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Habeck-Nachfolge: Grünen-Politiker wirft bei „Lanz“ seinen Hut in den Ring

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Grünen-Politiker Omid Nouripour zu Gast bei Markus Lanz
Grünen-Politiker Omid Nouripour zu Gast bei Markus Lanz © Screenshot: ZDF-Mediathek / Markus Lanz

„Markus Lanz“ kreist um die Corona-Pandemie – ehe gegen Ende der Sendung Polit-Gast Nouripour seine Kandidatur als Grünen-Chef bekannt gibt.

Hamburg - Bei „Markus Lanz“ setzten sich am Donnerstagabend die gegenseitigen Vorhaltungen zwischen Bund und Ländern in Sachen Corona-Politik zunächst fort. Der hessische Politiker Omid Nouripour (Grüne) wirft der geschäftsführenden Bundesregierung ohne große Umschweife vor: „Da wurde im Spätsommer die Arbeit eingestellt.“ Das sei „vielleicht zugespitzt, aber wenn in meiner Stadt Frankfurt plötzlich ungefähr 9.000 Impfdosen weniger ankommen, obwohl die Termine dafür vergeben worden sind, und der Bund dann sagt ‚Ist halt jetzt so‘, dann ist das, milde gesagt, verwirrend.“.

Talkmaster Markus Lanz geht das „Blame-Game“ gegen den Strich: „Wir zeigen sehr gerne, das erlebe ich nun schon zum wiederholten Male in dieser Sendung, mit dem Finger auf die anderen und das Spiel geht dann immer so wechselseitig, aber die Wahrheit ist: Jeder in der ersten Reihe der Politik hat sich vor diesem Thema gedrückt.“ „Die Wahrheit ist aber auch“, hält Nouripour dagegen, „dass eine Partei nicht die Arbeit einer Bundesregierung machen kann bei solchen Geschichten. Die Grünen haben nicht Impfstoffe gekauft und versuchen, die zu verteilen“.

Virologe Streeck beklagt bei „Markus Lanz“ mangelnde Impfaufklärung

Dass die Impfzentren geschlossen und auf eine breit angelegte Impfaufklärung verzichtet wurde, kritisiert der Virologe Hendrik Streeck: „Wir haben ja mehr Wahlkampfwerbung gesehen als Impfwerbung.“ Gastgeber Lanz erinnert zwar daran: „Vor den Impfzentren stand irgendwann keiner mehr, die waren leer. Da wollte keiner mehr hin.“ Doch auch der Intensivmediziner Bernd Böttiger nutzt im Anschluss Worte wie „Stillstand“ und „Vakuum“, um den politischen Umgang mit der Pandemie zu beschreiben.

Gastgeber Lanz kritisiert daraufhin die schlechte politische Kommunikation, „eine Katastrophe“, das Wort „Boostern“ sei aus „heiterem Himmel über dieses Land“ gekommen. Nouripour gibt das Anlass zu weiterer Kritik an der scheidenden Bundesregierung: „Ich kann das mal aus dem Bundestag erzählen, wie es da gelaufen ist, weil wir dort ungefähr nach acht, neun Monaten innerhalb des Betriebes Impfungen hatten.“ Die Vorbereitungen für Booster-Impfungen, „begann vier oder fünf Monate später. Und das ist sprichwörtlich im schlimmsten Sinne ein Sommerloch gewesen, was aber nach der Bundestagswahl noch schlimmer wurde. Weil halt, nach meiner Wahrnehmung zumindest, die Arbeit in der Form nicht fortgesetzt wurde.“ Verzweifelt seufzt Markus Lanz: „Das ist ein Wahnsinn.“

Streeck hinterfragt bei „Markus Lanz“ die allgemeine Impfpflicht – perspektivisch auch eine verpflichtende Grippeimpfung?

„Ich bin auch von dem, was ich von der Ampel gehört habe, bis jetzt, ein bisschen enttäuscht“, ergreift Böttiger das Wort und fährt fort, „heute hat sich das ein bisschen geändert, aber ich glaube, da muss noch ein bisschen nachgelegt werden.“ Einen deutschlandweiten Lockdown als Maßnahme, um das Coronavirus einzudämmen, lehnt Streeck ab: „Es ist ja eher das Plädoyer, das differenzierter zu betrachten. Wir haben große Probleme im Süden von Deutschland, also Bayern, Sachsen zum Beispiel. Die haben enorm hohe Infektionszahlen. Die haben viel zu spät reagiert, die hätten vor Wochen reagieren müssen. Aber wenn man sich anschaut, zum Beispiel Schleswig-Holstein, Bremen hat relativ, im Verhältnis, niedrige Fallzahlen.“

In der Frage um eine allgemeine Impfpflicht schlagen in Streecks Brust zwei Seelen, wie er sagt: „Es ist perspektivisch gedacht. Ich verstehe die Vorteile einer Impfpflicht.“ Es sei ganz klar: „Wenn sich jeder impfen lassen würde, hätten wir einen sehr entspannten Herbst und Winter gerade.“ Aber: „Wir wissen überhaupt nicht, wie lange der Booster-Schutz nach sechs Monaten hält. Bedeutet das dann, alle sechs Monate, dass man sich impfen lassen müsste? Also auch Viert-, Fünft-, Sechstimpfung? Das ist eben was, was man sich fragen muss, ob man wirklich die gesamte Bevölkerung alle sechs Monate impfen lassen will mit so einer Impfpflicht. Zusätzlich auch die Frage, ob wir das dann auf die Kinder ausdehnen oder sogar langfristig auf die Grippe.“

