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Unglücklich ausgedrückt oder in die Irre geführt? Lanz grillt NRW-Gesundheitsminister Laumann

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Die Talkrunde bei „Markus Lanz“ (ZDF).
Die Talkrunde bei „Markus Lanz“ (ZDF). © ZDF (Screenshot)

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann läuft bei „Markus Lanz“ auf: Führte seine missglückte Äußerung zum Vertrauensverlust in die Corona-Politik?

Hamburg – Dass es für CDU-Politiker Karl-Josef Laumann zu Gast bei „Markus Lanz“ unbequem werden könnte, scheint er schon vor der Sendung gewusst zu haben. Während ein Einspieler mit Aussagen von Ende Oktober läuft, als er gesagt hatte, es seien bereits mehr als 90 Prozent der nordrhein-westfälischen Altersheim-Bewohner geboostert, setzt er sich die Lesebrille auf und spickt auf einen Sprechzettel. „Stimmt das, Herr Laumann?“, fragt Talkmaster Lanz den abwesend wirkenden Gesundheitsminister Nordrhein-Westfalens.

„Also, es ist so gewesen“, antwortet Laumann mit Bedacht, „zu dem Zeitpunkt, wo ich das in einer Pressekonferenz gesagt habe, hatten 90 Prozent der Altenheime in Nordrhein-Westfalen eine Auffrischungsimpfung in ihren Altenheimen gemacht. Das heißt aber nicht, dass 90 Prozent aller Menschen in Altenheimen geimpft worden sind.“ „Das haben Sie aber gerade gesagt, Herr Laumann“, hakt FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann nach.

Karl-Josef Laumann bei „Markus Lanz“ in der Kritik: „Das ist etwas, was wirklich besorgniserregend ist“

Laumann laviert und windet sich, ehe er schließlich eingesteht, dass nicht 90 Prozent geimpft wurden, sondern nur 90 Prozent der Altenheime ein Impfangebot erhalten hätten. Gesagt hatten er und sein Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) aber, dass 90 Prozent der Menschen in Altersheimen geimpft seien. „Der fatale Eindruck, der entsteht“, befindet Moderator Lanz, „ist doch: Die halten den Alarmpegel künstlich oben. Das ist der üble Verdacht, der dann ins Spiel kommt.“ „Ja, und das ist die Gefahr“, klinkt sich Strack-Zimmermann ein, „und das ist jetzt auch sozialpolitisch hoch gefährlich oder gesellschaftspolitisch“.

„Die, die geradezu militant gegen die Impfpflicht sind“, fährt Strack-Zimmermann fort, „und in den Städten und Gemeinden ihre sogenannten Spaziergänge machen, und zwar mit hohem Aggressionspegel, wo sich gerne auch Nazis untermischen, um diese Empörung auch für sich zu nutzen – das ist etwas, was wirklich besorgniserregend ist. Und das wird natürlich durch Un-Präzision oder bewusst oder unbewusst falsche Zahlen angeregt.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 12. Januar:

„Deswegen noch einmal die Frage, Herr Laumann – wie kommt man auf so etwas? Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass es diese Zahlen gar nicht gibt“, richtet sich Talkmaster Lanz erneut an den Unionspolitiker. Der wiederholt seine Antwort, ohne allerdings einen Fehler einzuräumen: „Wir haben unseren Gesundheitsämtern in den Kreisen gesagt: Klärt, ob in allen Altenheimen Impfangebote gemacht worden sind. Die Zahl war, die Rückmeldung aus den 54 Gesundheitsämtern: In 90 Prozent der Altenheime haben wir ein Impfangebot gemacht. Das heißt ja nicht, dass 90 Prozent der Menschen geimpft sind.“

„Ich verstehe das schon“, entgegnet Moderator Lanz, „aber Sie haben etwas anderes politisch kommuniziert, Herr Wüst auch.“ „Ich sage noch einmal“, wiederholt sich Laumann, „es ging darum, dass wir in 90 Prozent der Altenheime ein Impfangebot gemacht haben.“ „Ja, ich habe das schon verstanden, aber gesagt haben Sie etwas anderes“, lässt Lanz nicht locker. Genervt verdreht Laumann die Augen und blickt zur Studiodecke.

Markus Lanz grillt NRW-Gesundheitsminister Laumann wegen unscharfer Booster-Statistiken

„So, wie Markus Söder etwas anderes kommuniziert hat“, legt Lanz nach und zitiert im Anschluss Recherchen des WDR. Der hatte bei den Gesundheitsämtern nachgefragt und niedrigere Zahlen mitgeteilt bekommen, Gastgeber Lanz zählt einige von ihnen auf: „In Hagen lag die Quote bei 43 Prozent, Minden-Lübbecke 66, im Kreis Viersen 75 Prozent. Sie kommunizieren gemeinsam mit dem Ministerpräsident 90 Prozent.“

