+
Bald wieder am alten Schreibtisch: Marcel Huber 2011 in der Staatskanzlei.

Staatskanzleichef erklärt sich

Huber: „Ich war nicht auf Stellensuche“

  • schließen

München - Er muss schon wieder umziehen. Im Umweltministerium hatte Marcel Huber seine Berufung gefunden. Doch Horst Seehofer braucht ihn als Nachfolger von Christine Haderthauer. Huber versucht sich zu freuen.

Vor Jahren hat Marcel Huber mal einen prophetischen Satz gesagt. „Da, wo mich der Herrgott hinstellt, gebe ich mein Bestes.“ Der Herrgott also. Nimmt man es genau, ist es ja Horst Seehofer, der Huber gerne irgendwohin stellt. Andauernd eigentlich. Es gibt kein Kabinettsmitglied, das so oft seinen Posten wechseln musste. „Seehofers Allzweckwaffe“, titelte unsere Zeitung 2011. Daran hat sich nichts geändert. Am Freitag muss Huber in die Staatskanzlei ziehen. Zurück an seinen alten Schreibtisch.

Am späten Dienstagnachmittag ereilt Huber der Anruf aus der Staatskanzlei. Im Bäderdreieck versucht der 56-Jährige so etwas wie Urlaub zu machen. Den beendet der Chef ziemlich abrupt. Seehofer hat mit seiner Stellvertreterin, der oberbayerischen Bezirkschefin Ilse Aigner, seit 15 Uhr hin und her überlegt. Auch Alexander Dobrindt wird eingebunden. Angelika Niebler wäre eine gute Nachfolgerin von Christine Haderthauer. Doch die frisch gewählte Chefin der Europagruppe will nicht nach München. Seehofer aber braucht jemanden mit Erfahrung: Ein Neueinsteiger aus der Fraktion kommt nicht infrage, selbst die talentierten Staatssekretäre genügen den Ansprüchen nicht. Also ruft er Huber an.

Freudenschreie sind aus diesem Telefonat nicht überliefert. Huber willigt am Ende aber ein. Man hat Politiker, die eben einen neuen Job bekommen haben, schon euphorischere erlebt. Seehofer sei bewusst gewesen, wie sehr er an seinen Themen und Projekten hänge, erzählt Huber am Tag danach. „Ich war nicht auf Stellensuche.“ Er habe sich im Umweltministerium einfach wohl gefühlt. „Ich bin schon immer naturnah gewesen. Diese Themen waren mir auf den Leib geschneidert.“ Richtig: Sie waren es.

Wer etwas über diesen Marcel Huber erfahren will, der muss eigentlich nur die gestrigen Reaktionen der Konkurrenz anschauen. Hubert Aiwanger (Freie Wähler) preist den Mühldorfer als umgänglichen Kollegen. „Ich traue ihm zu, das verlorengegangene Vertrauen in die Staatskanzlei zurückzugewinnen.“ Auch der Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann hofft mit „dem klaren Gegenmodell zu Haderthauer auf einen Stilwechsel“. Der Bund Naturschutz weint Huber öffentlich nach und würdigt seine „großen Verdienste um den Naturschutz“. Das dürfte einem CSU-Minister auch noch nicht passiert sein. Aus dem Ministerium wird von großem Bedauern bei den Mitarbeitern berichtet. Der Chef habe immer ein offenes Ohr gehabt. Ob Amtschef oder Pförtner, alle wurden gleich behandelt.

Genau das braucht Seehofer jetzt: einen, der vermitteln kann. Zwischen Berlin und München, zwischen CDU und CSU, zwischen Landesgruppe und Landtagsfraktion. Vor allem das Maut-Thema droht der Partei über den Kopf zu wachsen. Die CSU will die Zügel anziehen und künftig in Berlin nicht mehr alles abnicken, wenn die Koalitionspartner weiter das eigene Vorzeigeprojekt torpedieren. Ärger ist programmiert. Da braucht es einen Feuerwehrmann.

Und Huber ist einer. Das Amt als Kommandant hat er zwar aufgegeben, aber bis heute fährt er nachts raus. Auch im übertragenen Sinne. Immer wieder löscht er für seinen Ministerpräsidenten Brände: Huber war Staatssekretär im Umweltministerium, als Seehofer 2008 von Berlin nach München wechselte. Im ersten Kabinett setzte ihn der Ministerpräsident dann ins Kultusressort. Eben eingearbeitet wurde er in die Staatskanzlei befördert. Doch nach einem halben Jahr musste Huber wieder zurück ins Umweltressort – Seehofer brauchte einen Nachfolger für Markus Söder, der Finanzminister wurde. Jetzt braucht Seehofer eben wieder einen Nachfolger. So klein ist die CSU-Welt manchmal.

Huber nimmt es gelassen. Der Tierarzt ist ein Spätberufener der Politik. Zwei Jahrzehnte lang stand er im Kuhstall, ehe er in den Landtag gewählt wurde. Einem bodenständigeren Chef dürften die Beamten in kaum einem Ministerium begegnet sein. Vor drei Wochen, so erzählt der dreifache Familienvater, hätten er und seine Feuerwehr-Kollegen um 2 Uhr nachts drei junge Männer aus einem Auto gezogen. „Da kannst Du Dich am Nachmittag noch so sehr über irgendeinen Landrat geärgert haben. Nach solchen Erlebnissen hat man wieder einen anderen Blick auf die Dinge.“

Mike Schier

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

May wendet sich mit Brexit-Brief direkt an EU-Ausländer
Die Brexit-Verhandlungen zwischen Brüssel und London sind zäh. Der EU-Gipfel könnte für Premierministerin May unangenehm werden. In einem offenen Brief wendet sie sich …
May wendet sich mit Brexit-Brief direkt an EU-Ausländer
FDP und Grüne entdecken Gemeinsamkeiten
Jamaika ausloten, Tag zwei: FDP und Grüne lassen bei Blumenkohlsuppe und Streuselkuchen die Verletzungen der Vergangenheit beiseite. Nebenbei rumort es ordentlich - vor …
FDP und Grüne entdecken Gemeinsamkeiten
Merkel will weitere Milliarden für Flüchtlinge in der Türkei
Die Türkei, der Brexit und die Migration: Auf dem EU-Gipfel haben Kanzlerin Angela Merkel und ihre europäischen Kollegen etliche dicke Bretter zu bohren.
Merkel will weitere Milliarden für Flüchtlinge in der Türkei
Hamas-Vertreter bekräftigt Ziel der Zerstörung Israels
Zwischen der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas und der gemäßigteren Fatah mag ein Frieden näher rücken - doch an Israel richtet der Gaza-Chef der Hamas …
Hamas-Vertreter bekräftigt Ziel der Zerstörung Israels

Kommentare