„Markus Lanz“ am 31. März 2021: Lanz fragt bei Hennig-Wellsow ganz genau nach.
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„Markus Lanz“ am 31. März 2021: Lanz fragt bei Hennig-Wellsow ganz genau nach.

Talkrunde im ZDF

Markus Lanz „zerpflückt“ neue Linken-Chefin: „Nicht, dass ich Ihr Programm besser kenne als Sie“

Wolfgang Schäuble bekommt bei „Markus Lanz” viel Sendezeit eingeräumt, nutzen kann er sie kaum. Das gilt auch für Linke-Co-Chefin Hennig-Wellsow. 

Hamburg - Zu Beginn der „Markus Lanz”-Talkrunde stellt der per Video zugeschaltete Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) all seine politische Erfahrung unter Beweis. So schafft Talkmaster Lanz es während des rund 30-minütigen Interviews kaum, über den Status des Stichwortgebers hinauszukommen. Als Lanz etwa wissen will, wie tief die Krise der CDU ist, spannt Schäuble einen weiten Bogen von einer Ende der 1960er Jahre bereits totgesagten CDU hin zu dem heutigen „Systemwettbewerb“ mit autoritären Staaten wie China und der Frage, wer die Pandemie besser bewältigt bekomme. Letzteres beschäftige ihn derzeit mehr als aktuelle Umfragewerte.

Wolfgang Schäuble bei „Markus Lanz”: „So dramatisch wie Sie die Lage schildern, ist es nicht“

Schäuble ist, Lanz streicht das als „rhetorisches Geschick” heraus, darum bemüht, den Konflikt zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und dem CDU-Parteivorsitzenden Armin Laschet kleinzureden und gibt sich betont gelassen. Die Menschen seien es lediglich nicht gewohnt, dass es nicht die Kanzlerin ist, die Wahlkampf machen muss, um wiedergewählt zu werden. Dadurch würden kleine Meinungsunterschiede größer gemacht als sie seien. „Natürlich kann er nicht nur einfach neben der Kanzlerin operieren und agieren, sondern muss gleichzeitig auch ein eigenes Profil haben. Und sobald da eine kleine Differenz ist, wird es schon schwierig”, sagt Schäuble und insistiert: „So dramatisch wie Sie die Lage schildern, ist es nicht.“

Wolfgang Schäuble im Interview mit Markus Lanz (ZDF)

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 31. März:

  • Wolfgang Schäuble (CDU) – Präsident des Deutschen Bundestags
  • Susanne Hennig-Wellsow (Die Linke) – Co-Vorsitzende der Linkspartei
  • Cerstin Gammelin – Journalistin
  • Stephan Grünewald – Psychologe

Erst am Vorabend sprach Armin Laschet bei „Markus Lanz” von einer Klärung der K-Frage zwischen Ostern und Pfingsten, diesen Zeitrahmen unterstreicht Schäuble: „Die beiden werden das miteinander ausmachen. Ich glaube, die beiden Parteivorsitzenden werden einen gemeinsamen Vorschlag machen. So hat es Angela Merkel auch mit Edmund Stoiber gemacht, das ist jetzt fast 19 Jahre her. Das wird schon gehen. Aber es ist eben noch nicht jetzt. Wir haben größere Probleme im Augenblick als uns mit Personalfragen zu beschäftigen.“ An dieser Einschätzung ändert auch Lanz’ Nachhaken, dass es „ja nicht um irgendeine Personalfrage” gehe, nichts. Mehr als ein trockenes „Es wird vermutlich einer der beiden Parteivorsitzenden sein“, kann er dem Bundestagsvorsitzeden nicht entlocken.

Cerstin Gammelin bei „Markus Lanz”: „Der Fall Gauweiler zeigt, dass es ein strukturelles Problem ist.”

Auch auf Nachfragen zu Maskenaffäre und Beraterhonoraren weiß Schäuble geschickt auszuweichen. Während die Journalistin Cerstin Gammelin in der Tätigkeit Gauweilers ein unionsspezifisches Problem erkennt, ist Schäuble der Meinung, es handele sich um „Einzelfälle”, die „in einer solchen Situation besonders schädlich” seien. Die aktuellen Herausforderungen seien jedoch drängender als diese Vorgänge. Gammelin legt nach: „Sie haben an vorderster Front für Europa gekämpft und hatten in Ihren eigenen Unionsreihen jemand, der sich dafür bezahlen lässt, dass er in Karlsruhe gegen europäische Beschlüsse klagt. Das ist doch keine Bagatelle, das ist doch ein strukturelles Problem.“ Schäuble antwortet, er habe Gauweiler seinen antieuropäischen Kurs als authentisch abgenommen und zieht sich aus der Affäre: „Ich kann es als Bundestagspräsident nicht aufklären lassen, weil er nicht mehr Abgeordneter ist. Aber die CSU hat ja gesagt, sie will die Sache aufklären.“