„Nein, ich habe, da lege ich jetzt wirklich Wert drauf, wir haben immer vom Ministerium kommuniziert: 90 Prozent der Altenheime sind geimpft worden. Man kann sich vielleicht mal unglücklich ausdrücken, aber wir haben immer vom Ministerium diese 90 Prozent gegenüber dem WDR, gegenüber der Presse und gegenüber allen anderen dargestellt.“ „Darf ich noch einmal zitieren?“, gibt Moderator Lanz nicht klein bei, „Ihr Ministerpräsident Herr Wüst sagt am 9. November, ich zitiere wörtlich: ‚Wir sind in NRW damit sehr früh damit angefangen, deswegen haben wir heute schon über 90 Prozent der Menschen in den Pflegeheimen mit der Boosterimpfung, der Auffrischungsimpfung versorgt.“ „Ja gut“, sagt Laumann und wirft den Kopf zur Seite. „Ja, das ist nicht richtig“, gesteht er schließlich ein. „Das ist Quatsch“, urteilt Lanz.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann springt bei „Markus Lanz“ Karl-Josef Laumann zur Seite – Lanz regt das auf

Strack-Zimmermann stellt im Anschluss infrage, was eine solche Diskussion bringen soll: „Wir haben ja nicht unbegrenzt Sendezeit“, sagt sie und will lieber über andere Dinge sprechen: „Ich finde, was die Menschen doch bewegt, ist: Können meine Kinder zur Schule gehen? Große Sorgen bei Familien, dass es wieder einen Lockdown gibt. Kann ich vielleicht nach dem vierten Semester endlich mal eine Universität von innen sehen? Das sind die Dinge, die die Menschen unvorstellbar beschäftigen. Bis hin zu: Kann ich meinen Betrieb weiterführen? Was ist, wenn Omikron kommt und sehr viele angesteckt werden?“

„Frau Strack-Zimmermann, Sie machen das gerade sehr clever“, unterbricht Talkmaster Lanz die FDP-Politikerin, „aber was erleben wir gerade? Ist das die Loyalität zum Koalitionspartner in NRW?“ „Ach nein, Quatsch“, winkt die FDP-Politikerin mit gerunzelter Stirn ab. „Doch!“, vermutet der Moderator, „Sie versuchen jetzt gerade sehr geschickt, den Pfeil umzulenken um Karl-Josef Laumann.“ Strack-Zimmermann: „Ich will den Pfeil überhaupt nicht umlenken, ich will nur sagen, dass Politik sich mit Gegebenheiten beschäftigen muss. Ich habe überhaupt keinen Grund, hier irgendjemand zu schützen.“

Statt über misslungene Kommunikation zu diskutieren, würde Strack-Zimmermann lieber in die Zukunft schauen: „Weil wir bei diesen Demonstrationen inzwischen Verwerfungen haben. Und da kann man nicht sagen, das sind nur Leute, die haben den Wumms nicht gehört oder das sind alles Vollpfosten. Da sind gebildete Menschen dabei, die fühlen sich nicht mehr mitgenommen und haben ein irrsinniges Aggressionspotenzial.“

Corona-Statistiken nicht immer verlässlich? Lanz: „Da geht mir das Argument aus“

Talkmaster Lanz verknüpft Strack-Zimmermanns Ausweichen mit dem Punkt, den er machen will: „Genau bei denen kommen diese Zahlen an und es stellt sich heraus: Diese Zahlen stimmen so nicht. Was sagen wir denen dann? Da geht mir das Argument aus.“ In einer Diskussion mit Alice Weidel (AfD) in seiner Sendung habe er vehement der Vorstellung widersprochen, dass eine Impfpflicht kommen solle. „Weil ich geglaubt habe, was man mir hier erzählt hat“, sagt Lanz konsterniert. Weder Laumann noch Strack-Zimmermann wissen darauf noch eine Antwort.

Der Journalist Robin Alexander moniert indes, dass Kanzler Olaf Scholz (SPD) sich nur als Abgeordneter, aber nicht als Regierungsmitglied zur Frage der Impfpflicht äußern möchte. Politische Führung sehe anders aus, die Ampel müsse für eine gemeinsame politische Idee einstehen. „Ich teile Ihre Einschätzung“, pflichtet Strack-Zimmermann dem Journalisten so diplomatisch bei, wie sie nur kann, „dass es eine gewisse Irritation ist, wenn ein Bundeskanzler explizit keine Meinung äußert“.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“-Runde diskutiert am Mittwochabend über das Coronavirus und seine politischen Folgen. Dabei dauert es eine Weile, bis die Diskussion in Fahrt kommt, denn zunächst berichtet die Journalistin Diana Zimmermann über die Corona-Situation in Großbritannien. Im Anschluss kommt Talkmaster Markus Lanz allerdings immer mehr auf Touren und nimmt Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) in den verbal-argumentativen Schwitzkasten. Unterstützung erhält er dabei von den Journalisten Christina Berndt und Robin Alexander. Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann wird mit dem Gastgeber besser fertig und zeigt sich unbeeindruckt von der Einschätzung, die FDP werde durch die Impfpflicht aktuell zerrissen. (Hermann Racke)

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