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Wagenknecht wirft Lauterbach bei Lanz Corona-„Angstmache“ vor - und falsche Vorhersagen

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Sahra Wagenknecht zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF)
Sahra Wagenknecht zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF) © ZDF/Markus Lanz

Eine lahmende Impfkampagne und ein „Angstmacher“ Karl Lauterbach? Markus Lanz debattiert die Corona-Situation in Deutschland - unter anderen mit Sahra Wagenknecht.

Hamburg - Markus Lanz hat am Dienstag ausschließlich weibliche Gäste: „Hat sich so ergeben, die Gesellschaft wird diverser“, moderiert der ZDF-Talkmaster diesen Umstand lapidar an, ehe es rund um die Corona-Pandemie – und speziell zum Thema Impfungen – zur Sache geht.

Die Rollen in der Debatte sind klar verteilt: Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht sagt eingangs mit Blick auf geplante Lockerungen in England: „Wenn man natürlich durch die Impfung mehr und mehr diejenigen schützen kann, die tatsächlich hoch gefährdet sind, dann muss man sagen: Irgendwann muss man auch Maßnahmen aufheben“, urteilt sie. „Und diese extrem hohen Inzidenzen gehen zurzeit mit einer relativ entspannten Situation in den Krankenhäusern einher. Wenn das so bleibt, dann finde ich das okay. Wenn sich das ändert, denke ich wird auch England wieder andere Maßnahmen einleiten. Das ist ja klar.“

Die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff schätzt die aktuelle Situation in Deutschland anders ein: „Da sind wir in meinen Augen noch nicht so weit, dass wir lockern sollten. Ich habe heute Morgen mal geguckt, wie sieht das denn mit den Krankenhausbetten aus in England? Mitte Mai, wo die erste Lockerung gemacht wurde, waren sie um die 100, jetzt sind sie bei 430.“, mahnt sie. Ethikrat-Chefin Alena Buyx argumentiert in eine ähnliche Richtung: „Je mehr diejenigen geschützt sind, die besondere Risiken haben, desto langsamer werden die Krankenhauszahlen hochgehen. Hochgehen werden sie aber auf jeden Fall, wenn man solche Steigerungsraten bei der Inzidenz hat, das ist völlig klar, so lange nicht die gesamte Bevölkerung durchgeimpft ist, weil irgendwann findet das Virus seinen Weg.“

Corona-Debatte bei Lanz (ZDF): Wagenknecht und Buyx diskutieren die Impfkampagne

Die Weser-Kurier-Journalistin Anja Maier verstehe indes nicht, woher die in manchen Teilen der Bevölkerung verbreitete Sorge vor Impfungen rührt: „Nachdem wir ein Jahr als Gesellschaft darauf gewartet haben, dass etwas passiert, dass wir irgendwie uns wieder ein Stück Normalität zurückerobern, ist die Impfung jetzt wie Sauerbier.“ Da sei auch „kommunikativ irgendwas schiefgelaufen“, rügt sie.

Damit ist das Stichwort für die Impfdebatte gegeben. Wagenknecht dämpft allzu große Erwartungen: Eine „wirkliche Herdenimmunität“ könne es nur geben, wenn die Corona-Impfstoffe das leisten, „was bei anderen Impfstoffen der Fall ist, nämlich die sogenannte sterile Immunität, also dass man es nicht weitergeben kann“. Das sei bei den zurzeit zugelassenen Impfstoffen durch die Bank nicht der Fall.

Buyx fällt der Linken zustimmend ins Wort: „Vor allem seit Delta.“ Vom Zuspruch ermuntert, führt Wagenknecht weiter aus: Die Debatte über eine Impfpflicht für Lehrer und andere Gruppen sei ihr Unverständlich. „Mit der Impfung schützt sich der Mensch selbst. Und das muss jeder entscheiden.“ Buyx unterbricht sie erneut: „Aber auch andere.“ Talkmaster Lanz freut sich und feixt: „Jetzt beginnt die Diskussion.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 13. Juli:

Maier korrigiert Wagenknechts Äußerung zum Impfschutz: „Man schützt nicht nur sich selbst. Man schützt auch die anderen. Die, die einem lieb und teuer sind oder auch die, die man nicht kennt – egal. Es ist auch ein Stück Verantwortung.“ Wagenknecht hält dagegen: „Ja aber man kann es doch übertragen, ohne dass man es weiß.“ Daraufhin schreitet Buyx ein: „Aber es ist viel weniger wahrscheinlich, dass das passiert. Es ist richtig, die sterile Immunität ist vermutlich seit Delta vom Tisch, was sehr schade ist, denn die hätten wir natürlich alle gerne gehabt. Aber natürlich ist es schon so, dass doppelt Geimpfte deutlich seltener das Virus weitergeben. Es ist eine ordentliche Reduktion, das heißt, man schützt schon die anderen mit. Man tut eben immer beides.“