Angst vor Corona-Impfung? Virologe Streeck fordert bei „Markus Lanz“ Beratungsstellen

Streeck meint, die heute Ungeimpften, seien nicht zwingend Impfgegner und berichtet aus seinem Alltag: „Was mich jeden Tag erreicht, wirklich in unzähligen E-Mails, ist die Angst und die Skepsis vor der Impfung. Wir haben keine richtigen Beratungsstellen, die Politik sagt einfach: ‚Ärmel hoch! Du musst dich impfen lassen, sonst wirst du bestraft.‘“ Der Virologe fordert stattdessen Anlaufstellen, die aufklären und Menschen die Angst vor der Impfung nehmen: „Das kann ja nicht die Aufgabe eines Virologen sein.“

Die Journalistin Ann-Kathrin Büüsker beklagt, dass nicht alle Bundesländer die ihnen im Infektionsschutzgesetz zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpfen: „Das ist nach wie vor das große Problem und das ist das, wo die FDP in die Argumentation geht: Liebe Länder, benutzt doch das, was ihr habt.“ „Welches Spiel wird denn da gerade politisch gespielt? Ich verstehe es nicht“, fragt Lanz und skizziert die gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Bundes- und Länderebene, etwa vonseiten des bayerischen Ministerpräsident Markus Söder (CSU).

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 2. Dezember

„Deswegen sollten wir aus dem Blame-Game aussteigen“, sagt Nouripour, nur um direkt im Anschluss nachzulegen: „Im Übrigen gibt es immer noch keine Ampel, die ist noch gar nicht im Amt. Deshalb ist es spannend, dass Söder die Ampel blamed. Die Schuld einer Regierung in die Schuhe zu schieben, die es noch gar nicht gibt, ist schon bemerkenswert. Aber unabhängig davon ist es ja richtig, dass das jetzt aufhören muss, dass wir alle sagen, wer schuld ist.“ „Aber Sie haben angefangen damit“, kontert Lanz. Nouripour nimmt verteidigend die Arme nach oben: „Sie haben gesagt, die Grünen haben die Arbeit der Bundesregierung nicht gemacht. Das stimmt.“

Grünen-Politiker Nouripour bestätigt bei „Markus Lanz“ seine Kandidatur als Parteivorsitzender der Grünen: „Es wäre mir ein Fest“

In ein anderes „Game“ will Nouripour dagegen einsteigen – bei „Markus Lanz“ macht er öffentlich: „Ich möchte mich auf dem digitalen Parteitag Ende Januar bewerben, Parteivorsitzender zu werden.” „Halleluja!“, kommentiert Büüsker, die sich als Rundfunk-Journalistin über den O-Ton freut: „Damit kann man arbeiten.“ „So sakral ist das nicht“, scherzt Nouripour. „Ich bin mit 13 Jahren nach Frankfurt gekommen“, erklärt der heute 46-Jährige, „diese Stadt und diese Partei haben mir alles gegeben, was ich jetzt bin, wofür ich nicht ausreichend dankbar sein kann. Und wenn ich in dieser Situation als Parteivorsitzender ein Stückchen was zurückgeben dürfte, wäre es mir eine große Freude“. Zur Spekulation um Ricarda Lang (Grüne) als Co-Vorsitzende äußert er sich jedoch nicht.

„Warum tun Sie sich das jetzt an? Das ist ja gerade die Hölle, in Ihrer Partei“, spielt Talkmaster Lanz auf die internen Machtkämpfe an und nennt die Postenvergabe der Grünen ein „Gemetzel“. Nouripour: „Ich kann das nur wiederholen. Ich weiß nicht, was ich wäre ohne diese Partei. Ich kam zu den Grünen, weil damals die Kreisgeschäftsführerin der Grünen in Frankfurt, als ich da so halb zufällig vorbeiging, mich zehntausend Sachen fragte in zwei Stunden, aber nicht fragte: ‚Wo kommst du her?‘ Das war für mich ehrlich gesagt eine relativ abgefahrene, neue und extrem großartige Erfahrung. Das ist weiterhin hoch relevant in dieser Partei. Und für diese Idee zu arbeiten und zu kämpfen, dann auch noch als Parteivorsitzender, das wäre mir ein Fest.“

Hintergrund: Weil Annalena Baerbock und Robert Habeck vtoraussichtlich Ministerämter übernehmen werden, dürften sie ihren Plätze als Vorsitzende an der Spitze der Grünen räumen.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

„Markus Lanz“ dreht sich am Donnerstagabend überwiegend um die aktuelle Lage der Corona-Krise. Der Intensivmediziner Bernd Böttiger macht der Politik schwere Vorwürfe beim Management der Pandemie, während der Virologe Hendrik Streeck an einen differenzierten Blick auf das Infektionsgeschehen appelliert. Der gemeinsame Konsens: „Wir müssen vor die Lage kommen.“ Die Journalistin Ann-Kathrin Büüsker kommentiert die politische Dimension der Pandemie, bevor der Politiker Omid Nouripour (Grüne) seine Kandidatur als Vorsitzender seiner Partei öffentlich macht. (Hermann Racke)

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