Die Gäste bei „Markus Lanz“
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Die Gäste bei „Markus Lanz“

Palmer-Reaktion

Markus Lanz versucht skurrile Anmoderation zu Aogo-Eklat, da grätscht ihn sein eigener Gast ab: „Stört mich“

Dennis Aogo äußert sich bei „Markus Lanz” zur Rassismus-Debatte, die er selbst angestoßen hat. Dadurch geraten die Themen anderer Gäste etwas in den Hintergrund.

Hamburg - Die „Markus Lanz“-Runde widmet sich am Donnerstagabend ausführlich den Themen Rassismus, Sprache und Moral. Im Studio findet sich dazu der ehemalige Fußballprofi Dennis Aogo ein, der jüngst eine Kontroverse lostrat, indem er eine rassistische WhatsApp-Nachricht des ehemaligen Nationaltorhüters Jens Lehmann öffentlich machte. Um die Zuschauer abzuholen, fordert Talkmaster Lanz Aogo auf, die Sache noch einmal detailliert nachzuzeichnen. Er erklärt, die Nachricht sei während einer Live-Show bei ihm eingetroffen, danach habe er versucht, Jens Lehmann telefonisch zu erreichen. Als ihm das nicht gelang, habe er die Nachricht veröffentlicht, denn: „Ich wollte, dass es zu einer Diskussion kommt.“

Aogo glaube Lehmann zwar, dass dieser kein Rassist sei. Verletzend sei die Nachricht dennoch gewesen, schließlich unterstellte Lehmann, Aogo habe seinen Moderatorenjob bei Sky wegen seiner Hautfarbe und nicht wegen seines Könnens bekommen. Aogo erklärt, er habe es zu seiner „Mission“ gemacht, „Rassismus auf meine Art und Weise zu bekämpfen. Das heißt: Vorbild sein, fleißig sein und versuchen so gut zu sein, dass ich mich wirklich in diese Position hineinarbeite.“ Stattdessen könne er sich zwar auch „im Süden in die Sonne legen, aber das ist nicht meine Mission. Und weil ich da so viel Energie reinpacke, hat mich diese Nachricht so getroffen“.

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 13. Mai:

  • Dennis Aogo – Ex-Fußballprofi
  • Prof. Eva Hummers – Medizinerin
  • Diana Kinnert (CDU)* – Politikerin
  • Ferdinand von Schirach – Autor

Unterm Strich, sagt Aogo, sei die Sache mit Jens Lehmann inzwischen ausgeräumt: „Jeder Mensch macht Fehler. Wenn mich ein erwachsener, gestandener Mann am Telefon mehrmals um Verzeihung bittet, weil er einen Fehler gemacht hat, dann sage ich mir: Wer bin ich, dass ich das nicht annehme?“ CDU-Nachwuchspolitikerin Diana Kinnert stellt sich auf Aogos Seite und findet es gut, wenn jemand in Aogos Position die getätigten Verletzungen sichtbar mache: „Dann haben wir eigentlich einen zivilen Fortschritt dadurch, dass wir keine Cancel-Culture haben, sondern eine Call-Out-Culture, wo wir genau diese internalisierten Muster und Begriffe begründen müssen und Menschen auch dafür sensibilisieren müssen, dass sie verletzten.“

Der Autor Ferdinand von Schirach stellt daraufhin unter anderem die Frage: „Was ist ein Rassist? Ist ein Rassist jemand, der rassistisch spricht?“ Ihm geht es zentral darum, wer sich in welchem Kontext äußert. Daran knüpft das zweite Kapitel im Fall Aogo an: Noch am gleichen Tag machte ein Video Aogos die Runde, in dem er sagte, dass „bis zum Vergasen trainiert“ worden sei. Auch Aogo nutze, so der Vorwurf, rassistische Sprache. Von Schirach weiß aufzuklären und ordnet den Begriff historisch ein: „Dieses Wort kommt ursprünglich nicht aus dem Holocaust, sondern aus dem Ersten Weltkrieg, aus den Giftgasangriffen. Dass ein Soldat sagt: Ich bleibe bis zum Vergasen. Also weil der Giftgasangriff das Letzte war. Das ist auch keine schöne Bedeutung, aber es hatte diese Bedeutung. Und nach der Nazizeit, schon 1963, hat Hans Magnus Enzensberger darüber geschrieben, dass er in den Vorortzügen das Wort Vergasung hört. Und jetzt haben wir dieselbe Diskussion.“

