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„Schwurbelei“ - oder starke Kritik? Sahra Wagenknecht polarisiert mit Impf-Ansagen bei Markus Lanz

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Sahra Wagenknecht (Linke) zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF).
Sahra Wagenknecht (Linke) zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF). © ZDF (Screenshot)

Corona-Talk bei „Markus Lanz“: Sahra Wagenknecht und Rostocks Oberbürgermeister Carl Ruhe Madsen machen ihrem Ärger Luft.

Hamburg – Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht berichtet bei „Markus Lanz“ eingangs vom milden Verlauf ihrer Covid-19-Erkrankung. Mehr als ein leichter Schnupfen sei es nicht gewesen, aller Wahrscheinlichkeit nach habe es sich um die Omikron-Variante gehandelt. Sie habe die Hoffnung, durch die überstandene Infektion Immunität erlangt zu haben.

Sahra Wagenknecht bei „Markus Lanz“: „Man impft sich doch nicht ins Blaue hinein“

Nur wenn gefährlichere Mutationen auftauchen würden, überlege sie sich das mit der Impfung, erklärt Wagenknecht und sagt: „Man impft sich doch nicht ins Blaue hinein.“ Außerdem geht die Bundestags-Abgeordnete davon aus, dass in zwei bis drei Monaten auch in Deutschland, wie etwa in Dänemark, keine Corona-Schutzmaßnahmen mehr in Kraft seien. Im Fall des Erreichens einer endemischen Lage fordert Wagenknecht ein „Ende des öffentlichen Rechtfertigungsdrucks“, wie einzelne Personen mit Covid-19-Erkrankungen umgehen.

FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann stimmt Wagenknecht darin zu, dass eine Entspannung auf den Intensivstationen zu beobachten sei. Für die Ampel-Regierung erlebe derzeit ein schwieriges Abwägen des weiteren Vorgehens. Strack-Zimmermann bemüht einen Vergleich: „Wenn Sie einen Autounfall hatten, haben Sie vielleicht auch zunächst Ladehemmung, sich wieder ans Steuer zu setzen.“

Video: Interessantes über Markus Lanz

Corona-Debatte bei „Markus Lanz“: Rostocks Bürgermeister beklagt das deutsche Mindset

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos), selbst dänischer Staatsbürger, hält kulturelle Unterschiede zwischen Skandinavien und Deutschland für den Hauptgrund der unterschiedlichen Pandemie-Strategien. Während die Corona-Krise in den skandinavischen Ländern als große Herausforderung betrachtet werde, der sich die Gesellschaft gemeinsam stellen müsse, regiere in Deutschland die Angst, sagt Madsen. „Obsessive Angst“ hatte zuletzt auch ein Arzt im ARD-Talk „Maischberger“ gerügt.

Kritik übt er außerdem an der schlechten Kommunikation, die die Menschen verunsichere und Vertrauen in die Politik zerstöre, etwas durch den Zickzack-Kurs bei einer möglichen Impfpflicht. Sein Fazit: „Wir gehen über Verbote, statt über Angebote. Und das sind, mental gesehen, wirklich zwei unterschiedliche Welten.“

Madsen kritisiert die deutsche Bürokratie sowie ihre schleppende Digitalisierung und nennt ein Beispiel aus der Praxis: Dass Menschen, die vor 30 Jahren einen Führerschein gemacht haben, jetzt in die Verwaltungen geholt würden*, „um ein Stück Papier gegen ein Stück Plastik zu tauschen“, will dem Oberbürgermeister nicht in den Kopf. Talkmaster Lanz und die Politikerin Strack-Zimmermann belächeln seine Ausführungen ein wenig, doch Madsen lässt sich nicht irritieren. Er hält die jetzige Situation für eine verpasste Chance: „Ich mache jede Wette mit Ihnen, lieber Herr Lanz, in zwei Jahren machen wir das in einer App. Und ich glaube, wir hätten die Digitalisierung jetzt machen können.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 3. Februar:

Als Madsen die politische Kommunikation aus Berlin kritisiert, rennt er damit nicht nur bei Gastgeber Lanz offene Türen ein. Zwar versucht Strack-Zimmermann noch klarzustellen, dass „da von Anfang an der Wurm drin“ war, doch Talkmaster Lanz redet sich in Rage. Er beklagt fehlende „Führung von vorn“ und klare Ansagen der Regierung, doch Strack-Zimmermann weicht aus. Niemand habe wissen können, was durch die Corona-Pandemie* auf die Politik und die Gesellschaft zukomme und von vorne führen könne nur der, der glaubt, eine Lösung für die Problemlage in der Hand zu haben.

