„Zynisch“

Neubauer teilt bei „Lanz“ gegen Regierung Merkel aus - gleichaltrige CDU-Frau widerspricht gar nicht erst

„Markus Lanz“ diskutiert mit Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer und Politikerin Wiebke Winter über die Folgen des Klimawandels und die Rolle der Politik. 

„Markus Lanz“ widmet sich am Mittwoch den zweiten Abend in Folge der Flutkatastrophe - und diesmal verstärkt ihrer politischen Dimension. Eingangs der Sendung berichtet Hagens Oberbürgermeister Erik Olaf Schulz (SPD) per Videoschalte von den Geschehnissen in seiner Stadt: „Wir hatten das Glück, dass der leitende Chef der Feuerwehr schon am Montag einen Stab zusammengestellt hatte. Der Krisenstab selber ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, um zwei Uhr, zusammengetreten. Insofern können wir uns, was frühe Warnungen angeht, nicht beschweren.“ Das vorausschauende Agieren habe Wirkung gezeigt: „Wenn Sie die Bilder sehen von Hagen, ist es ein Wunder, dass es nur einen Verletzten gibt.“

Überschwemmungen in Hagen: Bürgermeister Schulz berichtet bei „Markus Lanz“ von den Aufräumarbeiten

Schulz schildert die schwierige Situation: „Wir haben Menschen von Dächern gerettet, wir haben beatmungspflichtige Kinder mit dem Panzer der Bundeswehr aus einem abgeschlossenen Stadtteil geholt, wir mussten Geröll von der Straße räumen.“ Derzeit gingen in Hagen die Aufräumarbeiten vonstatten, beschreibt der Bürgermeister weiter: „Unsere Jungs vom Entsorgungsbetrieb fahren morgens 5:30 Uhr bis abends 22.00 Uhr und entsorgen Sperrmüll aus dem Stadtkern.“ Eine politische Diskussion komme ihm zu früh, als Bürgermeister habe für ihn derzeit die Wiederherstellung der Infrastruktur Priorität.

„Sehr erschüttert“ von den Geschehnissen ist die Umweltsystem-Wissenschaftlerin Claudia Pahl-Wostl: „Ich hätte nicht erwartet, dass es hier Häuser wegschwemmt und Brücken wegreißt.“ Dass man die Häuser am gleichen Standort neu errichtet, erwartet sie nicht überall: „Wir haben sehr viele Planungsgrundlagen und es wird sicher wichtig sein, dass wir die Häuser nicht unbedingt dort wieder bauen, wo sie standen.“ Pahl-Wostl lenkt den Blick auf die Gesamtsituation in von Hochwasser gefährdeten Gebieten: „Man muss sich auch insgesamt in solchen Tälern Gedanken machen, wie man, abgesehen davon, dass man nicht mehr an solchen Standorten baut, das gesamte Tal, die ganze Landschaft bewirtschaftet.“ Ihr Appell: „Es gibt extrem viel Wissen dazu, was man machen muss. Man muss jetzt das Ganze auch konsequenter umsetzen.“

Die Talkrunde bei Markus Lanz (ZDF)

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 21. Juli:

  • Erik Olaf Schulz (SPD) – Bürgermeister der Stadt Hagen
  • Luisa Neubauer – Klimaschutzaktivistin
  • Wiebke Winter – CDU-Vorstandsmitglied
  • Monika Schnitzer – Ökonomin
  • Claudia Pahl-Wostl – Umweltsystem-Wissenschaftlerin

Auch die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer (25) wäre froh, wenn dieses viele Wissen angewandt werden und „man die Wissenschaft ernst nehmen würde“, wie sie ausführt: „Wenn man die Reports, die Studien, natürlich auch die Erfahrung, aber auch das, was berechnet wird, anerkennt als Handlungshinweise.“ Wichtig sei ihr, die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht als Glaubensfragen zu behandeln: „Es geht ja nicht darum, was meine Meinung ist oder dass, was ich glaube, gerade richtig ist. Was wir wissen, ist, dass je wärmer es wird auf der Welt, desto mehr Feuchtigkeit kann die Luft halten.“

Den politisch Verantwortlichen macht sie deshalb schwere Vorwürfe: „Langfristig ist die Regierung Teil vom Projekt Klimakrise. Also man tut nicht das, was getan werden müsste, um die Klimakrise langfristig so abzuschwächen, dass wir weniger von diesen Fluten erwarten können.“ Neubauer finde es außerdem „wahnsinnig zynisch, ich finde es ehrlich gesagt verlogen, wenn man sich jetzt hinstellt und sagt, man hilft den Leuten und wir tun alles, damit es euch besser geht. Und dann zurück an den Schreibtisch im Berliner Regierungsviertel geht und weiterhin darauf hinwirkt, dass wir mehr von diesen Katastrophen erfahren müssen. Und das ist de facto der Regierungskurs gerade.“

