Es ist Zeit. Da sind sich alle einig in der SPD. Nicht so einig ist man sich über die Frage: Wofür? Foto: DPA

Knappes SPD-Ja zu Verhandlungen

Martin Schulz: Der 56-Prozent-Vorsitzende

Nach dem Parteitag in Bonn ist die Stimmung in der SPD-Spitze mies. Es herrschen Unmut und Verunsicherung. Was wird aus der einstigen Lichtgestalt?

Berlin – Der Tag danach. Martin Schulz sitzt am Montagmorgen im Saal der SPD-Fraktion. Neben ihm steht Fraktionschefin Andrea Nahles und dirigiert letzte Vorbereitungen für die Sitzung. Schulz hockt blass daneben. Der SPD-Chef ist immer noch angeschlagen, ihn plagt seit Tagen eine schwere Erkältung.

Die Stimmung bei den Genossen ist gedrückt. Manche sind erschrocken, manche sauer, andere ratlos. Vor Mikrofonen mag an diesem Morgen keiner so recht reden. Am Tag zuvor hat der Parteitag nur mit dünner Mehrheit Ja gesagt zu Koalitionsverhandlungen mit der Union. Für Schulz und die gesamte Führungsriege ist das ein Schlag ins Gesicht, von dem sie sich so schnell nicht erholen werden. Und laut einer Forsa-Umfrage ist die SPD auch noch auf 17 Prozent abgesackt.

Nahles hat in Bonn die Rede gehalten, die sich viele vom Parteichef gewünscht hätten – und sich für künftige Aufgaben empfohlen. In der Sitzung der SPD-Fraktion bekommt sie Lob für ihre Wüterei in Bonn, wie Teilnehmer berichten. Schulz dagegen muss sich von den Abgeordneten einige Kritik anhören. Es hat sich viel aufgestaut in den vergangenen Wochen.

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Nach der Sitzung baut sich der SPD-Chef vor Kameras auf und spricht von einer „lebhaften“ Diskussion in der Fraktion. Ja, die Mehrheit beim Parteitag sei nicht sehr breit ausgefallen, sagt er. Aber Mehrheit sei Mehrheit. Und Schulz stimmt darauf ein, dass es mit dem Start der Koalitionsverhandlungen noch ein wenig dauern könnte: Nach diesem Parteitag müsse die SPD in den nächsten Tagen erst mal beraten, wie sie sich für die Gespräche aufstelle. Und Schulz muss versuchen, die zerrissene Partei irgendwie zusammenzuführen. Ob er dazu die Kraft hat, ist äußerst ungewiss.

Seine Gegner sitzen nicht nur bei den Jusos

Die SPD-Führung weiß, dass die GroKo-Gegner in den eigenen Reihen nicht nur bei den Jusos zu finden sind. Der große Widerwillen gegen eine weitere Große Koalition zieht sich durch die gesamte Partei. Und die GroKo-Kritiker hören nicht auf mit ihrer Kampagne, sondern werden die Koalitionsverhandlungen mit lautem Widerstand begleiten.

Schulz muss also in den nächsten Wochen neben den ohnehin schwierigen Koalitionsverhandlungen versuchen, der lauten Anti-GroKo-Fraktion etwas entgegenzusetzen. Nur: Wie groß ist die Autorität eines Parteivorsitzenden noch, der es nicht schafft, mehr als 56,4 Prozent seiner Partei vom eigenen Kurs zu überzeugen?

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Viele Probleme haben ihren Ursprung zwar in einer Zeit, lange bevor Schulz die SPD-Führung übernahm. Und er hat auch die Sondierungsergebnisse mit der Union und das Debakel drumherum längst nicht alleine zu verantworten. Aber die Augen richten sich nun vor allem auf den Chef – was manchen in der Partei wohl nicht ganz unrecht ist.

Gut möglich scheint vielen Beobachtern deshalb, dass Schulz die Zeit bis 2019, für die er eigentlich gewählt ist, nicht übersteht. In Berlin gibt es bereits Gerüchte, wonach Schulz als deutscher EU-Kommissar nach Brüssel geschickt werden könnte. Pikant auch: Der SPD-Chef hatte nach der Wahl vehement ausgeschlossen, in ein Kabinett von Merkel einzusteigen. Zumindest in dieser Frage möge er doch Wort halten, wünschen sich einige Genossen. Öffentlich bislang nur Hinterbänkler. Hinter den Kulissen aber durchaus auch SPD-Obere.

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Christiane Jacke

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