ZDF-Talk

„Ach, die Demo!“: Weidel liefert skurrilen Talk-Moment bei Markus Lanz - Virologe behilft sich mit einem Bier

Lockerungen für Geimpfte gleich De-Facto-Impfpflicht? Markus Lanz versucht eine Diskussion mit AfD-Fraktionschefin Alice Weidel.

Hamburg - Bei „Markus Lanz“ geht es am Dienstagabend hoch her: Im Studio - und im Anschluss auch in den sozialen Netzwerken. Grund dafür war der Besuch von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel. Im Studio finden sich außerdem der FDP-Generalsekretär Volker Wissing, die Spiegel-Journalistin Ann-Kathrin Müller und der Virologe Timo Ulrichs ein. 75 Minuten lang diskutiert die Runde mit- und durcheinander - ausreden lassen sich die Gäste selten und am Ende steht die Frage nach dem Erkenntnisgewinn dieses Talks.

Corona-Debatte bei „Lanz“: Infektionsschutzgesetz in der Kritik: Welche Maßnahmen wirken wirklich?

Talkmaster Lanz eröffnet die Diskussion mit Volker Wissing und der Frage, warum die FDP auf Konfrontation mit dem Staat gehe. Hintergrund ist Verfassungsklage der FDP gegen das Infektionsschutzgesetz in Karlsruhe. Wissing sagt, die FDP folge dabei einem klaren Credo: „Gesetze müssen verfassungskonform sein.“ Weil man nicht wisse, welche Maßnahmen geeignet seien, um Infektionsketten zu durchbrechen, müssten nun die dafür vorgesehenen Verfassungsorgane entscheiden - statt „irgendwelche Hinterzimmer-Runden.“

Für Ulrichs ist indes eindeutig, dass der Lockdown wirkt und dass damit auch die im Infektionsschutzgesetz vorgesehenen Maßnahmen gerechtfertigt seien. Er glaubt, „wenn der Trend so weiter anhält, können wir sehr hoffnungsfroh in den Sommer gucken.“ Ähnlich hatte sich zuletzt auch schon SPD-Experte Karl Lauterbach geäußert.

Bundeseinheitliche Regelungen hält Ulrichs für „absolut sinnvoll“. Wissing widerspricht. Der Zweck heilige nicht die Mittel und es gehe um die Abwägung der beiden staatlichen Aufgaben Gesundheitsschutz und Garantie der Freiheitsrechte.

Corona-Lockerungen für Geimpfte? Virologe Ulrichs legt sich mit Wissing und der FDP an

Nicht ohne Ironie unterbreitet Ulrichs daraufhin Wissing und der FDP einen Vorschlag: „Das Infektionsschutzgesetz sieht auch noch eine ganze Menge anderer Maßnahmen vor, wo Sie sich als FDP vielleicht auch nochmal überlegen könnten, ob das denn verhältnismäßig ist. Zum Beispiel bei Tuberkulosepatienten ist es so: Wenn die eine medikamentöse Therapie verweigern, dann können die weggesperrt werden. Und zwar so lange, bis sie nicht mehr offen tuberkulös sind. Das heißt, hier muss man auch gucken: Es ist die Freiheit des Einzelnen und eben der Schutz davor, dass sich die Tuberkulose in Deutschland weiter ausbreitet.“ Ins Auge sticht auch: Virologe Ulrichs antwortet nicht nur gelassen auf alle Anfechtungen - er weicht auch von den Trinkgewohnheiten der Runde ab. Neben seinem Platz steht ein Bier statt Wasser.

Die Frage, warum sich die FDP gegen verpflichtende Testungen in Betrieben stellt, beantwortet Wissing erst nach einem zweiten Nachbohren: „Weil wir in dieser Situation, in der die Wirtschaft extrem stark belastet ist, uns nicht mit der Frage beschäftigen, wie kann ich dort neue Pflichten und bürokratischen Aufwand einführen. Wenn Sie so eine Pflicht einführen, müssen Sie auch eine Kontrolle einführen.“ Auch Weidel möchte „auf die Eigenverantwortung“ setzen: „Die Unternehmen noch mehr unter Druck zu setzen mit Bürokratie, Administration und noch mehr planwirtschaftlichen Eingriffen, halten wir für den völlig falschen Weg.“

„Markus Lanz“ (ZDF): Weidel sieht „Scheinkorrelation“ zwischen Lockdown und Fallzahlen - Experte schreitet ein

Überhaupt handele es sich, meint Weidel, bei zurückgehenden Zahlen während eines Lockdowns um eine „Scheinkorrelation“. Man könne die sinkenden Fallzahlen nicht kausal auf das Wirken der Ausgangsbeschränkungen zurückführen. Ulrichs erklärt daraufhin einmal mehr wie der Inzidenzwert schließlich mit der Auslastung von Intensivbetten zusammenhängt. Sein Vorwurf in Richtung Weidel: „Das ist eine verzerrte Darstellung. Wenn man Dinge miteinander vergleichen möchte, muss man schon geeignete Bezugsgrößen nehmen.“ Außer einem angestrengten Seufzen hat die Fraktionsvorsitzende dem nichts zu entgegnen.

