Markus Lanz spricht mit Karl Lauterbach.
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Zu Gast bei Markus Lanz rudert Karl Lauterbach zurück: Unverletzlichkeit der Wohnung nach Artikel 12 des Grundgesetzes bleibt auch in der Coronavirus-Pandemie gewahrt.

Eindämmung der zweiten Welle

Bei Lanz: Lauterbach errechnet brutales Weihnachts-Szenario - ohne „Wellenbrecher-Lockdown“ 500.000 Neuinfizierte

  • vonCornelia Schramm
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Ein Wellenbrecher-Lockdown im November: Schock für Gastronomen und Künstler - „Meilenstein“ für Karl Lauterbach. Bei „Markus Lanz“ ist der SPD-Politiker sich sicher. Es ist die richtige Entscheidung.

  • Am Mittwochabend verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel den Beschluss: Bis Ende November wird das öffentliche Leben erneut heruntergefahren.
  • SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht den „Wellenbrecher-Lockdown“ als einziges Mittel zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie.
  • Zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF) spricht er auch über verstärkte Kontrollen von Privatwohnungen.

Hamburg - In der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ sprachen unter anderem Winfried Kretschmann (Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und SPD-Gesundheitspolitiker und Mediziner Karl Lauterbach über die drastischen Maßnahmen gegen die rasant steigenden Coronavirus-Infektionszahlen: Lauterbach hatte sich schon vor dem Beschluss der Bundesregierung für einen „Wellenbrecher-Lockdown“ stark gemacht, stelle dies doch eine Art „Atempause“ für das exponentielle Wachstum dar.

Hätte sich das Infektionsgeschehen weiter so verhalten wie die letzte Woche, rechnet Lauterbach bei Lanz vor, hätte man in Deutschland in drei Wochen bis zu 100.000 Neuinfizierte pro Tag verzeichnen müssen. Spätestens in drei Wochen wäre somit ein kompletter Shutdown unvermeidbar gewesen, medizinisches Fachpersonal wäre infiziert und die komplette Intensivmedizin völlig überlastet gewesen. Glaubt man Lauterbachs Worst-Case-Szenario, würde Deutschland - ohne den „Wellenbrecher-Lockdown“ - zu Weihnachten pro Tag etwa 500.000 Neuinfizierte verzeichnen - und diese Dynamik wäre nicht mehr zu bremsen. Die für den November beschlossenen Maßnahmen „geben uns die Luft zum Atmen“, so Lauterbach.

Lauterbach bei Markus Lanz (ZDF): Corona-Lockdown-Beschluss als „Meilenstein“

Seit Mittwochabend ist es deshalb auch spruchreif: Der Bund schließt ab 2. November einen Großteil aller öffentlichen Einrichtungen in ganz Deutschland, darunter auch Restaurants, Bars, Fitnessstudios und Kinos - für Lauterbach „ein ganz großer Erfolg“, um die „anflutende zweite Welle“ zu brechen. Bei Lanz sagt er weiter: „Deutschland ist durch die erste Welle besser gekommen als viele andere europäische Länder. Und die Frage ist ja jetzt: Können wir das wiederholen. Denn wir stehen ja noch etwas besser da als die umliegenden Länder. Und mit dem Ergebnis von heute, glaube ich, wird uns das gelingen.“ Auf Twitter bezeichnet der Mediziner und Bundestagsabgeordnete die Beschlüsse jetzt sogar als „Meilenstein“:

Handlungsgrundlage des Bundes sei ein Konzept der renommierten, britischen Universität in Warwick, das auch Virologe Christian Drosten sehr früh als Konzept vorgeschlagen habe, so Lauterbach. Doch das Konzept wirke nur, „wenn man es ganz früh macht“. „Wir haben jetzt, quasi wie im Lehrbuch, kann man sagen, beim aufsteigenden Ast des exponentiellen Wachstums sehr früh sehr konsequent gehandelt“, sagt Lauterbach. Der SPD-Gesundheitsexperte stellt sich entschieden hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihren Beschluss. Im Originalkonzept sei auch die Schließung der Schulen enthalten gewesen und einige Experten hätten auch dafür plädiert, dennoch sei Lauterbach immer der Meinung gewesen, Schulen nicht mit in das Maßnahmenbündel aufzunehmen.

