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Klima-Debatte bei „Markus Lanz“: „Wir müssten die Currywurst abschaffen“

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Klima-Debatte bei „Markus Lanz“: „Wir müssten die Currywurst abschaffen“.
Klima-Debatte bei „Markus Lanz“: „Wir müssten die Currywurst abschaffen“. © Screenshot ZDF-Mediathek

Die „Markus Lanz“-Gäste diskutieren Energiewende, Klimawandel und Fleischkonsum. Lösungen wüsste die Runde viele – aber macht die Ampelkoalition auch mit?

Am Donnerstagabend ist bei „Markus Lanz“ – wie bereits die ganze Woche – kein Politiker im Hamburger Studio zu Gast. Vielleicht ist das besser so, denn mit Kritik an der Politik spart die Runde beim Thema Energiewende und Klimakrise nicht. Wissenschaftsjournalist Prof. Harald Lesch etwa findet deutliche Worte für das Sondierungspapier von SPD, Grünen und FDP: „Also insgesamt muss ich sagen, habe ich den Eindruck, dass diese Koalitionäre den Schlag nicht gehört haben. Es gibt zwar immer wieder Anläufe davon, darüber zu sprechen, wie kritisch die Situation ist. Aber die kommende Regierung insgesamt ist für mich eher eine Enttäuschung.“

Der Unternehmer Frank Thelen bewertet das Sondierungspapier weniger pessimistisch, hofft aber, „dass da noch mehr kommt, wenn sie dann erstmal überhaupt zusammengefunden und eine Regierung gebildet haben. Aber mutig fand ich das jetzt auch noch nicht.“ Der Ökonom Marcel Fratzscher findet, dass es um die richtige Geschwindigkeit gehe: „Die Gefahr ist, dass wir den Fehler wiederholen, den wir in den letzten 30, 40 Jahren nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gesehen haben, dass man gesagt hat: ‚Jetzt mal langsam, bloß nicht zu schnell. Mal abwarten, eine Technologie, der Markt wird das schon lösen.‘ Das hat nicht funktioniert. Seit 1990 hat Deutschland knapp 35 Prozent CO2-Ausstoß reduziert, wir wollen bis 2030 in Deutschland 65 Prozent abflachen. Das heißt, wir müssen in den nächsten zehn Jahren dreimal so schnell sein wie in der Vergangenheit, in den letzten 30 Jahren.“ Seine Forderung deshalb: „Wir müssen jetzt wirklich Gas geben.“

Erneuerbare Energien alternativlos? Bau-Fachfrau Messari-Becker bei „Markus Lanz“: „Wir machen es wieder falsch“

Lesch konstatiert, dass kaum noch Zeit übrigbleibe, um das 1,5-Grad-Ziel halten zu können: „Wir haben es halt versemmelt, weil wir vor 40 Jahren, wo die gleichen Zahlen schon zur Verfügung standen, das zu tun, was einer industriellen Revolution entspräche. Vor 40 Jahren hätten wir anfangen müssen, mit den Materialien, vor 40 Jahren hätten wir anfangen müssen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Das wäre was gewesen. Aber jetzt sind wir schon fast zu spät. Also zumindest wird es verdammt schwierig und sportlich.“

Bauingeneurin Lamia Messari-Becker fügt kritisch hinzu: „Aber wir machen es jetzt ja wieder falsch. Früher haben wir uns auf Kohle und Atom fokussiert, also diese Monotechnologien, ein Weg. Dann gab es Gas als den großen Heilsbringer. Jetzt haben wir das Problem mit den Preisen, woher sie auch immer kommen mögen. Und jetzt machen wir den gleichen Fehler, nämlich, dass wir bei den Energieträgern überwiegend auf Wind und Photovoltaik setzen.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 4. November:

Frank Thelen macht aus seiner Hoffnung, die er in den technischen Fortschritt steckt, keinen Hehl: „Wir haben diese industrielle Revolution genossen und es gab diese ganzen Warnungen und wir haben einfach immer weitergemacht. Und jetzt müssen wir hingehen und sagen: Wie können wir mit dem Know-how, das wir haben, mit den ganzen Quantencomputern, mit der künstlichen Intelligenz, mit den Möglichkeiten, die wir haben, uns da wieder rausmanövrieren? Weil wir haben einen Fehler gemacht. Und dort glaube ich, dass neue Energieverfahren, effizienteres Solar, intelligentes Solar, was in den Gebäuden direkt integriert ist, damit es nicht noch mehr Arbeitsaufwand ist, dass wir da rauskommen.“

Frank Thelen weist bei „Markus Lanz“ auf den ökologischen Fußabdruck von Fisch und Fleisch hin