Weidel möchte außerdem nichts davon wissen, dass die AfD der politische Arm der - mittlerweile in Teilen vom Verfassungsschutz beobachteten - Querdenken-Bewegung sei. „Wir haben als Partei mit den Querdenkern überhaupt nichts zu tun“, sagt sie, kann sich in dem Zusammenhang das ein oder andere Schmunzeln jedoch nicht verkneifen. Zwar seien viele ihrer Parteikollegen auf den entsprechenden Demos gewesen, aber: „Ich fand das gut. Warum? Weil man sich mit diesen Meinungen auseinandersetzen muss.“

Weidel liefert skurrile Szene bei „Lanz“: „War bei keiner Demo ... ach, die!“

Spiegel-Journalistin Ann-Kathrin Müller hält dem entgegen: „Ihre Abgeordneten waren da nicht, um sich im Rahmen ihres Mandats mal zu informieren, sondern die haben da mitgemacht und die Bilder stolz geteilt. Die gehen ja auch nicht zu linken Demos, um sich da mal ein Bild von zu machen“. Es handle sich schon um „ein Aneignen dieser Bewegung.“ Weidel behauptete daraufhin, linke Demonstrationen wie die Mai-Demos seien ja auch gewalttätig - im Gegensatz zu Querdenken-Veranstaltungen. Lanz spielte daraufhin Gewaltszenen eines Corona-Protests in Schmalkalden ein.

Skurril wurde es wenig später, als Müller Weidel einen Sinneswandel vorwarf: Noch im März 2020 habe Weidel härtere Corona-Maßnahmen gefordert - später sei sie selbst ohne Maske auf einer Querdenker-Demonstration aufgetreten. „Ich war bei keiner Demo“, wies Weidel die Journalistin zurecht. Und gab klein bei, nachdem Müller Ort und Datum nannte: „Ach, die!“

„Markus Lanz“ - das waren die Gäste am 4. Mai 2021:

  • Alice Weidel - Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion
  • Volker Wissing - FDP-Generalsekretär und Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz
  • Ann-Kathrin Müller - Spiegel-Journalistin
  • Prof. Timo Ulrichs – Virologe

Noch mehr erhitzt die Debatte um eine mögliche „Impfpflicht durch die Hintertür“ die Gemüter. Moderator Lanz betont wiederholt und energisch: „Es gibt in Deutschland keine Impfpflicht.“ Weidel entgegnet, dass es sich „sehr wohl um eine De-Facto-Impfpflicht“ handele, wenn darüber diskutiert würde, ob Geimpfte ihre Grundrechte zurückbekämen, während dies für Ungeimpfte nicht gelte.

Ulrichs findet sich zwischen den Meinungen wieder. Der Experte hält fest: „Es geht doch hier nicht um eine grundsätzliche Fragestellung, sondern es geht um einen Übergangszustand.“ Gleichzeitig findet aber auch er, dass es bei Menschen „mit vollständigem Immunschutz keinen Grund mehr“ gebe, warum Einschränkungen aufrecht erhalten bleiben sollten.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Markus Lanz bittet Alice Weidel (AfD) und Volker Wissing (FPD) zum Gespräch und erntet damit Kritik. Eine solche Bühne gebühre der AfD nicht, heißt es schon vor Sendungsbeginn in den sozialen Medien. Auch Talkmaster Lanz läuft mit seinen Nachfragen häufig ins Leere. Ulrichs unterstreicht dagegen Schlagfertigkeit und Sachverstand. Am Ende steht eine teils konfuse Diskussion, in der der Satz „Lassen Sie mich bitte ausreden“ häufiger fallen muss, als es in einer zivilisierten Debatte der Fall sein dürfte. Virologe Ulrichs wird im Nachgang der Sendung übrigens zu einer Art Internetstar, wie fuldaerzeitung.de* berichtet. *fuldaerzeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ZDF/Markus Lanz

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