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Sondierungen: Lanz will Kühnert ausquetschen - der befeuert stattdessen eine brisante Minister-Spekulation

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Kevin Kühnert (SPD) zu Gast bei Markus Lanz (ZDF)
Kevin Kühnert (SPD) zu Gast bei Markus Lanz (ZDF) © ZDF/Markus Lanz (Screenshot)

Kevin Kühnert äußert sich bei „Markus Lanz“ zur SPD und den Ampel-Sondierungen. Dabei beißt sich der Gastgeber am SPD-Vize die Zähne aus - fast jedenfalls.

Hamburg - SPD-Vize Kevin Kühnert ist zu Gast - und so hofft Markus Lanz am Donnerstagabend auf Details aus den Ampel-Sondierungen. Doch Kühnert enttäuscht den Moderator. Weder sei er Teil des Sondierungsteams, noch wisse er worüber dort derzeit im Detail gesprochen werde. Erst später in der Sendung wird er noch überraschende Einblicke liefern.

„Ich könnte da natürlich anrufen und versuchen, irgendetwas herauszufinden“, sagt Kühnert zunächst aber schulterzuckend und erklärt: „Vielleicht würde ich auch irgendetwas herausfinden, aber warum sollte ich? Natürlich interessiert mich, was da passiert. Aber es sind Sondierungen und keine Koalitionsverhandlungen und ich weiß ja, wofür unsere Verhandlungsdelegation, die sechs Leute, die wir da schicken, sich einsetzen.“ Er müsse sich nicht jeden Tag rückversichern, ob noch gelte, was vereinbart wurde: „Das ist unsere Geschäftsgrundlage und die werden das Kind schon schaukeln.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 14. Oktober:

Lanz hat an Kühnerts Ausführungen offenbar Zweifel und sagt stirnrunzelnd: „Ihr Einfluss auf die Partei ist ja so enorm groß mittlerweile, dass ich das ehrlich gesagt nicht glauben kann. Sie wissen doch genau Bescheid, was da gesprochen wurde.“ Kühnerts Grinsen verrät, dass Lanz ihm mit dieser Unterstellung schmeichelt, seine Antwort: „Das tut mir ja leid, wenn Sie das nicht glauben können. Aber es ändert ja nichts an meiner Antwort, die wahrheitsgemäß ist. Ich bin weder an diesen Gesprächen beteiligt, noch habe ich irgendeine Standleitung. Und so geht es eigentlich allen bei uns im Moment.“ Er bedauere deshalb auch die Journalisten, die derzeit über das große Nichts rund um die Ampel-Verhandlungen berichten müssen.

„Lunger-Journalismus“, nennt die Journalistin Helene Bubrowski das: „Stundenlanges Herumlungern und das Beste was man herauskriegt ist, dass es Flädlesuppe zum Mittagessen gab.“ Sie finde es als Bürgerin zwar gut, wenn ernsthafte Gespräche geführt werden, äußert aber dennoch Kritik am Vorgehen: „Was ich aber nicht verstehe, ist, warum man dann diese Pressekonferenzen macht, in denen man sich acht Minuten hinstellt und sagt: ‚Die Gespräche waren gut, aber wir sagen noch nicht einmal über welches Thema wir geredet haben.‘ Ich finde das hat dann auch vonseiten der Politiker eine gewisse Unernsthaftigkeit.“

„Markus Lanz“ blickt auf Ampel-Sondierungen: Die Sondierer halten dicht

„Gegenfrage“, greift Kevin Kühnert den Faden auf: „Wenn jetzt diese Gespräche stattfinden und es nicht mal ein solches Presse-Statement gäbe – glauben Sie nicht, dass es dann gerade einige Ihrer Kolleginnen und Kollegen geben würde, die sagen das ist eine Einschränkung der Pressefreiheit?“ „Aber das ist doch eine reine Show, die da abgezogen wird“, bleibt Bubrowski bei ihrer Meinung. Auch Gastgeber Lanz würde sich mehr Einblicke wünschen, wo die wirklichen Differenzen in den Gesprächen liegen: „Ist es Europa? Ist es die Steuer? Sind das die roten Linien? Was ist es?“

„Es gibt für alles seine Zeit“, beschwichtigt Bubrowski und erinnert an 2017: „Wir haben bei Jamaika gesehen, wie das auch vertrauensvolle Gespräche zerstören kann. Und das ist, glaube ich, in niemandes Interesse, auch nicht das von Journalisten.“ Weil mit Bijan Djir-Sarai (FDP) ein weiterer Politiker in der Runde sitzt, dessen Partei an den Gesprächen beteiligt ist, versucht Talkmaster Lanz es zu guter Letzt bei ihm: „Erfahren Sie mehr von Herrn Lindner und Herrn Wissing?“ „Naja, wir haben zumindest regelmäßig Bundesvorstandssitzungen“, antwortet Djir-Sarai, Einzelheiten aus den Sondierungsgesprächen kenne er jedoch auch nicht.

