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Habeck gesteht Lanz bitteren Ukraine-Zwiespalt ein - „Das ist eine rationale Entscheidung, keine emotionale“

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Markus Lanz  Ein Abend für die Ukraine
Robert Habeck (Grüne) zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF). © Cornelia Lehmann/ZDF

Markus Lanz sammelt am Donnerstag Spenden für die Ukraine - und löchert Vizekanzler Habeck. Der gesteht einen Zwischenspalt ein. Und eine Sorge über Verwerfungen in Deutschland.

Hamburg – Wegen des Ukraine-Krieges* moderiert Markus Lanz am Donnerstagabend die Live-Spendensendung „Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“. Er begrüßt eine Vielzahl an Gästen, die sich bereits in den vergangenen Wochen bei „Markus Lanz“* zum Krieg in der Ukraine geäußert hatten. Unter ihnen Wladimir Klitschko, der sich per Videobotschaft einen Appell absetzt: „Wir verteidigen den Frieden in Europa. Unterstützen Sie uns und wir geben viel zurück.“

Vitali Klitschkos Ehefrau Natalia bei „Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“: „Mama, bitte mach‘ was, um dein Leben zu retten!“

Die Sängerin Natalia Klitschko, Ehefrau von Wladimirs Bruder und Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko, sitzt bei Lanz im ZDF-Studio und berichtet von der Flucht ihrer Eltern nach Deutschland. Ihre Mutter habe nicht aus der Ukraine weggewollt, sie habe gesagt, wenn sie dort sterben solle, werde es eben so kommen. Vor vier Tagen habe sie selbst dann die Nerven verloren und ihre Eltern zum Umdenken bewegt, berichtet Natalia Klitschko: „Ich habe angefangen zu schreien und habe gesagt: Mama, ihr habt heute noch die Möglichkeit. Bitte macht etwas, um eure Leben zu retten!“

Nun wisse sie zwar ihre Eltern in Sicherheit, doch die Sorge um Vitali und Wladimir bleibe. Als Erstes nach dem Aufwachen schreibe sie ihrem Mann und erhalte bislang die Nachricht: „Ich bin am Leben.“ Darum gehe es derzeit in der Ukraine, das Überleben. Emotional wird Klitschko, als sie laut über die unter Beschuss geratene Geburtsklinik in Mariupol nachdenkt: „Ich habe nur geheult. Mein ganzer Körper hat wehgetan. Wie kann man so barbarisch sein, so unmenschlich sein?“

Vizekanzler Robert Habeck bei „Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“ über Rohstoffabhängigkeit: „Wir arbeiten permanent daran, diese Unabhängigkeit zu erkämpfen“

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sind in der Sendung die prominentesten Gäste aus der deutschen Politik, sie äußern sich zu Fragen der Energieversorgung und der Verteilung der Geflüchteten innerhalb der EU. Vizekanzler Habeck macht aus seiner Betroffenheit um den Konflikt kein Geheimnis, jeden Tag stelle er sich die Frage: „Tust du genug? Machen wir die Dinge angemessen?“ Trotzdem, sagt er, sei es derzeit besonders wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren „und die Dinge zu Ende zu denken“.

Deutschland könne seine Rohstoffabhängigkeit nicht von heute auf morgen überwinden, erklärt Habeck, versichert aber, dass „permanent“ daran gearbeitet werde, „diese Unabhängigkeit zu erkämpfen“. Gerade mit dem Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt könne Deutschland sich ein abruptes Kappen russischer Rohstoffe nicht leisten: „An den Energiequellen hängen ja sehr konkrete Unternehmen, sehr konkrete Arbeitsplätze. Wir reden dann von Hunderttausenden von Menschen, die ihre Arbeit verlieren. Wir reden von Armut, wir reden von explodierenden Energiepreisen.“

Grünen-Minister Habeck bei „Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“: „Das ist eine rationale Entscheidung, keine emotionale“

Habeck sagt, er bewundere zwar die Opferbereitschaft in der deutschen Bevölkerung, die sage: „Ich friere gerne, ich stricke einen Pullover mehr. Dann drehe ich die Heizung eben herunter.“ Der Wirtschaftsminister führt aus, warum diese Sicht aus seiner Perspektive zu kurz greife. Zu befürchten sei nicht der Verlust von „ein bisschen Komfort“, vielmehr gehe es „um eine massive gesamtgesellschaftliche Krise, ausgelöst durch wirtschaftliche Schäden“.

