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Ausgewaschene Gräber, „Sümpfe“ auf den Straßen, Chemie-Leck – Mariupol drohen nun Seuchen und neue Not

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Zerstörte Infrastruktur, Massengräber und steigende Temperaturen: In der von Russland besetzen Hafenstadt Mariupol geht die Angst vor Seuchen um.

Mariupol/München – Die Namen dieser Orte werden vermutlich in die Annalen der Geschichte eingehen – und symbolisch für die Schrecken des russischen Invasionskrieges gegen die Ukraine stehen: Butscha und Mariupol.

Seit dem 24. Februar 2022 befand sich Mariupol unter permanentem Beschuss. Ihre für Russland strategisch attraktive Lage machte die einst lebendige Universitätsstadt am Ufer des Asowschen Meeres in der Oblast Donezk zu einem der Hauptziele des russischen Militärs. Was folgte, waren die fast vollständige Zerstörung der Heimat von einst 440.000 Menschen und ein letztes Aufbäumen der in dem Asow-Stahlwerk verbliebenen Kämpfer. Nach 82 Tagen war Schluss: Mariupol ist seitdem komplett in russischer Hand. Es ist das Ende der bislang brutalsten Schlacht des Ukraine-Krieges.

Die verbliebenen, laut dpa schätzungsweise rund 100.000 Menschen, stehen vor dem Nichts. Zerstörte Infrastruktur, zerstörte Wasserversorgung – und die Gefahr sich rasant verbreitender Krankheiten. Wo große Not herrscht, die Toten nur notdürftig bestattet werden können und Hygiene ein „Luxus“ aus Vorkriegszeiten ist, ist die Wahrscheinlichkeit von Seuchen groß. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte bereits vor einem Cholera-Ausbruch in besetzten Gebieten der Ukraine. Das berichtete unter anderem Euractiv.

Ukraine-Russland-Krieg: Mariupol drohen nun Seuchen und „Naturkatastrophe globalen Ausmaßes“

Dorit Nitzan, Leiterin des WHO-Einsatzes in der Ukraine, sagte dem Brüsseler Portal zufolge, sie habe Berichte ihrer Partner vor Ort erhalten, die von „regelrechten Sümpfen auf den Straßen“ berichten würden. „Abwässer und Trinkwasser vermischen sich. Dies ist eine große Gefahr für viele Infektionskrankheiten, einschließlich Cholera“, sagte sie.

Ein Mann kocht neben seinem Haus in Mariupol, einem Gebiet unter der Regierung der Donezker Volksrepublik im Osten der Ukraine.
Ein Mann kocht neben seinem Haus in Mariupol, einem Gebiet unter der Regierung der Donezker Volksrepublik im Osten der Ukraine. © Alexei Alexandrov/dpa

Ähnliches berichtet auch der Bürgermeister Mariupols. „Die Besatzer haben unsere getöteten Bürger völlig chaotisch beerdigt, das Abwasser wäscht diese Gräber aus, das ist unglücklicherweise ein epidemiologisches Problem“, zitiert unter anderem die New York Times aus einer Videobotschaft von Wadym Bojtschenko.

Es gebe keinen Strom, kaum Nahrung und Wasser, keine medizinischen Strukturen, berichtete der Politiker weiter von den in Mariupol herrschenden Zuständen. Auch das Abwassersystem funktioniere nicht mehr. Eine noch drängendere Warnung kommt vom Stadtrat Mariupols. Wie The Kyiv Independent meldet, könnten dem Gremium zufolge beim anhaltenden Beschuss des Asow-Stahlwerks die Einrichtungen zur Lagerung gefährlicher Chemikalien schwer beschädigt worden sein.

Steigende Temperaturen, Regenfälle und die anhaltend verheerenden Umstände, in denen die Menschen Mariupols ausharren: Eine potentiell tickende biologische Zeitbombe. Für die Einwohner dürfte das vorerst nur ein Seitenaspekt bleiben. Mitte Mai sagte Michelle Bachelet, die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, laut dpa: „Die Stadt Mariupol (...) hat seit dem Beginn des russischen Angriffs unvorstellbaren Horror erlebt“. Ihr Büro geht von tausenden Toten in der im Verlauf des eskalierten Ukraine-Konflikts weitestgehend zerstörten Stadt aus. (aka)

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