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Stoiber redet sich bei „Lanz“ in Links-Rage - Ökonom zerreißt Unions-Programm

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Edmund Stoiber kurz vor der Bundestagswahl zu Gast bei Markus Lanz.
Edmund Stoiber kurz vor der Bundestagswahl zu Gast bei Markus Lanz. © Screenshot: ZDF-Mediathek/fn

Markus Lanz begrüßt Edmund Stoiber in Wahlkampfzeiten. Der CSU-Altmeister gibt sich leidenschaftlich, bekommt aber auch eine kalte Dusche von einem Experten.

Markus Lanz‘ Stargast am Donnerstagabend ist Edmund Stoiber. Dabei wirkt es zu Beginn so, als habe sich Lanz darauf vorbereitet, dass der Unions-Kanzlerkandidat von 2002 Sprüche im Sinne einer Kanzlerschaft Markus Söders klopft. CSU-Generalsekretär Markus Blume hatte schließlich unlängst die Vorlage geliefert: „Natürlich stünden wir mit Markus Söder als Kanzlerkandidat besser da“, hatte er gesagt - das war allerdings vor der „Trendwende“-Offensive der CSU.

Bundestagswahl: Söders Kanzlerpläne Thema bei „Markus Lanz“ - Stoiber legt direkt los

Stoiber bleibt im Talk jedenfalls eisern und lässt sich nicht locken - zumindest in der Kanzlerfrage. Als sich der Moderator erkundigt, ob Söder nicht ein guter Kanzlerkandidat sei, redet sich Stoiber beinahe in Rage: „Warum wollen Sie das jetzt von mir wissen? Er hat alle Voraussetzungen dazu, genauso wie Armin Laschet. Er hat alle Voraussetzungen, ich kenne ihn nun wirklich sehr gut, er war lange Jahre mein Generalsekretär.“ Zugleich wirkt es fast ein wenig, als wolle sich der CSU-Ehrenvorsitzende entschuldigen: „Ich habe ihn die ganzen Jahre und Jahrzehnte immer begleitet und gefördert, sofern ich das konnte. Das ist gar keine Frage. Aber so ist nun mal entschieden worden. Ich kann nur sagen: Wenn der Schiedsrichter-Videobeweis sagt, das ist ein Tor, dann kann ich nicht noch monatelang um dieses Tor diskutieren und sagen: Eigentlich habe ich gewonnen.“

Von der jüngeren Vergangenheit schwenkt die Diskussion in die Gegenwart. Der Kampagnen-Experte Julius van de Laar streicht die ungewohnte Geschlossenheit der SPD vor der Bundestagswahl heraus. Die Union versuche mit dem rot-rot-grünen Schreckgespenst zu kontern: „Normalerweise sind es ja die Sozialdemokraten, die untereinander so unfassbar zerstritten sind. Und es ist wirklich einer der ersten Wahlkämpfe, wo es eben die SPD geschafft hat, so wahnsinnig einheitlich zu sein: Kevin Kühnert, Saskia Esken, NoWaBo.“ Stoiber hingegen hält das Trio für eine Gefahr: „Die Bedeutung dieser Personen, die sie gerade nennen, die kommt ja erst, wenn die Wahl vorbei ist.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 16. September:

„Es gibt ja einen Grund, warum das nicht verfängt“, entgegnet van de Laar und legt dar, dass sich SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nicht als geeignete Projektionsfläche für den Sozialismus eigne. Die Zeit-Journalistin Anna Mayr erklärt: „Ich glaube, das verfängt auch nicht, weil eigentlich ja das konservative Menschenbild ist ja so was ganz Liebenswertes. Also das konservative Menschenbild ist ja: Der Mensch ist an sich gut und man muss den eigentlich nur lassen und alles, was der schafft, ist bewahrenswert.“ „Und ab und zu mal zur Beichte“, ergänzt Markus Lanz.

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Mayr fährt schmunzelnd fort: „Und ab und zu zur Beichte. Und jetzt hat aber die Union in ihrem Wahlkampf vergessen, dass man auch über dieses Bewahren sprechen muss. Und sich auch überlegen muss, was man eigentlich bewahren will. Also zum Beispiel: Wie wollen wir damit umgehen, dass in der sozialen Marktwirtschaft die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinandergeht? Wie wollen wir damit umgehen, dass wir die Umwelt nicht bewahren in dieser sozialen Marktwirtschaft? Und darauf gab es eben keine Antworten.“

Markus Lanz: Stoiber warnt vor Rot-Rot-Grün - Moderator sorgt sich um den Blutdruck

„Die Frage ist“, beginnt Stoiber im Anschluss noch in besonnenem Tonfall, „wie entwickelt sich dieses Land weiter? Weil Sie gerade das Auseinanderfallen zwischen Arm und Reich ansprechen: Ich muss ja immer mal die Vergleichsmaßstäbe herstellen. Ich kann ja nicht absolut sagen: Ich will das so. Ich schaue mal hier in Europa. Unsere gesamte Stärke überhaupt, in Europa und in der Welt, ist unsere wirtschaftliche Stärke. Wir sind die viertgrößte Handelsmacht der Erde mit nur 80 Millionen Einwohnern.“