Stephan Grünewald bei „Markus Lanz”: „Es etabliert sich ein Schattenalltag.“

Auf das bröckelnde Vertrauen in die Union angesprochen, befindet der Psychologe Stephan Grünewald, dass Vertrauen immer dann da sei, „wenn eine Richtung erkennbar ist“. Weil das nicht der Fall ist, sei das „tiefere Zerwürfnis zwischen Frau Merkel und Herrn Laschet Ausdruck eines grundsätzlichen Paradigmenstreits. Die Kanzlerin geht davon aus, wir kriegen die Krise gebändigt, wenn wir Mobilität radikal reduzieren, letztlich das Land in einen kollektiven Winterschlaf versetzen. Laschet und andere haben eher dieses Paradigma: Nach vielen Monaten Lockdown müssen wir Öffnungswege finden und die Menschen mitnehmen“. Das führe zu einer „Schunkelbewegung“: „Wir machen Lockdowns, die keine richtigen sind, aber wir kommen auch nicht in die kontrollierten Öffnungsstrategien.“ Die seien aber aus psychologischer Sicht wichtig, um Anreize für Menschen zu schaffen, die sie zu Tests bewegen. Sein Befund: „Die Mehrheit möchte aus dieser Endlosschleife.“

Susanne Hennig-Wellsow bei „Markus Lanz”: „Gute Kommentare vom Gartenzaun“

Zum Abschluss fühlt Talkmaster Lanz der Linken-Co-Chefin Susanne Hennig-Wellsow auf den Zahn. Zuvor hatte sich die Linken-Politikerin bereits im Interviewformat des Journalisten Tilo Jung in die Nesseln gesetzt. Und Lanz lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, einen eigenen Faktencheck mit ihr durchzuführen.

Hennig-Wellsow sagt, ihre Partei könne von der Pandemie im Gegensatz zu Grünen und FDP nicht profitieren, weil sie zu lange nur „am Gartenzaun gestanden haben und gute Kommentare hatten“. Unter der neuen Doppelspitze aus Janine Wissler und Hennig-Wellsow solle das anders werden, allerdings muss Letztere auffällig oft darauf hinweisen, dass „man sich das im Einzelnen anschauen“ oder „das dann genau besprechen“ müsse. Was wäre, wenn sie morgen Bundeskanzlerin oder Finanzministerin wäre, will Lanz wissen - und lässt sie dann nicht mehr von der Angel. Als Lanz sich das Besteuerungssystem der Linken, das einen Spitzensteuersatz ab einem Jahresverdienst von 80.000 Euro vorsieht, erklären lassen möchte, steht am Ende des Themenblocks ebenfalls ein vages: „Das ist ja auch immer eine Verhandlungsgeschichte.“ Die Linken-Politikerin windet sich sichtbar, scheint beim Thema Finanzpolitik teilweise überfragt, betont, wie „komplex“ das Thema sei. Doch Lanz macht weiter, geht auf ihr Stichwort „Erbschaftssteuer“ ein und will wissen: „Wie hoch wäre die?“ Das kann Hennig-Wellsow nicht parieren: „Das habe ich jetzt nicht im Einzelnen im Kopf“. Lanz lässt das nicht stehen: „Das ist doch ein wichtiger Baustein Ihrer Finanzpolitik.“ Und attackiert weiter: „Nicht, dass ich Ihr Programm besser kenne als Sie, das wäre fatal.“

Gammelin findet die Forderungen „waghalsig” und hält eine solche Form der Besteuerung für „ein Wählt-mich-nicht-Programm“. Immerhin weiß auch Hennig-Wellsow: „Das radikale Umsteuern in der Finanzpolitik ist einer der Knackpunkte für Rot-Rot-Grün.“

„Markus Lanz” - das Fazit

Hätten Wolfgang Schäuble und Susanne Hennig-Wellsow gemeinsam im Studio gesessen, hätte sich womöglich ein spannendes Streitgespräch entwickeln können. Weil aber dem nur per Video anwesenden CDU-Politiker die erste und der Linken-Politikerin die letzte halbe Stunde der Sendezeit gehört, ist diese Ausgabe von „Markus Lanz” seltsam blutleer, gerade nach dem emotionalen Auftritt von Armin Laschet einen Abend zuvor.

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