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Palmer zieht bei „Markus Lanz” umstrittenen Grippe-Vergleich - Virologin empört

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Der Impfgipfel stellt die Aufhebung der Priorisierung in Aussicht. Die „Markus Lanz”-Talkrunde übt daran Kritik.

Die „Markus Lanz”-Talkrunde widmet sich einen Tag nach dem Impfgipfel der Corona-Pandemie. Weil Markus Söder (CSU) von einer Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) „der Hoffnung” sprach, greift Talkmaster Lanz zu Beginn der Sendung diesen Optimismus auf. Hamburgs Oberbürgermeister Peter Tschentscher (SPD) fasst zusammen: „Die Hoffnung ist, dass wir schneller vorankommen als bislang.” Die Journalistin Anja Maier relativiert allerdings: „Man hat sich was vorgenommen, beschlossen wurde nichts.”

Impfgipfel ohne Beschlüsse: Kritik bei „Markus Lanz” an geplanter Aufhebung der Priorisierung

Unter anderem haben sich die Länderchefs vorgenommen, die Priorisierung beim Impfen zu lockern – voraussichtlich ab Juni. Peter Tschentscher sieht darin nicht den großen Wurf, schließlich agiere man, jedenfalls in Hamburg, schon heute flexibel, aber man könne nur verimpfen, was vorhanden sei: „Sobald Termine nicht mehr angenommen werden, öffnen wir die nächste Priorisierungsstufe.” Von Söders bayerischem Vorstoß, die Priorisierung schon jetzt aufzuheben, hält er nichts: „Wenn zu einem Zeitpunkt, wo noch nicht genug Impfstoff da ist, gesagt wird ‚Jetzt heben wir die Priorisierung auf‘, dann haben ja alle das Gefühl, sie bekommen jetzt schneller Impfstoff. Aber es ist noch nicht genug Impfstoff da.”

Bei Lanz (ZDF): “Wenn wir stabil unter die 100 kommen müssen wir die Grundrechtseinschnitte wieder zurücknehmen”

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) schließt sich dem an und würde gerne an der Priorisierung festhalten: „Die Hauptrisikogruppe sind nach wie vor die über 60-Jährigen. Wenn man einen 30-Jährigen impft, die gar nicht besondere Risiken tragen, dann geht man leider das Risiko ein, dass ein 60- oder 70-Jähriger dafür stirbt. Und deswegen würde ich sagen: Wir Jungen müssen noch warten.” Anja Maier stört die Wortwahl von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), jeder Bürger könne sich dann „um einen Impftermin bemühen”: „Wir eröffnen hier so eine Art Chicken-Run. Also alle rennen los und mal schauen, ob man einen Arzt kennt, ob man nicht noch etwas dealen kann. Dann kommen wir in so eine ganz unangenehme Konkurrenz innerhalb der Gesellschaft.”

Die Virologin Jana Schroeder spricht sich ebenfalls für eine Priorisierung aus: „Mehr verlorene Lebensjahre können gerettet werden, wenn man die Alten eher impft.” Anschließend richtet sie ihren Fokus auf das Infektionsgeschehen bei Kindern: „Die Gesellschaft für Virologie hat schon im August gewarnt: Bitte nicht die Infektion bei Kindern unterschätzen.” Sie spricht sich in einem flammenden Monolog für geschlossene Schulen aus – es sei denn, diese seien sicher. „Wie viele schwere Komplikationen sind verantwortbar?”, fragt sie abschließend und fügt an: „Ich möchte, dass das ehrlich kommuniziert wird.”

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 27. April:

Corona-Notbremse sorgt bei Tübingens Bürgermeister Boris Palmer für Frust

Sichtlich verärgert über das Ende des Tübinger Modellversuchs zeigte sich Boris Palmer bei „Markus Lanz”, er rechnet das Dilemma vor: „Jetzt haben wir die Notbremse, das heißt die Testpflichten, die wir hatten, sind weggefallen. Wir hatten eine Testpflicht in Betrieben, also für die Beschäftigten, zwei Mal die Woche. Wir hatten eine Testpflicht, um einzukaufen, um in die Gastronomie zu gehen, um ins Theater zu gehen. Und all diese Pflichten sind jetzt entfallen, weil die Bundesnotbremse gesagt hat, unser Modellversuch muss aufhören. Also weniger testen. Und deswegen testen wir jetzt nur noch ein Zehntel der Dimension, die wir letzte Woche getestet haben.”