Schulen und Kindergärten sind Lauterbach als mögliche Ansteckungsherde also kein Dorn im Auge - Treffen und Feiern im privaten Raum allerdings schon. Mit seiner Aussage, in der aktuellen Notlage dürfe die Unverletzbarkeit der Wohnung ab sofort kein Argument mehr für das Ausbleiben von Kontrollen sein, sorgte Lauterbach für viel Diskussion im Vorfeld möglicher neuer Beschlüsse der Kanzlerin. Gegenüber Lanz rudert er aber zurück und betont: „Ich habe damit nicht gemeint, dass man die Wohnung betreten kann.“

Markus Lanz (ZDF): Lauterbach macht Rückziehe - „Das bedeutet nicht, dass die die Wohnung stürmen dürfen“

Die Unverletzlichkeit der Wohnung nach Artikel 13 des Grundgesetzes müsse natürlich gewahrt bleiben, dennoch müssten Beamte jetzt einschreiten, wenn während des Lockdowns im Privaten mit Dutzenden Gästen gefeiert werde, so Lauterbach. „Das bedeutet nicht, dass die die Wohnung stürmen dürfen. Aber dass die dort hinkommen, vor die Tür treten und sagen, da muss jetzt Schluss sein“, betont der SPD-Politiker und zieht den Vergleich zu Ruhestörungen, bei denen die Polizei und das Ordnungsamt in der Vergangenheit auch zu Hause anklopfen durften.

Kretschmann pflichtete Lauterbach bei und stellte klar, dass Ängste vor der etwaigen Einführung eines Überwachungsstaates unter dem Deckmantel der Pandemie völlig unbegründet seien: „Wir sind doch selber freiheitliche Menschen! Wir sind stolz darauf, dass wir in einem freien Staat leben.“ Der Tenor bei Kretschmann und Lauterbach ist also klar: Wenn Restaurants und Clubs geschlossen werden müssen, muss auch jedem klar sein, dass jetzt nicht die Zeit ist, um in größeren Gruppen in Wohnungen zu feiern. Man appelliert an die Vernunft und Verantwortlichkeit der Bürger, denn deutsche Polizisten werden also auch künftig nicht dafür eingesetzt, um zu prüfen, ob zu Hause vier oder acht Personen am Esstisch sitzen.

Video: Lauterbach fordert Kontrollen an der Haustür - Privatfeiern als „No Go“

Die Beschlüsse Merkels und der Ministerpräsidenten sind die wohl einschneidensten seit dem Beginn der Coronavirus-Pandemie und dem großen Lockdown im Frühling. Das erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens - mit Ausnahme der Schulen - sorgt deshalb vor allem seitens Gastronomie-, Breitensport- und Kulturvertretern für heftige Kritik. Lauterbach weiß um die bittere Pille, dennoch sei das Ziel klar: „Den exponentiellen Anstieg von Infizierten, Erkrankten und Toten bremsen.“ Auch der Weg dazu sei klar, betonte er gegenüber der DPA: „Wir alle müssen unsere Kontakte massiv reduzieren.“ Dies habe im Frühjahr schließlich geklappt, deshalb müsse man es wiederholen.

Auch wenn Lauterbach daran glaubt, dass auch das Jahr 2021 noch massiv durch die Coronavirus-Pandemie bestimmt werde, gibt er sich hinsichtlich des anstehenden Weihnachtsfestes zuversichtlich - sofern die Maßnahmen jetzt im November befolgt werden und somit das exponentielle Wachstum aufgehalten werde. Der SPD-Politiker geht dann von einem „guten, wenn auch nicht normalen Weihnachtsfest“ aus. (cos) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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