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Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, winkt nach seiner Rede in einem Bierzelt auf dem Reutberger Josefifest von der Bühne.

„Werd’ scho“

Söder sucht die Stabilität

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Der bayerische Wahlkampf befindet sich vor dem Endspurt. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) versucht die Anti-Stimmung gegen die CSU zu drehen. Das fällt selbst im Bierzelt auf. 

Anger – Der Defiliermarsch der Trachtenkapelle ist verklungen, der Gast winkte huldvoll in die Menge, nun kommen die zehn Minuten der Vorredner. Klare Aufgabe: Ehrengäste lobpreisen, Stimmung heben, Geräuschpegel hinten im Saal senken. Diesmal, im Festzelt des Dorfes Anger bei Berchtesgaden, sind aber Zwischentöne der Unsicherheit zu vernehmen. „Werd’ scho“, sagt ein Lokalpolitiker aufmunternd zu Markus Söder. Und erinnert das Publikum: „Sauft’s net so viel. Trinkts lieber a Bier.“

Schönsaufen kann sich die CSU ihre Lage eh nicht. Mit 37,38 Prozent humpelt sie zwei Monate vor der Wahl durch die Umfragen, angeschlagen von taktischen Fehlern. Demoskopen, seriöse wie halbseidene, machen sich eine Freude daraus, reihum nach dem unbeliebtesten Ministerpräsidenten der Republik (angeblich Söder) zu fragen, nach dem größten Problem Bayerns (CSU) und nach dem Ansehensverlust des Parteivorsitzenden Seehofer. Wer in diesen Tagen mit CSU-Politikern spricht, erfährt viel Groll, Trotz, aber vor allem Verunsicherung.

Trachtenjanker über Polohemd - Söder lässt sich nichts anmerken

Söder, Trachtenjanker über Polohemd, tritt auf die Bühne und macht weiter in der Sisyphosarbeit, die Anti-Stimmung zu drehen, zumindest abzumildern. Unionspolitikern in Nord, Ost, West würde man die Füße küssen für 37 Prozent, für CSU-Maßstäbe wäre das ein Desaster, das Söder (und Seehofer) den Boden unter den Füßen wegziehen dürfte. Die offensichtlichste Taktik: nichts anmerken lassen.

So packt Söder das Asylthema jetzt vorsichtig an

Bei genauerem Hinhören fällt auf, dass die CSU aber Schlüsse gezogen hat. Selbst bei der Bierzeltrede in Anger, einer von dutzenden des rastlos kämpfenden Ministerpräsidenten, wählt Söder neue Worte. Das Asyl-Thema, im Zelt das mit der größten Resonanz, packt er vorsichtig an. Dankt den „Bürgermeistern, Kirchen, Flüchtlingshelfern“ für ihren Einsatz seit 2015. „Vergelt’s Gott. Wenn es um Humanität geht, dann steht Bayern, dann macht Bayern.“ Später spricht er von der „Balance“, von Grenzpolizei und Sachleistungsprinzip. Und fordert: „Jeder, der bei uns leben will, muss sich unseren Sitten und Gebräuchen anpassen.“ Eingebettet ist all das in Darstellungen seiner Regierungspolitik auf anderen Feldern: Pflege, Familien, Wohnungsbau.

Neu in Söders Diktion ist die Suche nach dem großen Überbau für die Einzelmaßnahmen. Er spricht über „Stabilität“ und nahende Krisen, etwa durch die Verwerfungen mit den USA: „Die Zeiten werden nicht besser.“ Er redet über die gespaltene Gesellschaft, Gefahren für die Demokratie und hängende Regierungsbildungen („Berliner Verhältnisse“). Verglichen mit dem Trallala-Wahlkampf 2008: eher Fürsten der Finsternis als „Sommer, Sonne, Bayern“. Söders Hoffen: In unsicheren Zeiten wählen die Menschen eher konservativ. Er will zudem verhindern, dass zu viel öffentliches Interesse auf die Frage fällt, wer der beste Koalitionspartner wäre – während er mit seinen Milliardenprogrammen noch schlechter durchdringt.

Urlaub am Gardasee fast gestrichen

Handwerklich wirkt die Wahlkampfstrategie solide. Hunderttausende Haustürbesuche werden gerade geplant, Start und Höhepunkt diesmal schon im September, um die Briefwähler mitzubekommen. Die Online-Kommunikation, zweite Säule der „Kampagne 2018“, ist so professionell ausgestattet wie noch nie. Parallel dazu stockt Söder seine Regierungspläne auf, etwa mit einem neuen Programm für München, das er bei einem Sonderbezirksparteitag am 3. September vorlegen will. Seinen eigenen Sommerurlaub hat Söder zusammengestrichen, nur ein paar Tage Gardasee, um auch dort möglichst viele Bayern zu treffen. 

Zweifel bleiben aber. Alle Versuche, die AfD kleinzuhalten, sind gescheitert, trotz mehrerer Strategiewechsel zwischen Ignorieren, Einhegen, Bekämpfen. Auch über Söders eigene Werte wachsen die Sorgen. Er polarisiert. Doch zieht er die CSU stärker nach unten als (wie von ihm stets behauptet) nach oben? Zwischen Söder und Seehofer knirscht es zudem weiter. CSU-Strategen sind uneins, was sie vom Bundesinnenminister bis 14. Oktober am liebsten sähen: neue Vorstöße und vor allem Lösungen in der Asylpolitik, oder einfach am besten gar nichts – Mund halten. 

Wann findet die Landtagswahl 2018 in Bayern statt?

Alle Infos zur Landtagswahl 2018 in Bayern finden Sie hier: Das Wichtigste kompakt im Überblick. Wir zeigen einen Überblick über das bayerische Wahlsystem und erklären, was Sie mit Ihrer Erststimme und Zweitstimme wählen können.


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