Bundesregierung in der Kritik, Polit-Nachwuchs Winter fordert bei „Markus Lanz“ eine „ehrgeizigere Klimapolitik“

Die Politikerin Wiebke Winter, mit 25 Jahren jüngstes Mitglied im CDU-Bundesvorstand, widerspricht diesen Vorwürfen nicht. „Es geht darum“, sagt sie, „dass wir jetzt mehr Klimaschutz betreiben, damit diese Fluten, damit diese Katastrophen nicht häufiger werden.“ Sie meint, man müsse sich als Gesellschaft vielleicht insgesamt erstmal neu einstellen: „Boah, es gibt nicht nur Waldbrände in Kalifornien, es gibt hier auch Überschwemmungen.“ Neubauer hakt kritisch ein: „Die Klimakrise ist seit 40 Jahren gut erforscht, seit 30 Jahren spricht die Politik darüber.“ „Ich würde mir auch wünschen“, stimmt Winter zu, „dass es schon ehrgeiziger gewesen wäre. Ich sage nicht, dass schon alles gut gelaufen ist. Ich wünsche mir auch eine ehrgeizigere Klimapolitik, das ist ganz klar.“

„Symptomatisch scheint mir“, analysiert Neubauer, „dass man sich im Kern so verhält, als könnte uns die Klimakrise eigentlich nichts anhaben. Als sei Klimaschutz so ein Freizeitprogramm, was jetzt von jungen Kindern mitgetragen wird und das kann man mal machen, wenn man Zeit und Geld hat. (…) Was da ja mitschwingt, ist eine völlig unangemessene Überheblichkeit, wenn es darum geht, wie verletzlich sind wir gegenüber der Klimakrise.“ Dem Argument, dass sich Klimaschutz und Wohlstand nicht vertragen, hält sie entgegen, dass bei der Flutkatastrophe in wenigen Stunden ein über Jahrzehnte aufgebauter Wohlstand zerstört worden sei.

Bundestagswahl: „Markus Lanz“-Gäste hoffen aus unterschiedlichen Gründen auf den September

„Die Frage ist ja“, fragt Talkmaster Lanz daraufhin die Ökonomin Monika Schnitzer, „wie gut ist ein Euro investiert, den wir in Klima- und Umweltthemen investieren?“ Die meint: „Ich denke an der Stelle muss wirklich beides passieren: Man muss schauen, dass der Klimawandel gestoppt wird.“ Allerdings müsse auch bei Menschen, die bislang nicht von Starkwetterereignissen betroffen waren, überhaupt ein Bewusstsein für die Veränderung entstehen, damit diese sich besser vorbereiten könnten. „Muss es bei den Menschen ankommen“, fragt Neubauer, „oder wäre es zumindest ein erster Schritt, dass man sich darauf verlassen kann, dass die Regierung in der Lage dazu ist, auf die Wissenschaft zu hören?“

„Und genau deswegen habe ich die Klima-Union auch gegründet“, sagt Winter im weiteren Verlauf und erklärt, warum sie sich in den Bundestag wählen lassen möchte: „Mir ist bewusst, dass wir jetzt eigentlich nur noch 18 bis 24 Monate haben, um die richtigen Schritte einzuleiten. Weil Transformation ja auch immer eine gewisse Zeit braucht.“ Zu einer solchen Transformation müsse dann, erklärt Pahl-Wostl, auch ein Suffizienz-Gedanke gehören, „also, dass wir weniger Ressourcen verbrauchen als bisher.“ Luisa Neubauer hofft ebenfalls auf die Bundestagswahl im September, allerdings aus einer anderen Perspektive: „Das Schöne ist ja: In diesem Jahr haben alle Menschen in diesem Land, die über 18 sind und wählen können, die Wahl – man kann sich entscheiden für oder gegen politischen Willen.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“-Runde knüpft am Mittwochabend nahtlos an die Sendung des Vorabends an und diskutiert über den Klimawandel, Umweltschutz und die politische Dimension der Umweltschäden. Hagens Bürgermeister Erik Olaf Schulz (SPD) berichtet von den Aufräumarbeiten in seiner Stadt, ehe die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer ein flammendes Plädoyer nach dem anderen hält. Die Politikerin Wiebke Winter (CDU) stellt derweil ihr rhetorisches Geschick unter Beweis, mit dem sie Neubauer und Talkmaster Lanz zu entwaffnen und Wahlkampf in eigener Sache zu betreiben versucht. Systemwissenschaftlerin Claudia Pahl-Wostl und Ökonomin Monika Schnitzer mischen sich nur selten von sich aus in die engagierte Debatte ein und lassen den Nachwuchskräften den Vortritt.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ZDF-Mediathek.

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