschutzzentrum eingeweiht wurde, gab er sich kämpferisch: „Beim Artensterben müssen wir die Reißleine ziehen.“

Huber spielt dabei nie den Quoten-Grünen, sondern ist einer der Konservativsten in der Regierung – sogar Chef des Katholischen Männer-Vereins Tuntenhausen, Bollwerk gegen den Zeitgeist. Zu überregionaler Popularität schaffte er es dennoch nie. Ihm fehlt der Wille, sich für ein großes Foto zu inszenieren. Ihm fehlt die Lust, sich in parteiinternen Rempeleien durchzusetzen, etwa im CSU-Bezirk Oberbayern einen Machtanspruch zu formulieren. Und ihm fehlen die Netzwerke aus der Jungen Union. Sein Förderer war Horst Seehofer, der zwar nie seinen Vornamen lernte („Marrzl“, nuschelt er bis heute), aber Hubers Qualitäten erkannte. Der könne alles – „außer Intrigen“, sagte Seehofer mal.

War’s das? Kommt noch ein Wunder, vielleicht doch der Sprung ins Bauressort oder ins Agrarministerium, ein unerfüllter Traum? Huber wird alles klaglos hinnehmen. „Das Leben“, sagte er vor einigen Jahren mal, „spült Dich an Stellen, wo man es nicht vermutet“.

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