+
Martin Schulz: Der neue deutsche Außenminister?

Er stand einst fast auf der Straße

Heute spricht er offen über seine Sucht - So schaffte es Schulz nach oben

Berlin - Der wichtigste Deutsche in Brüssel kommt nach Berlin: Martin Schulz (SPD) wird als Außenminister und Kanzlerkandidat gehandelt. Dabei war er einst ein arbeitloser Alkoholiker.

„Ehrgeizig“, „machtbewusst“, „zielstrebig“: Wer in den vergangenen Wochen mit Menschen sprach, die Martin Schulz kennen, konnte ahnen, dass dieser nichts dem Zufall überlassen wird. Mit der Ankündigung, zum Bundestagswahlkampf in die deutsche Politik zurückzukehren, beendet der 60-Jährige jetzt die Spekulationen darüber, ob er nicht doch weiter EU-Parlamentspräsident bleiben könnte. Offen ist nur noch die Frage, ob der bislang wichtigste Deutsche in Brüssel als SPD-Kanzlerkandidat antritt oder „nur“ als prominenter Unterstützer eines Kandidaten namens Sigmar Gabriel.

Er war mal kurz davor, auf der Straße zu stehen

Dass Schulz dahin gelangte, wo er heute ist, hat vor allem mit harter Arbeit und den oben genannten Eigenschaften zu tun, die auch Parteifreunde wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder herausstreichen. Der Sohn eines Polizisten und einer CDU-Lokalpolitikerin war als junger Erwachsener eine Zeit lang dem Alkohol verfallen. Laut „Süddeutsche Zeitung“ wollte er Profi-Fußballer werden, verletzte sich aber dann und begann zu trinken. Er verlor seine Arbeit, seine Lebensgefährtin verließ ihn, soll sogar kurz davor gewesen zu sein, auf der Straße zu stehen. Doch dann machte er sich als Buchhändler selbstständig und nahm auch auf der politischen Karriereleiter eine Stufe nach der anderen.

Mit 31 Jahren wurde Schulz 1987 in seiner Heimatstadt Würselen zum damals jüngsten Bürgermeister Nordrhein-Westfalen gewählt. Sieben Jahre später folgte der Einzug ins Europaparlament, wo er als wortgewaltiger Lautsprecher erst Vorsitzender der Sozialdemokraten und schließlich Parlamentspräsident wurde.

Seine Karriere begann er mit Realschul-Abschluss

2015 bekam Schulz für seinen Beitrag zur Stärkung der europäischen Demokratie den Aachener Karlspreis verliehen. Damals hielten unter anderen Frankreichs Staatspräsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck die Festreden auf den Politiker, der seine Karriere mit Realschulabschluss und Buchhändlerlehre gestartet hatte.

„Jeder, der dich kennt, weiß, dass immer mit dir gerechnet werden muss. Du gibst niemals auf und gibst niemals nach im Kampf für die Dinge, an die du glaubst“, sagte EU-Gipfelchef Donald Tusk damals mit Hochachtung zu Schulz. Er beobachte voller Bewunderung, wie der Deutsche „mit eindrucksvoller Autorität“ die großen europäischen Debatten lenke und dabei wirke wie „der gefürchtete Dirigent eines großen demokratischen Orchesters“.

Es gibt auch Kritik: Schulz sei „zu abgehoben“

Gerade wegen diesen Fähigkeiten gibt es in Brüssel nun aber nicht nur solche, die traurig sind, dass Schulz zurück nach Deutschland geht. Hinter vorgehaltener Hand hatte in den vergangenen Monaten selbst der eine oder andere Sozialdemokrat zu verstehen gegeben, dass er nichts gegen einen Wechsel an der Spitze des Europaparlaments einzuwenden hätte. Zu abgehoben, zu sehr auf den eigenen Vorteil bedacht habe Schulz zuletzt agiert, lautete die weit verbreitete Kritik.

Kanzlerkandidat oder Nummer 2 hinter Sigmar Gabriel? Welche dieser beiden Optionen Schulz lieber wäre, ist in Brüssel ein offenes Geheimnis. Auf seiner Internetseite präsentiert sich der von der „Süddeutschen Zeitung“ einst als „Kissinger von Würselen“ bezeichnete Politiker vor allem in staatsmännischen Posen. „Die SPD muss den Anspruch haben, stärkste Partei zu werden“, lautet eine der Überschriften auf seiner Homepage.

Dazu gibt es Hinweise darauf, mit welchem Image Schulz seine Ziele erreichen will. Gerne verlinkt er auf seiner Internetseite zu Beiträgen, die ihn als „Der bodenständige Buchhändler“ präsentieren oder als Politiker, der „immer auf Achse, immer im Modus der Krisenbewältigung und immer am Reden“ ist.

Über seine Alkoholsucht spricht er heute offen

Über das vielleicht finsterste Kapitel seiner Vergangenheit spricht der fußballbegeisterte Vater von zwei Kindern mittlerweile offen: „Vielleicht kann mein Leben anderen Mut machen, auch ihre Sucht anzugehen“, sagte er der Zeitschrift „Bunte“ zu seiner früheren Alkoholsucht. Er sei damals ein „Saufsack“ gewesen.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Türkei-Wahl 2018: Erdogan erklärt sich zum Sieger – Massive Manipulationsvorwürfe – So wählten die Deutsch-Türken
Die Türkei wählte am Sonntag ihr neues Parlament und den neuen Präsidenten. Recep Tayyip Erdogan erklärte sich am Abend selbst zum Sieger. Alle News im Ticker zum …
Türkei-Wahl 2018: Erdogan erklärt sich zum Sieger – Massive Manipulationsvorwürfe – So wählten die Deutsch-Türken
Asylstreit mit Seehofer: Italien überrascht Merkel vor EU-Gipfel mit radikalem Vorschlag - jetzt läuft ihr die Zeit davon
Horst Seehofer und Angela Merkel liefern sich einen erbitterten Asyl-Streit. Am Sonntag muss die Kanzlerin beim Mini-Gipfel der EU liefern, doch ein Plan überrascht sie …
Asylstreit mit Seehofer: Italien überrascht Merkel vor EU-Gipfel mit radikalem Vorschlag - jetzt läuft ihr die Zeit davon
„Fest der Demokratie“: Erdogan erklärt sich vor Auszählungsende zum Wahlsieger - Opposition protestiert
Die Auszählung der Stimmen in der Türkei ist noch nicht beendet, da erklärt Präsident Erdogan sich schon zum Sieger. Er spricht von einem „Fest der Demokratie“. Die …
„Fest der Demokratie“: Erdogan erklärt sich vor Auszählungsende zum Wahlsieger - Opposition protestiert
Eritreer (20) verletzt Notärztin schwer: Herrmann fordert „harte Strafe“
Ein junger Geflüchteter aus Eritrea griff vier Menschen in Ottobrunn an. Einer Notärztin wurden mehrere Zähne ausgeschlagen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann …
Eritreer (20) verletzt Notärztin schwer: Herrmann fordert „harte Strafe“

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.