Markus Lanz ungläubig: „Herr Kühnert, sind Sie wirklich so ahnungslos, wie Sie sich hier geben?“

Auf Christian Lindner angesprochen, den Kühnert im Wahlkampf als Luftikus bezeichnete, zuckt der ehemalige Juso-Vorsitzende erneut mit den Schultern: „Ich weiß gar nicht, wie er sich in den Verhandlungen verhält. Aber bislang scheint ja die Chemie zwischen allen Beteiligten so weit zu stimmen.“ „Herr Kühnert, sind Sie wirklich so ahnungslos, wie Sie sich hier geben?“, fragt Markus Lanz erneut. „Warum sollte ich mich jetzt dümmer stellen als ich bin? Ich möchte einfach eine ehrliche Antwort auf Ihre Frage geben. Glauben Sie mir einfach, ich vertraue denjenigen, die für meine Partei dort in der Spur sind.“

Danach beißt sich der Gastgeber die Zähne am Thema Juso-Fraktion im Bundestag aus. „Organisieren Sie die? Als ehemaliger Juso-Chef, als das Großhirn dieser Jusos?“, fragt Lanz. Kühnert kann sich angesichts der Frage das Lachen nicht verkneifen und fragt: „Kleiner hatten wir es heute nicht im Angebot, oder?“ Moderator Lanz erklärt, die Kevin-Kühnert-Doku des NDR gebe Anlass zu solchen Annahmen: „Da dachte ich wow! Kevin Kühnert, das ist der größte Strippenzieher, den die SPD seit langer Zeit gesehen hat. Das dachte ich. Ist ein Kompliment, oder?“

„Das kommt jetzt auf die Perspektive an, aber ich würde die These nicht teilen“, bleibt Kühnert gelassen. Nachdem die Runde einen Ausschnitt der Doku sieht, in dem die heutigen Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans von Kühnert für einen Auftritt gecoacht werden, meint dieser: „Das hätte Ihnen jeder dahergelaufene Hobby-Stratege erklären können.“

Kurz wird es dann aber doch noch brisant. Die Wahl von Esken und Walter-Borjans sei richtig gewesen, um SPD-Vorsitz und Regierungsämter zu trennen, erklärt Kühnert. „Soll das auch so bleiben“, wie Lanz wissen?“ Er hielte das „zumindest teilweise“ für gut, erklärt der SPD-Vize - im Rahmen einer Doppelspitze sei das ja möglich. Damit ist die nächste Spekulation in der Welt - auch, wenn Kühnert auf die Nachfrage „also Olaf Scholz und Saskia Esken?“ nicht mehr eingehen will. Über diese Rochade darf nun ebenso getuschelt werden, wie über Ministerposten für Esken oder Walter-Borjans.

Kevin Kühnert bei „Markus Lanz“ kleinlaut Richtung Scholz: „Da ist auch von mir ungerecht mit Olaf Scholz umgegangen worden“

Aus der parteiinternen Opposition gegen Olaf Scholz (SPD) macht Kühnert kein Geheimnis, schließlich hat er die heutige Parteispitze um Esken und Walter-Borjans unterstützt. Über die Art und Weise scheint sich der ehemalige Juso-Chef jedoch Gedanken gemacht zu haben: „Da ist, auch von mir und von den Jusos, mitunter ungerecht mit Olaf Scholz umgegangen worden. Da sind Kommentierungen auch drüber gewesen. Da sind Verdammungen härter ausgefallen, als sie hätten sein müssen.“

„Tut Ihnen das leid?“, fragt Talkmaster Lanz. Kühnert meint: „Das ist immer so ein bisschen billig, im Nachhinein dann zu sagen: Es tut mir leid. Weil man war ja selber daran beteiligt.“ „Bereut man das möglicherweise?“, bohrt Lanz weiter nach. Der SPD-Vize lässt es nicht so aussehen: „Es hat uns ja am Ende allen mit einander nicht so geschadet. Also ich glaube, es hat uns eher geholfen, dieses Bad durch das wir da gegangen sind, in diesen ganzen Monaten, uns danach zusammenzureißen.“

Aber auch ein paar neue Details zu Scholz‘ Kanzlerkandidatenkür im August 2020 lässt Kühnert durchblicken. „Klar war ich da sauer“, räumt der damalige Juso-Chef ein. Es habe sich eine „Fünferrunde, die beiden Parteivorsitzenden, Olaf Scholz, Rolf Mützenich und Lars Klingbeil“, zusammengesetzt und Scholz‘ Nominierung vereinbart, berichtet Kühnert. Es habe sich um die Probe aufs Exempel gehandelt, ob aus dieser Runde nichts nach außen dringt. Im Juso-Bundesvorstand sei ihm teils nicht einmal geglaubt worden, dass er nicht informiert gewesen sei. „Natürlich ist das eine politische Drucksituation!“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Markus Lanz versucht am Donnerstagabend von den Politikern Kevin Kühnert (SPD) und Bijan Djir-Sarai (FDP) Details zu den Ampel-Sondierungen in Erfahrung zu bringen. Daraus wird jedoch nichts, denn die beiden lassen nichts an die Öffentlichkeit dringen. Während des Gesprächs mit Kühnert bekniet Gastgeber Markus Lanz den SPD-Vize außerdem, ein gutes Wort für ihn bei Parteichefin Saskia Esken einzulegen, die einen Auftritt in seiner Sendung verweigere. „Das überlege ich mir dann nochmal am Ende der Sendung“, kommentiert Kühnert zufrieden grinsend.

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