Markus Lanz und seine Gäste (ZDF)
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Markus Lanz und seine Gäste (ZDF)

Talkrunde im ZDF

„Wenn es so weitergeht, kollabiert alles” - Lanz-Gast warnt Deutschland vor neuem Corona-Szenario

Das bundesweite Infektionsschutzgesetz ist auf dem Weg, bei „Markus Lanz” diskutiert darüber unter anderen der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum.

Die „Markus Lanz”-Talkrunde analysiert am Mittwochabend zu Beginn die Bundestagsdebatte zum bundesweiten Infektionsschutzgesetz. Die beiden Positionen werden anhand von Einspielern verdeutlicht: Ralph Brinkhaus (CDU), der mit einer leidenschaftlichen Rede für die Unterstützung des Gesetzes warb, während Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) wegen der Ausgangssperren mit einer Verfassungsklage in Karlsruhe drohte. Ihre Begründung: Die Wirksamkeit von Ausgangssperren bei der Pandemiebekämpfung sei nicht erwiesen und die Maßnahme daher unverhältnismäßig.

Bundesnotbremse bei „Markus Lanz“ in der Diskussion: „Man muss das auch hinterfragen dürfen”

Deutschlands ehemaliger Innenminister (1978 bis 1982), Gerhart Baum (FDP), zeigt sich wenig einverstanden* mit dem Weg seiner Partei. Er schüttelt während des Einspielers seiner Parteikollegin energisch den Kopf, Talkmaster Lanz will wissen, ob Baum das auf die Palme bringe. „Nein, das bringt mich nicht auf die Palme”, entgegnet dieser. Zwar sei er der Meinung, „wenn etwas verfassungswidrig ist, dann darf es nicht geschehen”. Dennoch störe ihn, dass man sich auf diesen einen Aspekt des Infektionsschutzgesetzes fokussiere. Dass Baum in der Tendenz dafür wäre, die Regierung bei der Bundesnotbremse zu unterstützen, ist ihm anzumerken. Er finde zwar nicht alles gut, was darin zu lesen sei, aber: „Ich bin doch in der Politik, um Kompromisse zu machen.”

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 21. April:

  • Gerhart Baum (FDP) – Ehemaliger Bundesinnenminister
  • Mike Mohring (CDU) – Mitglied des CDU-Bundesvorstands
  • Katharina Hamberger – Journalistin
  • Dr. Caterina Reuchsel – Intensivmedizinerin
  • Christoph Röckerath – Journalist

Machtkampf in der Union – Gerhart Baum: „Geheuchelt bis zum geht nicht mehr.”

Die Journalistin Katharina Hamberger vermutet „das Fokussieren liegt daran, dass sich jeder gut vorstellen kann, was Ausgangssperre eigentlich heißt. Also damit lässt sich gut die Emotion von Menschen ansprechen”. Gleichzeitig findet sie, man müsse die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen dürfen. Zentral sei nun: „Ist belegbar, dass es nicht hilft?” In diesem Zusammenhang rätselt die Runde anschließend über die Herkunft des 165er-Inzidenzwertes bei der Bundesnotbremse. Armin Laschet (CDU) hatte am Abend zuvor im ZDF unumwunden bejaht, dass es sich dabei um einen „aus der Luft gegriffenen” Wert handele. Talkmaster Lanz veranlasst das dazu, bei Baum nachzufragen, seit wann Politiker so ehrlich seien. Der teilt diese Einschätzung mit Blick auf den Machtkampf in der Union nicht: „Das war in den letzten 14 Tagen nicht so zu spüren. Ich habe ja auch in Ihrer Sendung gesehen, was Politiker heruntergeschluckt haben. Den Gegner über alle Maßen gelobt und man wusste doch: Da wird geheuchelt bis zum geht nicht mehr.”

Zurück zum Rätsel des Inzidenzwerts 165. Der ehemalige Chef der Thüringer CDU, Mike Mohring, schaltet sich ein und erklärt: „Das war der Tageswert. Das war der Wert des Tages, als die abschließenden Gespräche geführt wurden.” Mohring verstehe deshalb auch, dass „die Zahl nicht nachvollziehbar“ sei. Dr. Caterina Reuchsel, Intensivmedizinerin der Klinik Gera, zeigt sich dennoch froh darüber, „jetzt überhaupt mal eine Grenze haben”. Sie schildert ihren ernüchternden Arbeitsalltag, in dem sie zunehmend Patienten abweisen müsse. Die Tatsache, dass Covid-Patienten immer jünger würden, stelle eine enorme zusätzliche Belastung dar: „In der ersten und zweiten Welle waren die Patienten deutlich über 80. Damit kann man als Mediziner auch besser umgehen. Dieser Mensch hat sein Leben gelebt. Aber wenn wir Patienten besprechen, sagt mein Kollege: Was soll ich machen? Der ist ein Jahr älter als ich.”

Corona-Kollaps in Brasilien und Chile – Mahnendes Beispiel für Deutschland?

Wie schnell ein eigentlich gelungener Umgang mit der Pandemie kippen kann, berichtet der per Video aus Brasilien zugeschaltete Journalist Christoph Röckerath. Am Beispiel des Musterschülers Chile macht er deutlich, wie zäh der Kampf gegen das Virus verläuft. Zwar gebe es „eine unglaublich hohe und schnelle Durchimpfrate” (40 Prozent Erst- und bereits 30 Prozent Zweitimpfungen), doch man habe sich zu früh in Sicherheit gewogen und „dem allgegenwärtigen Öffnungsdruck nachgegeben”. Inzwischen seien dadurch 95 Prozent der Intensivbetten belegt, Röckerath sagt: „Wenn es so weitergeht, kollabiert alles.”

Ein noch trauriges Bild zeichnet Röckerath von Brasilien: „Brasilien ist wie eine große Petrischale. Hier wird nach wie vor überhaupt nichts getan, um Infektionsketten zu unterbrechen. Das heißt, das Virus wütet hier weiter, die Zahlen rasen nach wie vor im ganzen Land nach oben, mit verheerenden Todeszahlen.” Talkmaster Lanz trägt vor, dass in Sao Paulo allein im März 500 Covid-Infizierte während des Wartens auf ihre Behandlung gestorben seien, „vor der Tür”, wie Gerhart Baum zusammenfasst. Für Röckerath ein mahnendes Beispiel für Deutschland: „Sao Paulo ist die reichste, bedeutendste, wichtigste Stadt in Brasilien, manche sagen in ganz Südamerika. Das ist absolut das Level, was wir auch in Deutschland haben. Und dort ist das System zusammengebrochen.”

„Markus Lanz“ - das Fazit der Sendung

Bei „Markus Lanz“ rückte am Mittwochabend die Corona-Pandemie wieder in den Fokus. Doch statt sich, wie die Gäste des Vorabends, gegenseitig Verfehlungen um die Ohren zu hauen, hörten die Gäste einander zu und stellten konstruktive Nachfragen. Allen voran der fast 90-jährige Gerhart Baum, der manche Sätze mit großer Klarheit zu Ende führte, während Moderator Lanz noch um die richtigen Worte rang. Ebenfalls klare Worte fand die Intensivmedizinerin Caterina Reuchsel, der die enorme Belastung der letzten Wochen anzumerken war. *Merkur.de und 24hamburg.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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