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Der alte und der neue Söder: Warum 2022 für den CSU-Chef ein Schicksalsjahr wird

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Von: Mike Schier, Christian Deutschländer

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Neustart 2022 – oder sein Abschuss: So ernst ist die Lage. Markus Söder posiert im November in einem ausgemusterten Eurofighter in Manching.
Neustart 2022 – oder sein Abschuss: So ernst ist die Lage. Markus Söder posiert im November in einem ausgemusterten Eurofighter in Manching. © Balk/dpa

Die CSU steuert von einem Umfrage-Tief zum nächsten, von Affären geschüttelt und von vielen Stammwählern verlassen. Söder, bei Corona anfangs erfolgreich Macher und Mahner, ist angeschlagen. 2022 wird sein Schicksalsjahr.

München – Das perfekte Bild, ein Markus Söder sieht das sofort. Anfang November, Besuch beim Airbus-Standort in Manching, sie schenken ihm eine dicke Pilotenjacke und setzen ihn ins Cockpit eines Eurofighter. Er reckt den Daumen aus der Kanzel, senkt den Kopf, blickt ernst in die Kamera. „Top Gun in Bayern“, dichtet er und jagt das Bild auf Twitter. Was für ein Foto!

Was für ein Irrtum. Nicht, weil der Spott billig hergeht, kübelweise. „Blindflug“ (ätzt die FDP), „lose Kanone“ (CDU), „fränggischer Dom Gruise“ (SZ) – das ist er gewohnt. Sondern weil seither das Foto ein Sinnbild für den alten Söder ist, den Sich-Inszenierer. In einem aufgeständerten, fluguntauglichen Kampfjet sitzt ein Ministerpräsident, der sich zuletzt wenig um die Bundeswehr oder die Außenpolitik kümmerte, und posiert als Held.

2021 liegt als verkorktes Jahr hinter Söder und seiner CSU

Der alte Söder – das ist nicht mal abschätzig gemeint, denn eben dieser einzigartige Blick für Bilder und griffige Botschaften brachte den Nürnberger in die erste Reihe. Keiner in Bayern, der ihn nicht kennt, der keine Meinung zu ihm hat. Mögen andere Politiker ängstlich glattgestrichenen Textbrei absondern – sicher nicht er. Und dennoch müsste derzeit all seine Energie dem Projekt gelten, einen neuen Söder hervorzuholen.

2021 liegt als total verkorkstes Jahr hinter ihm und seiner CSU. Kurzfassung: Kanzlerkandidatur nicht bekommen, danach das Stichelhickhack mit Armin Laschet. Verlust aller Regierungsämter in Berlin, Absturz auf verheerende 31,7 Prozent. Mehrere Masken-Raffkes flogen auf. Die Corona-Politik hat Schneisen in die CSU, ins bürgerliche Lager insgesamt, geschlagen. Viele Stammwähler, darunter Mittelständler, Handwerker, Wirte, Bauern, sind verunsichert. Sie waren es schon wegen Söders Modernisierungskurs und dem Bienen-Volksbegehren, jetzt sind viele verstört bis zornig.

CSU: Unmut hat Ausmaß erreicht, das Söder gefährlich werden kann - Umfragedaten machen CSU nervös

Gemault wird immer in Parteien. Doch der Unmut hat ein Ausmaß erreicht, das Söder gefährlich werden kann. 2023 ist Wahljahr, nichts ist im CSU-Universum wichtiger als ihre Regierungsmacht in Bayern. Und in der Landtagsfraktion macht sich schleichend die Sorge breit, ob es 2023 überhaupt noch für eine Regierung reicht.

Länger gab es keine Umfrage mehr, im Januar werden mehrere kommen, unter anderem der renommierte BR-Bayerntrend. Im Landtag kursieren unveröffentlichte Daten des Instituts, wonach die CSU aktuell bei 32 Prozent läge, weder mit FDP (zweistellig) noch mit Freien Wählern eine Zweierkoalition schmieden könnte. Der Weg zum Bündnis gegen die CSU ist da nicht mehr weit. „Es geht darum, ob wir im Freistaat weiter die Regierung stellen“, sagt Parteivize Manfred Weber unverblümt. Und verlangt von Söder, das Potenzial bei 40 plus x anzusteuern. Ilse Aigner griff noch höher ins Regal und setzte Söder unfreundlich die „absolute Mehrheit“ als Zielmarke. Das scheint kaum zu erfüllen.

In der CSU-Fraktion hat Söders Ansehen rapide gelitten

In der Fraktion, wo CSU-Revolutionen stets ihren Ursprung haben, hat Söders Ansehen rapide gelitten. Abgeordnete – einst strikt loyal, ergeben bis antriebslos – fühlen sich übergangen, Kabinettsmitglieder sich herumgeschubst. Die Junge Union ließ Söder im Oktober hart auflaufen, sprach ihm öffentlich ab, noch ein Zugpferd zu sein. Jeder Prozentpunkt weniger in den Umfragen erhöht die Explosionsgefahr.

„So kann es nicht weitergehen“, sagt ein hoher Parteifreund, eigentlich wohlgesonnen. Söder, bald 55, müsse sich fundamental ändern und neu aufstellen, teamorientiert, zuhörend und landesväterlich, um eine Revolte im Lauf des Jahres 2022 abzuwenden. In Berlin, für die Union eh ein Scherbenhaufen, solle er sich zurückhalten, CDU-Chef Friedrich Merz die Bühne des Oppositionsführers lassen.

Söder spricht nun vom Erklären, Versöhnen und Heilen

Verstanden haben dürfte Söder das. Ob er es umsetzt, ist unklar. Über den Jahreswechsel ziehe er sich zum Nachdenken zurück, kündigte er an, Winterspaziergänge mit Hund. Durch seine Neujahrsansprache wehte gar ein Hauch von Selbstkritik. Es habe immer wieder Fehler gegeben in der Corona-Politik. Er habe gelernt, dass das „stramme Verkünden von Maßnahmen allein“ nicht reiche. Vom Erklären, Versöhnen, Heilen spricht er nun intensiv.

Am 19. Januar will Söder in München vor die Fraktion treten, Ideen vorlegen. Von einer Kabinettsumbildung jetzt oder im Herbst wird geraunt, die Besten nach Bayern holen. Von einem Macher-Jahr ist die Rede. Söder testet seit Kurzem den Slogan „Laser und Leberkäs“, wie einst Stoibers „Laptop und Lederhose“ ein Symbol für einen konservativ-technologieoffenen Kurs. Nach einem ganz neuen Söder klingt die Laser-Nummer allerdings noch nicht.

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