ZDF-Talk

Mediziner bei Lanz mit schlimmsten Befürchtungen: „Unsere Mitarbeiter sind am Ende, wir werden sie verlieren“

Söder oder Laschet? „Markus Lanz“ diskutiert die Frage des Kanzlerkandidaten der Union mit dem Vorsitzenden der SPD, Norbert Walter-Borjans.

Hamburg - Die „Markus Lanz“-Talkrunde arbeitet sich am Mittwochabend zunächst an dem CDU-Ringen um die Kanzlerkandidatur ab. Der Vorsitzende der SPD, Norbert Walter-Borjans, ist, wie sollte es weniger als sechs Monate vor der Bundestagswahl anders sein, ganz im Wahlkampfmodus und findet, dass weder Armin Laschet (CDU) noch Markus Söder (CSU) die geeigneten Kandidaten seien. Welcher der beiden am Ende als Gegner von Olaf Scholz (SPD) in den Wahlkampf zieht, könne Walter-Borjans nicht abschätzen, aber auch er spüre, dass die Stimmung im Wandel sei und sagt: „Ich war mir sicher, dass es Armin Laschet sein würde. Das sehe ich jetzt nicht mehr so, also es dreht sich gerade. Aber ich bin immer noch nicht der Auffassung, dass es jetzt klar ist, dass es Markus Söder machen wird.“

Melanie Amann bei „Markus Lanz“: „Das ist mir zu verständnisvoll für das derzeitige Krisenmanagement“

Zu seiner Einschätzung in Sachen Brücken-Lockdown gefragt, geht Walter-Borjans weniger hart mit Laschet ins Gericht, als vielleicht anzunehmen wäre. Das empfindet auch die Hauptstadtkorrespondentin des „Spiegel“, Melanie Amann, als „zu verständnisvoll“ für die derzeitige Arbeit der Regierung. Sie findet, letztlich folge Laschet mit seinem Vorschlag „einem Ruf, der ihm die ganze Zeit aus der Wissenschaft, aus der Ärzteschaft, von seinen Kolleginnen in der Ministerpräsidentenkonferenz immer wieder vorgehalten wird und den er auch längst hätte machen können.“ Sie hält es für „deprimierend, dass das jetzt die neue Erkenntnis sein soll“.

Julian Nida-Rümelin bei „Markus Lanz“: „Wir haben Bereiche geschlossen, die wenig zum Infektionsgeschehen beitragen“

Der Philosoph und Mathematiker Prof. Julian Nida-Rümelin will dagegen den behaupteten Widerspruch zwischen Armin Laschet und Markus Söder nicht sehen und gibt beim Blick auf die pandemischen Kennzahlen zu bedenken: „Beide sind schlecht, Bayern noch ein bisschen schlechter als Nordrhein-Westfalen.“ Die beiden Länder ließen sich seiner Auffassung nach gut vergleichen, sie seien bevölkerungsstark und hätten lange Außengrenzen. Nida-Rümelin stellt zahlreiche der Maßnahmen insgesamt infrage, von denen man teilweise gar nicht wisse, ob und wie viel sie zum Infektionsgeschehen beitragen. Lockdown-Maßnahmen könnten seiner Auffassung nach nur das „äußerste Mittel” sein.

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 7. April:

  • Norbert Walter-Borjans (SPD) – Parteivorsitzender der SPD
  • Melanie Amann – Journalistin
  • Prof. Julian Nida-Rümelin – Philosoph
  • Prof. Uwe Janssens – Intensivmediziner

Dieser Einschätzung stimmt der Intensivmediziner Prof. Uwe Janssens zwar zu und sagt: „Wir wissen nicht, was die einzelnen Maßnahmen überhaupt bringen.“ Allerdings befindet er, dass es derzeit durchaus an der Zeit für das „äußerste Mittel“ sei: „Wir sind seit Monaten damit beschäftigt zu sagen: Leute, so geht es einfach nicht weiter. Wir brauchen das starke Absenken der Infektionen.“ Seine Sorge, wenn die Belegungszahlen auf den Intensivstationen in Deutschland erneut auf mehr als 5.000 ansteigen: „Unsere Mitarbeiter sind am Ende. Wenn wir wieder über 6.000 kommen, werden wir sie verlieren. Die gehen in den Burnout.“

Uwe Janssens bei „Markus Lanz“: „Ich bedaure die Politiker“

Janssens hatte kürzlich gemeinsam mit der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ein Positionspapier veröffentlicht, in dem er mit seinen Kollegen die „Überversorgung auf Intensivstationen“ kritisiert. Also den Umstand, dass Menschen länger am Leben gehalten werden können, „als sie es unter Umständen selbst gewollt hätten”, wie Janssens die Problematik zusammenfasst. Schnell stellt sich heraus, dass das Thema zwar relevant ist, in der Zusammensetzung der „Markus Lanz“-Talkrunde vom Mittwoch aber nicht gegen den bereits allgegenwärtigen Bundestagswahlkampf ankommt, weshalb es nur eine Randnotiz bleibt.

Obwohl Talkmaster Lanz denjenigen Gästen, die ein Parteibuch besitzen, derzeit gerne vorwirft, sie betrieben in seiner Sendung nur Wahlkampf, interessiert er sich selbst brennend für die anstehende Bundestagswahl und fragt deshalb Norbert Walter-Borjans gegen Ende der Sendung, mit wem die SPD nach der Wahl koalieren möchte. Der SPD-Vorsitzende rechnet vor, dass, wenn die Union in die Opposition soll, rechnerisch nur ein Dreierbündnis Sinn ergebe: „Wir würden mit den demokratischen Optionen reden, das ist die FDP und das ist die Linke.“

Norbert Walter-Borjans bei „Markus Lanz“: „Ich würde bei Armin Laschet als Kanzler unruhig schlafen.“

„Sie nehmen doch alle“, sagt Moderator Lanz dazu und versucht die Widersprüche aufzuzeigen: auf der einen Seite die wirtschaftsnahe FDP und auf der anderen Seite eine Linke, die von bis zu 30 Prozent Vermögensabgabe spreche. „Gehen Sie das mit?“, will der Moderator vom SPD-Vorsitzenden in Bezug auf die Forderung der Linken wissen. Walter-Borjans verneint: „Das steht nicht in unserem Wahlprogramm.” Und: Bevor sich der Staat Geld bei denjenigen hole, die schon Steuern bezahlt haben, gebe es „eine ganze Menge an Unternehmen, die sich bisher ganz darum herumdrücken, nehmen wir doch erstmal die.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit

Talkmaster Lanz fehlt am Mittwochabend die Durchschlagskraft, die ihn gut eine Woche zuvor im Gespräch mit Armin Laschet noch auszeichnete. An Norbert Walter-Borjans arbeitet sich der Moderator redlich ab, auch Kollegin Melanie Amann versucht, ihm zur Seite zu springen. Eine echte Debatte entwickelt sich so nur punktuell, dabei hätten etwa die mitunter kontroversen Wortmeldungen von Julian Nida-Rümelin oder Uwe Janssens Plädoyer für ein selbstbestimmteres Sterben das Potenzial zu echten Streitgesprächen gehabt.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ZDF/Markus Lanz

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