Merkur-Redakteur Mike Schier.

Kommentar

Martin Schulz und die Agenda 2010: Gegen die Abstiegsängste

  • schließen

Martin Schulz könnte sich mit der Korrektur der Agenda 2010 zum Kandidaten der kleinen Leute machen. Damit würde er aber nicht nur den Rechtspopulisten Stimmen abgraben - auch für die CSU ist dieser Kurs gefährlich.

Die „Agenda 2010“ hat wie vielleicht keine andere Entscheidung in der Geschichte der Bundesrepublik dem Land geholfen, die verantwortliche Partei aber ins Unglück gestürzt. Die Reformen machten aus dem behäbigen Kohl-Deutschland mit fünf Millionen Arbeitslosen eine moderne Wirtschaftsnation, die heute in ökonomischer Hinsicht Europa dominiert. Aber sie hinterließ auch Verlierer – nicht zuletzt die SPD, von der sich Teile der Arbeitnehmer verraten fühlten. Die Sozialdemokraten haben sich nie davon erholt – und seit dem Abgang von Gerhard Schröder keine Chance gehabt, wieder den Kanzler zu stellen. Allen Korrekturen zum Trotz.

Der begnadete Wahlkämpfer Martin Schulz hat nun genau erkannt, wo er seine Partei abholen muss. Als konservativer „Seeheimer“ gehört er nicht zu den idealistischen Sozialromantikern, kann aber als Quereinsteiger mit seinem Hinweis auf das Arbeitslosengeld I (für Ältere) oder die von Unternehmen oft ausgenutzte Befristung von Arbeitsverträgen (für Jüngere) genau jene Abstiegsängste der Mittelschicht aufgreifen, aus denen sich auch ein Teil des Erfolgs der Rechtspopulisten speist. Wenn es eine Lehre aus „Brexit“ und Trump gibt, dann die, auch als pragmatischer Politiker den Auswüchsen des globalisierten Kapitalismus einmal die Zähne zu zeigen.

Wie in jedem Wahlkampf muss sich zeigen, wieviel davon nach dem Wahltag übrig bleibt. Doch für die CSU ist dieser Schulz-Kurs gefährlich. Die Linke mag in Bayern kaum Anhänger haben, aber ob das Schreckgespenst der „Linksfront“ noch taugt, wenn sich Schulz als Mann der kleinen Leute etabliert? Derzeit zumindest scheint ein starkes Bedürfnis zu herrschen, ihm zu glauben.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trump lädt Putin schon im Herbst nach Washington ein
Noch immer sorgt das Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin beim Gipfel in Helsinki für Schlagzeilen. Wir berichten weiter über die Nachwehen des Gipfels im …
Trump lädt Putin schon im Herbst nach Washington ein
Hendrik Meier ist der erste Nachtbürgermeister Deutschlands
In Mannheim wurde der erste Nachtbürgermeister Deutschlands gewählt. Dieser soll vor allem bei Konflikten im Nachtleben vermitteln.
Hendrik Meier ist der erste Nachtbürgermeister Deutschlands
Fall Skripal: Russischer Diplomat verlangt britische Beweise
Einem Pressebericht zufolge haben die Ermittler im Fall des mit Nowitschok vergifteten Ex-Spions russische Verdächtige identifiziert. Eine Bestätigung dafür gibt es …
Fall Skripal: Russischer Diplomat verlangt britische Beweise
Seehofer legt Messlatte für Söder hoch: Absolute Mehrheit sei noch möglich
Nach dem historischen Tief im Bayerntrend will Horst Seehofer die 38-Prozent-CSU wieder aufrichten. Er verlangt mehr Teamgeist. Und redet ausgerechnet jetzt erstmals von …
Seehofer legt Messlatte für Söder hoch: Absolute Mehrheit sei noch möglich

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.