Andreas Bovenschulte zu Gast bei Markus Lanz
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Andreas Bovenschulte zu Gast bei Markus Lanz (ZDF)

Vertrauensfrage bei Lanz

Gipfel-Ärger: Journalistin poltert bei Lanz gegen Landeschefs - „Keine Sicherungen angegangen“?

Im „Markus Lanz“-Talk wird die Vertrauensfrage gestellt: Verliert die Regierung durch ihre Corona-Politik und dem gescheiterten Gipfel ihre Glaubwürdigkeit?

Hamburg - Was war da los, in der Nacht zum Dienstag in der Runde der 16 Ministerpräsidenten des Landes und dem Bundeskanzleramt?, will Markus Lanz“ wissen und lädt zum „Investigativ-Talk“ im ZDF. Das klingt zunächst nach einer ernsthaften Sendung, käme Lanz nicht bereits bei seiner Anmoderation ins Schmunzeln, als er den gescheiterten Corona-Gipfel als neues, deutsches „Gründonnerstag-Trauma“ betitelt. Seine eigene Bewertung schiebt er vorweg: Die späte, nächtliche Stunde hätte wohl ihr übriges zu dem Debakel-Beschluss beigetragen.

Auch die Journalistin Eva Quadbeck weist darauf hin, dass die Sitzung erst um 1:57 Uhr zu Ende gegangen sei. Sie befindet, die Politiker seien im Bezug auf die Corona-Lage genauso so ermattet, wie auch ein Großteil der Bevölkerung. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte, der beim Corona-Gipfel zugegen war und bei Lanz aus dem Nähkästchen plaudern darf, wiegelt ab. Trotz später Stunde, so der bodenständige SPD-Mann, sei man eindeutig noch entscheidungsfähig gewesen… Bovenschulte hat eine andere Erklärung für die Beweggründe, die die Länder-Chefs dazu bewogen hätten, dem Vorschlag zuzustimmen: „Es wurde plausibel argumentiert, dass es etwas bringt“. Und: „Da denkt man, naja, das lohnt sich, sich darauf einzulassen.“

Journalistin über gescheiterten Corona-Gipfel: Da gingen bei niemanden die Sicherungen an!

Journalistin Quadbeck wendet ein, dass die Beschlussvorlage im Vorfeld vorgesehen hatte, dass an den Ostertagen gelockert werde, Urlaub in Deutschland möglich gemacht werden. Während Ministerpräsidenten in der zwölf Stunden dauernden Sitzung bei diesen Punkten mit Protokollerklärung gedroht hätten, scheine bei dem Gründonnerstag-Vorschlag, „keine Sicherungen angegangen zu sein“, so die Journalistin.

„Markus Lanz“ - das sind seine Gäste am 25. März:

  • Andreas Bovenschulte (SPD) - Bürgermeister von Bremen
  • Eva Quadbeck - stellvertretende Chefredakteurin „RedaktionsNetzwerk Deutschland“
  • Richard David Precht - Philosoph, Bestsellerautor
  • Prof. Thorsten Lehr - Professur für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, zugeschaltet
  • Gerald Knaus - Soziologe, Chef der Denkfabrik „European Stability Initiative“

Bovenschulte räumt kleinlaut ein: „Dass das das Vertrauen in die Politik nicht gerade erhöht, weiß man“. Und weiter: „Jetzt kann man da nun sagen, so ein Fehler hätte nicht passieren dürfen!“ Er stimmt Quadbeck zu, dass eine Teilschuld bei den Länder-Chefs bestehe, denn niemand in der Runde hätte nach dem Vorschlag aus dem Kanzleramt sein Veto eingelegt oder auch nur Protest angemeldet, er selbst eingeschlossen.

Jetzt ist der Bestseller-Autor Precht auf den Plan gerufen, der die gesellschaftliche Tragweite eines solchen „Zickzack-Kurse“ analysieren soll. Der Philosoph veröffentlichte kürzlich - passend zur Lage der Nation - sein neuestes Werk „Von der Pflicht“, in dem es um die grundsätzliche Rolle des Staatsbürgers geht. Precht zu seinen Beweggründen sich diesem Thema anzunehmen: „Mir fiel auf, dass immer mehr Leute grundsätzlich zu denken scheinen, dass der Staat üble Motive verfolge.“

Philosoph Precht über die Corona-Politik der Regierung: „Wir irren vorwärts!“

In der Corona-Politik springt Precht für die Regierung in die Bresche: Sie könne derzeit nicht anders, als nur „auf Sicht zu fahren“. Wie soll es anders gehen, wenn „man nicht weiß, wie die Inzidenzen sich in den nächsten Wochen entwickeln“. so der Philosoph. Der „unsouveräne Eindruck“ ließe sich nicht vermeiden. Precht: „Wir irren vorwärts!“ Lanz sieht das anders und verweist auf die schlechte Einkaufspolitik bzgl. der Impfstoffe, die hierzulande produziert würden.

Precht zeigt sich unbeeindruckt und appelliert an die Bürgerpflicht. Berechtigte Kritik an der Politik zu üben falle nur auf fruchtbaren Boden, wenn die eigene Verantwortung für die Gemeinschaft verstanden und umgesetzt werde. Er sehe eine Tendenz einiger Bürger, denen es vorrangig um den eigenen Vorteil gehe. Der Philosoph: „Sie benehmen sich nicht wie Staatsbürger, sondern sie werden zu Kunden“. Diese passive Forderungshaltung sei die wirkliche Gefahr für die Demokratie.

Experte warnt vor Inzidenzwert von 400

Aus dem Saarland wird Prof. Thorsten Lehr zugeschaltet. Der Experte für Epidemien soll seine Einschätzung für den Start des saarländischen Modellprojektes für mehr Öffnungen abgeben. Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) hatte diese landesweit angekündigt. Lehr ist mehr als skeptisch: „Sehr mutig“, kommentiert er trocken und rechnet vor, dass die Inzidenz mit diesem Plan auf den gefährlichen Wert von 400 steigen werde, wenn nun nicht Ausgangssperren und Schulschließungen erfolgen. Lehr macht deutlich, welche Gefahr im Raum steht: „Wir sehen, dass die neue Mutante vor allem auch jüngere Kinder und Jugendliche infiziert. Der Verlauf sei schwerwiegender, bis zu 60 Prozent tödlicher!“ Markus Lanz bleibt als Reaktion nur ein tiefes Seufzen.

Fazit des „Markus Lanz“-Talks

Ein Blick hinter die Kulissen, frei nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“. Ein Philosoph der das Kennedy-Zitat hoch hält: „Frage nicht, was der Staat für dich tun kann, frage, was du für den Staat tun kannst“. Der Talk war nicht nur eine Schnellschulung in Demokratieverständnis sondern forderte auch Verständnis für die Regierung ein.

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