Corona-Talk: Lauterbach und Lafontaine nicht unter den Gästen – aber Teil der „Markus Lanz“-Runde

Maßgeblich zur Schärfe der Diskussion der Damenrunde tragen zwei Herren bei, die selbst gar nicht anwesend sind. Dass Wagenknechts Ehemann und Ex-Politiker Oskar Lafontaine (Linke) am Wochenende in Richtung Karl Lauterbach (SPD) ausgeteilt und den Corona-Experten in die Nähe der Pharma-Lobby gerückt hat, findet der Rest der Runde nicht angemessen. So fragt Maier: „Wo kommt da die Expertise her? Jeder hält da mal so ein Stöckchen hoch und trägt es in die andere Ecke. Schwierig für die Menschen, die hier leben.“ Talkmaster Lanz fragt Wagenknecht, ob ihr Mann heimlich Epidemiologie studiert habe. Die antwortet: „Man muss glaube ich kein Virologe sein, um wahrzunehmen, dass es in den letzten Monaten immer wieder Prognosen gab, die am Ende nicht eingetroffen sind, die aber unglaublich angstmachend waren.“

„Das die Pharmaindustrie“, führt Wagenknecht aus, „die einen massiven, auch politischen Einfluss hat, auch durchaus Lobby-Arbeit macht und damit nicht ganz erfolglos ist, ich glaube, das ist unbestritten. Das heißt ja nicht, dass jetzt jeder subjektiv, der jetzt sagt, es sind ganz schlimme Zustände zu erwarten, auf dem Bezahlticket der Pharmaindustrie steht“. Dass Lafontaines Äußerung diesen Zusammenhang aber suggeriere, wie Talkmaster Lanz klarstellt, davon will Wagenknecht nichts wissen: „Da steht nicht, dass Karl Lauterbach ein Lobbyist der Pharmaindustrie ist. Da steht, dass Karl Lauterbach einer von denen ist – und das stimmt ja nun definitiv – die immer das Alarmlevel auf die höchste Stufe gesetzt haben. Das tut er seit anderthalb Jahren. Er tut das aus persönlicher Überzeugung. Ich kenne ihn ja. Er macht das ja nicht, weil ihn einer dafür bezahlt, er sieht das so.“

„Markus Lanz“ arbeitet sich an Lafontaines Äußerungen ab

Lafontaine stelle, kritisiert Alena Buyx, „die Aussagen der Experten als suspekt hin, weil sie auf dem Schoß der Pharmaindustrie sitzen.“ Wagenknecht verteidigt die Aussage erneut: „Ich finde, man muss darauf hinweisen: Natürlich gibt es in unserer Gesellschaft ein zunehmendes bezahltes Expertentum. Das ist so. Das ist nicht nur von der Pharmalobby, das ist auch von anderen Unternehmen. Das hat etwas damit zu tun, dass Universitäten unterfinanziert und drittmittelabhängig sind, alles sowas. Das ist ein Fakt. Wenn man das leugnet, leugnet man die Realität.“ Alena Buyx widerspricht prompt: „Das leugnet kein Mensch. Das ist aber nicht der Punkt. Da bin ich wahrscheinlich auch bei Ihnen.“ Lafontaines Aussage beziehe sich aber „auf Experten, die sich öffentlich äußern zur Impfung. Und das ist einfach was anderes. Da kann man nicht so pauschal sagen: Das ist Pharma-Kritik.“

„Es wäre wahrscheinlich das allerbeste“, befindet Maier, „man hätte jetzt Herrn Lafontaine hier sitzen und würde das mit ihm besprechen. Aber tatsächlich habe ich jetzt auch bei Ihnen das Gefühl, Frau Wagenknecht, Sie machen den ganz großen Kreis, um die Konkretion zu umgehen.“ „Die Kritik an Karl Lauterbach“, sagt Wagenknecht, „bezieht sich auf seine immer wieder extrem negativen Vorhersagen.“ Diese seien „immer übertrieben“ und „deutlich überzogen“ gewesen: „Nicht, weil ihn einer dafür bezahlt, nein, weil er das so sieht. Aber es ist ein Problem, diese Angstmache.“ Auch sie selbst habe vor der Impfung ihres Mannes Angst gehabt, das Virus mit nach Hause zu bringen, berichtet Wagenknecht: Angst sei keine irrationale Reaktion, schüren solle man sie aber nicht.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“-Gäste sind mit Feuereifer und vielen Emotionen bei der Sache. Das gilt insbesondere für Wagenknecht, die im Gegensatz zu ihren Parteikollegen von Talkmaster Lanz eher mit Samthandschuhen angefasst wird. Buyx ist in der Diskussion um Diplomatie und Verständigung bemüht, ihr ist allerdings ebenso wie der Virologin Rübsamen-Schaeff und Maier anzumerken, dass sie nicht mit Wagenknecht auf einer Linie ist.

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