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Ahrtal-Betroffene bei Markus Lanz: „Unbürokratische Hilfe versprochen und gekommen ist nichts“

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Mit Markus Lanz diskutierten diese Gäste: Herbert Reul, Peter Wohlleben, David Fuhrmann, Maria und Thomas Dunkel.
Mit Markus Lanz diskutierten diese Gäste: Herbert Reul, Peter Wohlleben, David Fuhrmann, Maria und Thomas Dunkel. © Cornelia Lehmann/ZDF

Die Flutkatastrophe im Ahrtal war das Thema bei Markus Lanz im ZDF. Ein Jahr danach stellt sich immer noch die Frage: Wer hat die Schuld an diesem Desaster?

Hamburg – Markus Lanz zur Jahrhundert-Flut – Wie hart dieser Abend werden würde, das zeigte bereits die Reportage direkt vor der Sendung. Dunja Hayali im Ahrtal, einfach katastrophal. Man sah der ZDF-Vorzeigefrau buchstäblich an, wie sie durch das Unglück persönlich um Jahre gealtert ist. Ein Jahr ist die Megaflut her, mehr als 180 Tote, ertrunkene Kinder, die aus den Bäumen gefischt werden mussten, Leben und Existenzen wurden über Nacht vernichtet.

Zwei der Betroffenen hat Markus Lanz an diesem Abend zu Gast. Maria Dunkel und ihr Sohn Thomas berichten, wie schleppend alles vorangeht. Weil die Behörden sich in Anträgen und Entscheidungsprozessen verlieren, während Fördermittel für die Ukraine oder Südsee-Inseln unbürokratisch im Handstreich verteilt werden. „Man hatte unbürokratische Hilfe versprochen, und gekommen ist nichts“, sagt Feuerwehrmann David Fuhrmann, der zugleich als Lokalpolitiker den Überblick im Katastrophengebiet hat.

Reul zum Warnsystem: „Halbfertige Daten, und die hat keine Socke verstanden“

„An welcher Stelle sind die entscheidenden Fehler passiert?“, will Markus Lanz wissen und lässt NRW-Innenminister Herbert Reul noch einmal genau erzählen, was alles schieflief in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021. Reul betont mehrfach, dass er ja gar nicht für das Ahrtal zuständig sei, sondern aus Nordrhein-Westfalen kommt, wo alles „nicht ganz so schlimm war“. Die Frage bleibt, warum die damals zuständige Umweltministerin Anne Spiegel aus Rheinland-Pfalz nicht in der Sendung sitzt. Der Zuschauer weiß nur, dass sie am Morgen nach der Flut in Erklärungsnot geriet, dabei mehr Wert auf ordnungsgemäßes Gendern in ihrem Pressestatement legte und ihr späterer Rücktritt von einer 70.000 Euro-Abfindung begleitet war.

„Es geht mir nicht um Schuldzuweisung“, sagt Lanz, „aber wo sind die entscheidenden Fehler im System? Reul kann es nicht recht erklären. Er schiebt es auf das Warnsystem. Man habe immer „halbfertige Daten, und die hat keine Socke verstanden, weil die so kompliziert formuliert sind.“ Da gebe es offenbar nicht genug Schulung. Lanz zieht Parallelen zu einem Fliegeralarm im Krieg, den schließlich auch jeder verstehe, und fragt entsetzt: „Das ist doch Wahnsinn. Wir leisten uns ein europäisches Flutsystem und sind nicht in der Lage, Informationen so zu transportieren, dass die, die es dann umsetzen müssen, es verstehen?“ Reul geht noch weiter: Er habe seitdem 400 zusätzliche Sirenen angeschafft, aber auch die würde niemand der jungen Leute verstehen. „Die denken alle, das ist Probealarm.“ Feuerwehrmann Fuhrmann gibt ihm Recht: „Der Sirenenton hätte hier nicht ausgereicht. Das ist in den Köpfen nicht mehr drin, dafür sind die Leute nicht mehr sensibilisiert.“

Meterhoch türmen sich wenige Tage nach der Flutkatastrophe Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über die Ahr in Altenahr-Kreuzberg.
Meterhoch türmen sich wenige Tage nach der Flutkatastrophe Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über die Ahr in Altenahr-Kreuzberg. © Boris Roessler/dpa