Diese Leistung sei durch eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linkspartei in Gefahr, erklärt Stoiber: „Was ist denn da für ein Menschenbild vorhanden, wenn ich Dreiviertel dessen, was sozusagen jetzt erarbeitet wurde, erwirtschaftet, wie auch immer, in einem freien Land, einfach wegnehme für irgendwas, was ich überhaupt nicht sehe?“ Hausbesitzer etwa würden durch Vermögensteuern ungerecht behandelt, schließlich sei ein Haus in bestimmten Regionen schnell zwei Millionen wert. Während der Ökonom Marcel Fratzscher einwirft, dass es einem dann aber nicht schlecht gehen könne, meint Stoiber: „Ich habe doch davon im Prinzip nichts!“

Stoiber betont, es gehe darum, die Industrienation Deutschland im Sinne der Nachhaltigkeit umzubauen und anderen als Beispiel voranzugehen. Weil er sich dabei immer weiter in Rage redet, versucht Lanz, den Politiker zu bremsen: „Ich mache mir Sorgen um Ihren Blutdruck.“ „Das sagen Sie immer“, lacht Stoiber und winkt ab, „das haben Sie schon vor zehn und zwanzig Jahren gesagt.“ Der Bitte, Redebeiträge der anderen Gäste zuzulassen, kommt Stoiber auch in der Folge nur bedingt nach – und zwar mit Ansage: „Sie haben mich ja eingeladen!“

Marcel Fratzscher macht sich bei „Markus Lanz“ für Vermögensteuer stark

Weil Gastgeber Lanz Stoibers Ausführungen als Angst vor Kommunismus zusammenfasst, empört sich dieser erneut: „Da missinterpretieren Sie mich bewusst. Das ist nicht akzeptabel! Das muss ich ganz ehrlich sagen! Ich kann doch nicht ständig sagen: Sie haben schwarze Haare! Oder Sie haben eine krumme Nase! Obwohl es nicht stimmt! Ich meine, so gehen Sie daher und sagen: Das ist eine Nachfolge-Diskussion der roten Socken.“ Stoiber besteht darauf, es gehe ihm nicht um den Sozialismus, sondern um die realpolitische Fragen: „Welche Folgen hat eine Koalition mit knappen Mehrheiten, wo die Grünen und eine Sieben- oder Sechs-Prozent-Partei diese Machtpositionen bekommen, letzten Endes bestimmte Dinge durchzusetzen in einer Koalition, die meines Erachtens dem Land schadet in der Bedeutung wirtschaftlicher Kraft. Und wenn wir das verlieren, werden wir auch an politischem Einfluss in Europa und in der Welt verlieren.“

Marcel Fratzscher pflichtet Stoiber zwar bei, dass es sich um eine wegweisende Wahl handele, doch sinkende Steuern bei steigenden Investitionen hält er für eine nicht machbare Quadratur des Kreises. Lanz verweist auf die „wirtschaftliche Entfesselung“, mit der Union und FDP für Steuersenkungen werben und fragt den Wirtschaftsprofessor, ob es für das Gelingen dieser Strategie historische Beispiele gebe.

Fratzscher klärt auf: „Nein. Also wissenschaftlich gesehen gibt es viele Studien dazu und die sagen Ihnen eigentlich immer: Das funktioniert nicht.“ Viele der Steuersenkungen seien für Topverdiener, die einen Großteil dieses Geldes auf die hohe Kante legen würden, sagt der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Seine Meinung deshalb: „Aus ökonomischer Sicht würde es extrem viel Sinn machen, Menschen mit geringen Einkommen zu entlasten und im Gegenzug Vermögen stärker zu besteuern.“ Fratzscher hatte bereits bei Vorstellung des Unions-Programmes vor „mehr Schulden und weniger öffentlichem Vermögen“ gewarnt.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

„Wenn dieser Wahlkampf mehr von Ihnen hätte, dann hätten wir alle mehr Spaß“, bilanziert Markus Lanz schon während seiner Sendung das Gespräch mit Edmund Stoiber. Was Stoiber selbst als „leidenschaftlichen“ Auftritt bezeichnet, hat in heutigen TV-Talkrunden tatsächlich Seltenheitswert. Die Journalistin Anna Mayr, der Ökonom Marcel Fratzscher und der Strategieberater Julius van de Laar kommen wenig zu Wort und werden häufig von Stoiber unterbrochen. Der ehemalige Ministerpräsident Bayerns reißt die „Markus Lanz“-Sendung nach Belieben an sich, der Gastgeber kann sich das ein oder andere verwunderte Schmunzeln nicht verkneifen.

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