Er zweifle daran, dass die Gesellschaft ein abruptes Ende russischer Rohstofflieferungen „durchhalten“ könnte, erklärt Habeck. Bestimmte Regionen Deutschlands wären davon derart stark betroffen, dass die gesellschaftlichen Verwerfungen schwerwiegende Folgen für das Land nach sich ziehen würden. Genau darauf setze Russlands Präsident Wladimir Putin. Insofern müsse man strategisch abwägen: Einerseits müsse man alles daran setzen, „Putin das Handwerk zu legen“, andererseits wäre es fatal, eine Entscheidung zurücknehmen zu müssen, weil man sie nicht durchhalten könne. Leicht tut sich Habeck damit nicht: „Das ist eine rationale Entscheidung, keine emotionale. Das sage ich ganz ausdrücklich.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 10. März:

Man wolle die Ukraine unterstützen, erklärt der Vizekanzler, deswegen sei es auch beim Thema Waffenlieferungen zu einem Umdenken gekommen. Allerdings gibt er zu bedenken, dass durch diese Waffen auch junge russische Soldaten sinnlos sterben würden. „Die haben auch Eltern und die wollen sicher auch nicht kämpfen und sterben in der Ukraine“, sagt Habeck mit im Schoß gefalteten Händen.

An der Entscheidung, keine Kampfflugzeuge und Panzer zu liefern, wolle die Bundesregierung aber festhalten, um Putin keine Steilvorlage für eine weitere Eskalation zu liefen. Habeck: „Weil wir dann riskieren, dass es einen unbegrenzten, möglicherweise nicht mehr zu stoppenden Krieg gibt – bis zum Dritten Weltkrieg. Deswegen gibt es immer diese Abwägungsfrage, wie weit gehen wir*? Wo machen wir einen Fehler?“

Innenministerin Nancy Faeser bei „Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“: „Es ist anders als 2015“

Faeser appelliert angesichts der zu erwartenden Migration der ukrainischen Zivilbevölkerung für eine frühzeitige europäische Strategie. Zu diesem Zweck habe sie gemeinsam mit den anderen Innenministerinnen und Innenministern Europas beschlossen, dass alle Staaten Flüchtende aus der Ukraine aufnehmen werden – ein historisch einmaliger Vorgang. Die große Solidarität in der Bevölkerung, auch in Ländern wie Polen und Rumänien, die 2015 keine Geflüchteten aufnehmen wollten, führt Faeser darauf zurück, dass „die Menschen jetzt spüren: Es ist Krieg mitten in Europa.“

„Wir müssen das gemeinsam stemmen und eng verzahnen“, formuliert Faeser die Ansprüche an die EU. Bis nächste Woche müsse festgelegt werden, welches Land wie viele Personen aufnehmen könne. Für Deutschland könne sie noch keine Aussage treffen, Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) reise am Freitag nach Warschau, um Fragen der Logistik zu klären. Sonderzüge sollen die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer aus Polen Richtung Westeuropa bringen, auch die Deutsche Bahn unterstütze derzeit in Polen mit Sonderwaggons.

Ukraines Botschafter Andrij Melnyk macht der Bundesregierung bei „Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“ Vorwürfe: „Es ist eine feige Entscheidung!“

„Wir brauchen Entscheidungen und keine Ausreden“, sagt der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, zu Amerikas Ablehnung, polnische MiG-29-Kampfjets über Ramstein in die Ukraine zu liefern. Talkmaster Lanz möchte von ihm wissen, ob er keine Angst habe, dass das die Gewaltspirale in Richtung eines Dritten Weltkrieges weiter beschleunigen könnte. „Nein, es ist eine feige Entscheidung. Nicht nur der Amerikaner, sondern auch der Deutschen“, antwortet der verbissen um Waffenlieferungen kämpfende Melnyk*. Gerade jetzt, wo die russische Armee vermehrt zivile Ziele angreife, brauche die Ukraine Kampfflugzeuge und Panzer.

FDP-Außenexperte Alexander Graf Lambsdorff (FDP) ruft den Appell von Robert Habeck in Erinnerung, die Dinge zu Ende zu denken. Die Gefahr einer weiteren Gewalteskalation sei real, Polen habe mit seinen öffentlichen Überlegungen ein „diplomatisches Fiasko“ angerichtet. Er verstehe zwar, dass bei Melnyk der Eindruck entstehen müsse, Putin bestimme weiterhin Deutschlands politische Entscheidungen. Lambsdorff wünscht sich aber zugleich die Anerkennung der von Kanzler Olaf Scholz (SPD) „vor zehn Tagen eingeleiteten Zeitenwende“.

„Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“ - Das Fazit der Sendung

Die ZDF-Spendensendung „Markus Lanz – Ein Abend für die Ukraine“ erfüllt am Donnerstagabend ihren Zweck: 4,17 Millionen Euro spielt die Livesendung ein, womit das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe seit dem 25. Februar 92 Millionen Euro sammeln konnte. Eine echt Diskussion oder Gespräche zwischen den Gästen verhindert der eng gesteckte Zeitplan. Drei verschiedene Besetzungen nehmen für jeweils rund 35 Minuten auf den vier Gästestühlen Platz, dazu kommen Videoschalten nach Berlin, Washington und Versailles. (Hermann Racke) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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