Fußballprofi Dennis Aogo zu Gast bei „Markus Lanz“

Rassismus-Debatte: Markus Lanz gehen die Worte aus

Zu guter Letzt rollt die Talkrunde die Äußerungen von Boris Palmer (Grüne) auf, der einen Post geteilt hatte, in dem Aogo verunglimpft wird. Dass Talkmaster Lanz bestimmte Begrifflichkeiten des Posts nicht in den Mund nehmen möchte, sorgt für eine skurrile Anmoderation, nach der Ferdinand von Schirach feststellt: „Ich glaube ein Zuschauer, der das nicht nachverfolgt hat, der weiß überhaupt nicht, was Sie da gerade gesagt haben.“ Daraufhin blendet die Regie den fraglichen Post ein, hilfesuchend fragt Lanz Richtung von Schirach: „Wie würden Sie das denn formulieren?“ Der antwortet nüchtern: „Ich würde es genau so ausdrücken, wie es dort steht.“ Dass versucht werde, es umzuformulieren, habe ihn auch bei der Vorbereitung auf die Sendung gestört: „Ich habe wahnsinnig lange gebraucht, um in den Zeitungen zu finden, was überhaupt gesagt wurde.“ Für klug befindet er hingegen den Umgang der Grünen mit der Causa Palmer. Dadurch, dass es ein Parteiausschlussverfahren gebe, könne die Parteivorsitzende Annalena Baerbock sich künftig zurücklehnen und sagen: „Die Gremien regeln das.“

Video: Aogo und die Reaktionen auf seinen verbalen Fehltritt

Über ein Parteiausschlussverfahren wird wegen Hans-Georg Maaßen auch in der CDU debattiert, dessen Parteikollegin Kinnert sehr deutliche Worte findet: „Es gibt, glaube ich, einige wenige, zum Beispiel in Thüringen, die ihn für eine wertvolle, kompetente Personalie halten. Ich glaube das nicht. Ich weiß, dass er sich auf verschwörerische Quellen bezieht, die selbst vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Ich halte seine Symbolik, seinen Habitus für gestrig. Ich glaube nicht, dass da konstruktive Pläne für die Zukunft kommen. Ich habe Parteikolleginnen und -kollegen, die wegen ihm jetzt austreten, weil sie das Gefühl haben, dass eine rote Linie überschritten ist.“

Grundrechte für Europäer? Ferdinand von Schirach macht sich dafür stark

Zum Ende der Sendung bekommt von Schirach die Möglichkeit, über sein Buch „Jeder Mensch“ und das damit verbundene Anliegen zu sprechen. Die Bürger der Europäischen Union sollen über europaweite Grundrechte abstimmen: „Wenn wir es schaffen, dass es zu einem Grundrechtskonvent kommt und die Menschen sich selbst Rechte geben, werden wir ein anderes Verhältnis zur Europäischen Union bekommen.“ Unter anderem unterhalten sich Talkmaster Lanz und von Schirach über die Transparenz und Fairness von Algorithmen. Von Schirach beschreibt seine Zielvorstellung: „Stellen Sie sich vor, Sie machen Ihren Laptop auf und Sie müssen nicht mehr Angst haben, ausgeforscht und manipuliert zu werden. Das wäre etwas, was die Menschen sofort begreifen würden und wo sie auch sehen würden: Das haben wir in der Europäischen Union geschafft. Und das ist mehr wert, als alles, was es im Moment gibt.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Ausführlich und differenziert über Rassismus zu sprechen, ist in Talkrunden-Formaten nicht immer einfach. Allzu häufig münden die Diskussionen in Gut-Böse-Schemen oder gegenseitigem Zerfleischen. Der „Markus Lanz“-Runde gelingt das am Donnerstagabend allerdings, nicht zuletzt weil mit Dennis Aogo eine Person mitten aus einer aktuellen Kontroverse heraus spricht. Andere Themen bleiben dafür auf der Strecke und werden von Talkmaster Lanz Richtung Ende der Sendung pflichtmäßig abgehandelt. Dazu gehört einerseits ein kurzes Gespräch mit dem Mitglied der Ständigen Impfkommission Prof. Eva Hummers, die von den moralischen Dilemmata des Impfalltags berichtet. Zum anderen kommt Diana Kinnerts Buch „Die neue Einsamkeit“ nicht zur Sprache, wofür sich Talkmaster Lanz entschuldigt und eine erneute Einladung in Aussicht stellt.

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