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Keiner will mehr „Martin, Martin“ rufen: Martin Schulz steht massiv unter Druck. 

Wohin geht der Kurs der Sozialdemokraten?

Schulz in Not - Muss der SPD-Parteichef gehen?

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Es brennt in der SPD: Die Partei quält sich mit der Frage nach einer Großen Koalition. Zwischen Fraktion und Partei klafft ein Riss. Den Tag über schwirren Gerüchte herum, sogar über einen Rücktritt von Martin Schulz.

München – Eine Stunde, vierzehn Minuten. Martin Schulz sitzt am Donnerstagnachmittag deutlich länger beim Bundespräsidenten als alle anderen Parteivorsitzenden in den vergangenen Tagen. Für Frank-Walter Steinmeier, dessen SPD-Mitgliedschaft während seiner Amtszeit ruht, ist es ein ganz besonderes Gespräch. Für sein Gegenüber ein ganz besonders unangenehmes. Denn spätestens jetzt ist klar: Schulz’ Strategie, neue Gespräche mit der Union sofort kategorisch abzulehnen, ist spektakulär gescheitert.

Um 17 Uhr trifft sich danach die engere Parteispitze im Willy-Brandt-Haus. „Sie wissen selbst, dass das Land und die Partei in einer schwierigen Situation sind“, raunt SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel wortkarg auf dem Weg zur Sitzung. Das ist leicht untertrieben, denn die Nervosität, die die Partei erfasst, hat man lange nicht gesehen. Und das will in der krisengeplagten SPD etwas heißen.

Bittere Momente für Martin Schulz

Am Montag ist in der Partei viel ins Rutschen geraten, seit die nachmittags tagende Fraktion den erst am Vormittag einstimmig (!) getroffenen Vorstands-Beschluss einkassierte, keine Koalitionsgespräche zu führen und Neuwahlen anzustreben. „Wenn wir noch mal so einen genialen Wahlkampf führen wie im Sommer, dann landen wir bei einer Neuwahl bei 20,5 minus x, statt 20,5 plus x“, schimpfte der Münchner Abgeordnete Florian Post. Ein bitterer Moment für Schulz.

Am Donnerstagnachmittag sitzt Post in seinem Berliner Büro und liest E-Mails vor, die er von Mitgliedern bekommen hat. Für keinen ist eine Neuauflage der Großen Koalition eine Herzensangelegenheit, aber fast alle warnen davor, dass ein kategorisches Nein der Partei bei Neuwahlen auf die Füße fallen könnte. „Wir scheuen Neuwahlen unverändert nicht“, heißt es im Vorstandsbeschluss mutig. Lesen Sie hier was Neuwahlen in Deutschland bringen

Video: SPD offenbar doch zu Koalitionsgesprächen bereit

Ablehnungsfront gegen die große Koalition bröckelt

In der Fraktion sehen das viele anders. „Wir werden, wenn überhaupt nichts anderes geht, auch noch mal über eine Große Koalition nachdenken müssen“, sagt Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach vom linken Parteiflügel. „Man darf nichts ausschließen – und am Ende geht es um Inhalte“, sagt der Haushälter Johannes Kahrs vom anderen Ende des Spektrums. Und Florian Post geht inzwischen sogar noch einen Schritt weiter. „Wenn Martin Schulz für sich zum Ergebnis kommt, dass er seiner ursprünglichen Linie treu bleibt und daraus die einzig logische Konsequenz zieht, dass er keine Gespräche mit der Union führen kann, verstehe ich das“, sagt er. Nur für die SPD insgesamt sei dies eben keine Option. „Dann muss die Gesprächsleitung eben bei einer anderen Person liegen.“

Soll die SPD in eine erneute GroKo eintreten? Für Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter ist die Sache klar: Land vor Partei. 

So offen wurde in der Partei noch nie über einen Abgang des Parteichefs gesprochen. Die Unzufriedenheit ist massiv, den ganzen Tag über glühen die Telefone. Gerüchte fliegen herum – unter anderem: Schulz habe intern mit Rücktritt gedroht. Offenbar tatsächlich nur ein Gerücht. Aber großes Thema in den sozialen Netzwerken.

Eigentlich wollte sich Schulz beim dreitägigen Bundesparteitag, der am 7. Dezember in Berlin beginnt, wieder zum Vorsitzenden wählen lassen. Zur Führungsmannschaft soll auch die bayerische SPD-Vorsitzende Natascha Kohnen gehören, als Partei-Vize. Sie hatte eine Neuauflage der GroKo bislang ebenso abgelehnt wie Fraktionschefin Andrea Nahles und Vize Olaf Scholz. Auch sie sitzen am Abend mit im Willy-Brandt-Haus. Eine offizielle Unterrichtung der Öffentlichkeit ist nicht geplant, auch halb-offiziell dringt zunächst nichts nach draußen. Doch egal, wie man sich entscheidet: Einfach wird es nicht. Am Freitagabend beispielsweise soll Schulz zum Parteitag der Jusos nach Saarbrücken fahren – viele Fans einer GroKo trifft er dort nicht.

Deshalb sucht man nach Auswegen. Laut SWR drängen die grauen Eminenzen Erhard Eppler und Hans-Jochen Vogel Schulz in Richtung einer Minderheitsregierung. Beide hätten einen Brief an ihn geschrieben. Nahles und Schäfer-Gümbel hatten ebenfalls Überlegungen in diese Richtung angestellt. Martin Schulz bezeichnete auch diese Option als „nicht praktikabel“. Vielleicht gibt er ja auch diese Position auf.

Jamaika ad acta - werden nun die Weichen für GroKo gestellt? Alle News finden Sie hier im Ticker.

Von Mike Schier /( Video: Glomex

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