Ahrtal-Flut: Förster Wohlleben - „Das konnte man vorhersagen.“

Deutschlands berühmtester Förster Peter Wohlleben berichtet von einem schrillen Warnton auf seinem Handy, der ihn im Rumänien-Urlaub wegen eines ausgebüxten Braunbären aufschreckte. Alle Handys seien synchron losgegangen. „So eine Warnung versteht man intuitiv. Warum führt man das hier nicht ein?“ Reul pflichtet ihm bei: „Es liegt noch viel Arbeit vor uns, und wir hoffen, dass wir das gemeistert kriegen.“ Er schränkt ein: Es habe abends eine Meldung des Deutschen Wetterdienstes gegeben, dass sich die Lage entspanne. „So eindeutig war das nicht.“ Waldmann Wohlleben, der die Nacht offenbar vor Ort erlebte, kann das nicht nachvollziehen. „Das konnte man vorhersagen. Man hätte 24 Stunden Zeit gehabt, um das umzusetzen.“ Nur wenige Sätze später muss allerdings auch Wohlleben gestehen: „Mir war klar, dass gibt ein gewaltiges Hochwasser an der Ahr, aber ich habe natürlich nicht mit einer Flutwelle gerechnet.“

Betroffene Dunkel: „Man kann kein Fernsehen gucken, wenn nichts mehr funktioniert!“

Reul kann nicht schlüssig beantworten, was alles schieflief. Er stellt selbst lauter Fragen. Offensichtlich sei die Warnung nicht ernstgenommen worden, ob im Fernsehen oder im Radio, man wisse es nicht. Die Betroffene Maria Dunkel gibt ihm eine einfache Erklärung aus der Praxis: „Man kann kein Fernsehen gucken, wenn nichts mehr funktioniert!“ Lanz wiederum begreift den Ernst der damaligen Situation offenbar sogar heute noch nicht. Er fragt: „Ist da nicht irgendjemand mal vorbeigekommen und hat gewarnt: Pass auf?“ Maria Dunkel lässt die vermeintliche Brillanz dieser Idee mit einem knappen Satz zerplatzen: „Nein, das Wasser war doch viel zu hoch!“

Mit Markus Lanz diskutierten diese Gäste:

Markus Lanz wendet sich wieder dem Minister zu. „Was lernt man daraus?“ und schiebt mit besonderer Betonung hinterher: „Nach einem Jahr.“ Reul keult zurück: „Da müssen Sie mich aber jetzt wirklich nicht fragen. Das ist ewig debattiert worden in Berlin, das ist nämlich eine Bundesentscheidung. Jetzt wird umgesetzt, das dauert ein klein wenig. Ich bin kein Techniker.“ Das wäre also auch geklärt.

Warum die Hilfsgelder bisher nicht abgerufen wurden, kann die Runde eindrücklich klären. Zwar würden 80 Prozent der Gebäudeschäden vom Steuerzahler übernommen, aber bis es so weit ist, hat der deutsche Amtsschimmel ein Wörtchen mitzuwiehern. Thomas Dunkel etwa musste seinen Eltern bei den Anträgen helfen „weil es bürokratisch ist, und zwar sehr bürokratisch“. Er selbst habe für den Antrag volle vier Stunden gebraucht. „Es war ‘ne Tortur, das hinzubekommen. Meine Eltern hätten das allein nicht geschafft.“

Ratloser Reul erklärt eindrucksvoll, was warum nicht funktioniert

„Ist das nicht etwas, wo wir uns unvorstellbar selbst im Wege stehen?“, will Lanz vom Minister wissen. Doch Reul bleibt ratlos. Er erklärt eindrucksvoll, was warum nicht funktioniert. Dass sogar Spenden abgelehnt wurden, weil sie von Querdenkern kamen, verschärfte die Notlage noch zusätzlich. Reul beendet die Beschreibung des Wahnsinns mit dem fatalistischen Satz: „Und am Schluss kommt der Landesrechnungshof.“

Deutschland 2022, das bedeutet immer noch Bürokratie und zweifelhafte Warnungen, aber auch falsche Forstwirtschaft. Diesen Punkt macht Waldexperte Wohlleben. Das eigentliche Problem sei, dass an den Hängen zu viel der eigentlich möglichen Wasserspeicherung durch Erosion, zu frühes Abholzen und Monokulturen verloren ginge. „Dadurch wird der Boden immer weniger aufnahmefähig“, sagt Wohlleben. Er verliere bis zu 95 Prozent seiner Wasseraufnahmefähigkeit. Am Ende komme zu viel Wasser im Tal an. „Wald kann Hochwasser nicht verhindern, aber extrem bremsen“, sagt Wohlleben. Er plädiert dafür, selbst abgestorbene Wälder lieber stehenzulassen. Wenn Hänge abgeholzt werden wie Radieschenfelder, „dann Gnade den Menschen, die unten im Tal wohnen.“

Maria Dunkel, die bei Regen kaum noch Schlaf findet, hat für den Notfall eine eigene Strategie entwickelt: eine gepackte Tasche. Immer griffbereit, um rechtzeitig flüchten zu können. (Michael Görmann)

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