Dieser Effekt sei das, was Palmer „immer befürchtet” habe. Der Eindruck, dass es in Tübingen primär um Öffnungen gehe, sei ein Missverständnis: „Eigentlich war es ein alternativer Kontrollversuch: Können wir durch flächendeckendes Testen die Zahlen auch niedrig halten?” Seinem Plädoyer, man dürfe die Schnelltests nicht schlechtreden, entgegnet Schröder: „Der Test ist nicht grundsätzlich schlecht, sondern er muss da genutzt werden, wo er sinnvoll ist. Er nutzt nichts in einer hohen Inzidenz als ein Eingangsscreening, wo er einen individuellen Schutz bieten sollte. Er nutzt, wenn Sie zum Beispiel 40 Prozent der Bevölkerung zweimal pro Woche testen, dann haben Sie eine signifikante R-Wert-Reduktion und dafür ist dieser Test vorgesehen.”

Covid-19 im Fokus: Boris Palmer zieht strittigen Influenza-Vergleich

Palmer sagt dazu, das sei „genau das, was wir machen wollten.” Und zieht dann den umstrittenen Grippe-Vergleich: „Bei den unter 20-Jährigen ist die klassische Influenza mit der Infektionssterblichkeit genauso hoch wie Covid-19. Die klassische Influenza haben wir aber auch die letzten 50 Jahre nicht zum Anlass genommen, Schulen zu schließen.” Schröder zeigt sich empört und fordert Palmer dazu auf „Influenza nicht immer mit Covid” zu vergleichen. Doch Palmer bleibt gelassen: „Ich darf Risiken vergleichen wie alles andere. Influenza ist ein Risiko, das man berechnen kann und auch Drosten sagt, unter 45 ist die Infektionssterblichkeit bei Influenza nicht höher als bei Covid-19. Ich habe jetzt 20 genommen, das ist ein konservativer Wert. Ich vergleiche nicht die beiden Viren, ich vergleiche die Risiken. Und das ist zulässig, das muss zulässig sein. Das bagatellisiert nichts, es ist einfach eine simple mathematische Feststellung.”

Peter Tschentscher findet zwar „viel testen gut”, fragt aber: „Kann ich mir deshalb Lockerungen erlauben?” Seiner Meinung nach sei das unvorsichtig: „Da bin ich zurückhaltender als Herr Palmer. Wenn ich meine Öffnung bei einer gegebenen Inzidenz nicht erlauben sollte, dann sollte man sie nicht mit Testen trotzdem machen. Testen sichert ein stückweit ab, aber sollte nicht vorzeitige Öffnungsschritte begründen. Und der Fehler wurde in Deutschland leider gemacht.” Palmer ist dennoch der Meinung, der Modellversuch hätte zu Ende geführt werden sollen: „Keine Stadt in Deutschland versucht herauszufinden, ob es nicht doch geht, so viel zu testen, dass wir damit runterkommen. Und ich meine, dass wir an dem Punkt waren. Wir haben jede Woche noch mal 10.000 Tests draufgelegt und wir haben immer noch mehr gefunden. Und jetzt wissen wir aber nicht: Wären wir damit schneller runtergekommen bis in vier Wochen oder funktioniert es halt nicht?”

„Markus Lanz” - Das Fazit der Sendung

Mit „zwei Städte, zwei Wege” kündigt Talkmaster Lanz die beiden Oberbürgermeister Peter Tschentscher (Hamburg) und Boris Palmer (Tübingen) am Dienstagabend an: Ausgangssperre versus Öffnungswille. Der Anmoderation folgt jedoch kein Streit, sondern eine engagierte, aber sachliche Diskussion. Flankiert wird die Debatte von Dr. Jana Schroeders Apell, Kinder während der Pandemie besser zu schützen und wenigen, aber klugen Bemerkungen und Nachfragen der Journalistin Anja Maier.

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