Gastgeber Lanz ist damit nicht einverstanden, auch die Journalistin Kristina Dunz bietet Paroli. „Ich wusste, warum ich hier sitze“, scherzt Strack-Zimmermann und deutet auf ihren Platz, „hier wird man immer gegrillt.“ Moderator Lanz kann sich ein Lachen und Madsen einen Kommentar nicht verkneifen: „Schön, dass es wieder Grillfeiern gibt. Nur nicht so schön, wenn man gegrillt wird.“

Impfpflicht-Diskussion bei „Markus Lanz“: Die Sache mit der Umsetzbarkeit

Hitzig wird die Debatte bei der Impfpflicht. Wagenknecht weist darauf hin, dass es sich mit Omikron um eine „veränderte Ausgangslage“ handele. Es seien kaum noch schwere Verläufe zu verzeichnen, die zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen und dadurch Grundrechtseingriffe rechtfertigen. Es sei „unlauter“, der Bevölkerung zu versprechen, mit der dritten Impfung „seid ihr durch“, sagt Wagenknecht mit Blick auf israelische Studien, die auch dem Booster eine schwindende Wirkung attestieren. Strack-Zimmermann hält dagegen: „Aber deswegen sitzen doch jetzt viele zusammen, die für eine Impfpflicht sind. Um das genau auszuarbeiten. Weil es in der Tat keine einfache Frage ist.“

„Einfach“ hat es sich in der Vorwoche zu Gast bei „Markus Lanz“ der Politiker Boris Palmer (Grüne) gemacht. In der Sendung vom 25. Januar hatte er vorgeschlagen, im Falle einer Impfpflicht sämtliche in einer Kommune gemeldete Personen anzuschreiben und zum Nachweis einer Impfung binnen vier Wochen aufzufordern. Andernfalls würde, analog zu Verkehrsdelikten, ein Bußgeldverfahren eingeleitet.

„Recht hat er“, findet Strack-Zimmermann, doch zum Abschluss der Corona-Diskussion ist es Madsen, der in Wallung gerät: „Wenn das so leicht wäre, warum ist es dann nicht digital? Wie stellen wir das Ganze fest?“ „Der Bund muss mir dann sagen, was passiert dann mit jemand, der nicht geimpft ist. Ich führe das gerne aus. Aber sagen Sie mir bitte: Was sind die Konsequenzen? Wie haben wir das zu handhaben? Überlassen Sie das bitte nicht einigen wenigen Beamten von der Stadtverwaltung.“

Ukraine-Konflikt bei „Markus Lanz“: Sahra Wagenknecht versteht Wladimir Putin

Dass Wagenknecht bei der abschließenden Ukraine-Debatte Partei für Russland ergreift, treibt Strack-Zimmermann Falten auf die Stirn. Die NATO habe in den letzten Jahren massiv aufgerüstet und rücke immer weiter Richtung Osten vor, weshalb Russland sich zu Recht bedroht fühle, meint die Linke. Strack-Zimmermann pocht dagegen auf die Souveränität von Staaten bei der Auswahl ihrer Bündnispartner*. Doch Wagenknecht gibt nicht klein bei: „Die russische Geschichte verpflichtet uns geradezu, als Deutsche auch, hier eine wirklich deeskalierende Rolle zu spielen.“

Eigentlich, erklärt Wagenknecht, wolle Russland nur „zurück an den Gesprächstisch“, doch Strack-Zimmermann gibt Kontra und sagt, Putin wolle mit Außenpolitik von innenpolitischem Versagen ablenken. Dass in den Bündnis-neutralen Ländern Finnland und Schweden eine Debatte entstehe, sich möglicherweise doch der NATO anzuschließen, komme nicht von ungefähr. Ihr Fazit: „Mit diesem Auftreten erreicht Putin genau das Gegenteil.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Nachdem „Markus Lanz“ drei Sendungen Corona-Pause gemacht und anderen Themen Vorrang gewährt hatte, steht die Pandemie am Donnerstagabend wieder im Fokus. Die Politikerin Sahra Wagenknecht (Linke) polarisiert dabei mit ihren Äußerungen zur Corona-Impfung schon während der Sendung im Netz: Während die einen Zuschauer sie auf Twitter für ihre kritische Haltung feiern, attestieren ihr andere „Schwurbelei“. Mehr Einigkeit herrscht beim Publikum in Bezug auf Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos), der für seine engagierte Art und hilflose Lage als Kommunalpolitiker viel Zuspruch erfährt. (Hermann Racke)

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