Aufhorchen lässt der Unternehmer außerdem mit dem Hinweis auf die hohe CO2-Belastung durch unsere Ernährung: „Ich liebe mein Steak und meinen Burger. Aber man muss, glaube ich, fairerweise sagen, was eine der schlimmsten Quellen ist für uns alle: Der Fleisch- und Fischkonsum, mit der Energie, die er braucht, ist ein Riesenproblem. Also wir müssten eigentlich die Currywurst abschaffen. Das finden viele unschön, ich selber auch. Aber wenn ich realistisch drauf schaue (…) Dass wir alle kein Fleisch und keinen Fisch mehr essen, das finden wir blöd, aber das wäre, glaube ich, noch machbar. Irgendeinen Tod müssen wir sterben.“

„Ohne eine kluge Symbiose zwischen Staat und Markt wird es nicht gelingen“, analysiert Fratzscher die Situation und fordert das Ende klimaschädlicher Subventionen: „Der deutsche Staat gibt jedes Jahr 70 Milliarden Euro an Subvention für fossile Energien. 70 Milliarden. Das sind die Kosten, die wir jedes Jahr bräuchten, um in erneuerbare Energien, in neue Technologien zu investieren, in energetische Gebäudesanierung und so weiter. 70 Milliarden Euro, die für Gas, vor allem Kohle, aber eben auch Öl ausgegeben werden.“

Atomstrom? Frank Thelen bei „Markus Lanz“: „Ich finde Atommüll richtig scheiße, aber ...“

Messari-Becker zeigt auf, dass es nicht nur unsinnige Subventionen, sondern auch kontraproduktive Abgaben gebe: „Es gibt auch Möglichkeiten, mit Erdwärme was zu machen, mit Wärmepumpen, also Strom und Erdwärme. Das wird im Moment mit dem doppelten Abgabesatz wie Öl und Erdgas belastet. Das kann‘s nicht sein. Das behindern BMU und BMWI zusammen.“ „Was heißt das?“, fragt Moderator Lanz. „Dass ich wahnsinnig werde“, ergreift Thelen das Wort und führt aus: „Ernsthaft. Wir wollen ja die Sachen voranbringen und dann siehst du, dass die Politik sich gegenseitig so verklemmt und sich so falsch aufstellt. Wo du eigentlich sagst: Sorry, aber Ihr wollt doch alle grün? Also Ihr wollt grüne Energie, Ihr wollt weniger CO2-Austoß. Und dann auf einmal werden genau solche sinnvollen Lösungen doppelt besteuert.“

Gegen Ende der Sendung macht Thelen sich außerdem für die Atomenergie „als Brückentechnologie“ stark: „Ich finde Atommüll richtig scheiße, aber ich sage: Was ist die Alternative? Darum geht es mir. So lange mir einer sagt: ‚Ja wir bauen alles mit Wind aus.‘ Aber gerade in einem Land, das von den Grünen regiert wird, passiert es nicht. Oder auch Markus Söder mit diesem 10H und so weiter. Das ist meine Frage: Was ist da realistisch? Und Atomkraft ist realistisch.“

Begeistert beschreibt Thelen ein von Bill Gates finanziertes Kernreaktoren-Konzept, Physiker Lesch stuft derlei Visionen als wenig realistisch ein: „Es gibt keine Kernspaltung 4.0 und alle diese Reaktoren, von denen er spricht sind Konzeptreaktoren. Es gibt nichts davon, was irgendwie in der Phase wäre, wo man sagen kann: Jetzt bauen wir davon 50 Stück. Wenn man sich mal anschaut, wie groß der Gesamtanteil der Kernenergie in der Welt ist – das ist ja gar nichts. Wenn wir das jetzt nennenswert auf Kernenergie umdrehen wollten, dann müssten wir in Deutschland über hundert Kernkraftwerke bauen.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“-Runde blickt am Donnerstagabend auf „Dilemmata, die wir doch kaum noch aufgelöst kriegen“, wie es der Gastgeber während der Sendung formuliert. Gemeint sind der Klimawandel und das weltweite politische Versagen im Ringen mit der Erderwärmung. Wissenschaftsjournalist Prof. Harald Lesch scheint nach Jahrzehnten der vergeblichen Warnungen seinen Optimismus an den Nagel gehängt zu haben, während der Rest der Runde noch an eine Wende glaubt. Bauingenieurin Lamia Messari-Becker hofft, dass das Ampelbündnis die benötigte zweite industrielle Revolution anstoßen kann; Unternehmer Frank Thelen speist seinen Optimismus aus dem Glauben an Innovation und Technologie; und der Ökonom Marcel Fratzscher fordert entschiedenes staatliches Handeln, um der Klimakrise angemessen zu begegnen. (Hermann Racke)

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