„Extrem harter Lockdown“?

„Maybrit Illner“: Ministerpräsident entsetzt über Lauterbach-Forderung - „Dann ist nicht nur das Virus tot“

Impf-Stau, hochinfektiöse Corona-Mutation und keine sinkenden Zahlen: Brauchen wir jetzt noch mehr Lockdown? 

  • Thema bei „maybrit illner“ im ZDF: “Langsames Impfen, schnelles Virus – droht der lange Winter-Shutdown?“
  • Streit zwischen Lauterbach und Kretschmer
  • Spahn macht EU-Kommission für Impf-Stau verantwortlich
  • Zum Schutz vor Corona: Nur noch maximal drei Gäste im Studio

„maybrit illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Jens Spahn (CDU) - Bundesgesundheitsminister (zugeschaltet)
  • Michael Kretschmer (CDU) - Ministerpräsident Sachsen (zugeschaltet)
  • Karl Lauterbach (SPD) - Bundestagsabgeordneter
  • Dr. Eva Hummers - Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin Universitätsmedizin Göttingen (zugeschaltet)
  • Eckart von Hirschhausen - med. Wissenschaftsjournalist
  • Claudia Kade - Ressortleiterin Politik der Welt und Welt am Sonntag

Die Hoffnung des neuen Jahres scheinen bereits perdu - fürs Erste zumindest. Die Corona-Impfungen laufen schleppend an, die neue Mutation des Virus, nach neuesten Erkenntnissen zehnmal ansteckender als das bisherige Virus, breitet sich aus. Und die Fallzahlen bleiben trotz aller Maßnahmen hoch und beunruhigen die Politik.

Bei „maybrit illner“ im ZDF - mit durchschnittlich 14,3 Prozent Marktanteil 2020 der erfolgreichste Polit-Talk im deutschen Fernsehen - standen unter andrem Gesundheitsminister Jens Spahn und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (beide CDU) Rede und Antwort Beide Spitzenpolitiker übrigens pandemiegerecht zugeschaltet.

Maybrit Illner fragt Jens Spahn nach den Fehlern seiner Gesundheitspolitik

Spahn - am Tag zuvor bei ARD-Talk-Kollegin Sandra Maischberger betont locker im Auftreten - gab sich dieses Mal deutlich ernster. Dem Minister war es offenbar bei der derzeitigen Kritik wichtig, eines immer wieder klar zu stellen: „Es ist nicht zu wenig Impfstoff bestellt worden“. Spahns Darstellung: Dass in Großbritannien und den USA früher geimpft werden konnte, habe mit den dortigen Notzulassungen zu tun. Gegen die habe man sich aber in Deutschland bewusst entschieden, um das Vertrauen der Bevölkerung nicht zu verspielen.

Moderatorin Maybrit Illner wirft ein, dass die Frage um die Notzulassung die Menschen, die derzeit begierig auf den Impfstoff warten, vermutlich nicht groß interessiere - doch Spahn widerspricht: „In ein paar Wochen werden wir hier über die Impfbereitschaft diskutieren“, dessen sei er sich sicher. Er insistiert: Die Zulassungsfrage sei dafür entscheidend.

Lauterbach kritisiert bei „maybrit illner“ die EU-Einkaufsstrategie zum Impfstoff

Gebe es etwas, was der Minister im Rückblick anders gemacht hätte, will Illner dennoch von Spahn wissen. Der antwortet diplomatisch: „Es ist mit 27 Mitgliedstaaten genauso wie mit 16 Bundesländern natürlich mühsamer, als wenn einer alles alleine macht“. Der Minister rudert nach der Förderalismuskritik wieder zurück, als Kretschmer ein ernstes Gesicht macht: Die EU entwickele dadurch auch Stärke, so Spahn. Und: „Es gucken ja 27 drauf - die Entscheidung wird im Zweifel auch eine bessere.“ Das sagt er so, als glaube er selbst nicht daran.

Karl Lauterbach übt Kritik: Die Einkaufsstrategie der EU sei nicht gut gewesen. Die Verantwortlichen hätten mit zu wenig Geld zu spät Impfstoff gekauft. In der Folge habe den Firmen die Sicherheiten gefehlt, größere Produktionskapazitäten aufzubauen. Eine frühere Bestellung größerer Mengen wäre die Bedingung gewesen, um mehr zu produzieren, meint der SPD-Gesundheitspolitiker.

Hirschhausen bei „maybrit illner“: Impfpflicht ist Unsinn! 

Lauterbach stellt aber auch klar: „Wir haben viel mehr Impfstoff als weiter Teile der Welt.“ Als der Gesundheitsexperte dann allerdings anfängt, Deutschland mit der Situation in Afrika und Südamerika zu vergleichen, schneidet Illner ihm das Wort ab und leitet zum Bestsellerautor Eckart von Hirschhausen über, der sich als Impfproband für die Studien der Uni Köln zur Verfügung gestellt hatte.

Hirschhausen bemüht sich, wie es seine Art ist, um klare Ansprache: „Impfen ist sicher, sinnvoll und solidarisch“, sagt er selbstbewusst und macht nach den jüngsten Vorstößen von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder deutlich: „Eine Impfpflicht ist Unsinn“, eine freiwillige Impfbereitschaft stets das Optimum. Er kritisiert den Mangel an Aufklärungs-Kampagnen und einer Wortwahl, die menschliche Solidarität vermittelt. Vokabeln wie „Privileg“ oder „Sonderrecht“ seien in diesem Zusammenhang problematisch. Er schlägt vor, „Herdenimmunität“ durch „Gemeinschaftsschutz“ zu ersetzen - schließlich wolle kein Mensch Teil einer Herde sein …

Durchkreuzt die neue Corona-Mutation die Impfstrategie?

Dann wird Kretschmer ins Gebet genommen. Über 400 Tote an einem Tag - allein in der Stadt Meißen, heißt es in einem Einspieler. Zu sehen sind Bilder von gestapelten Särgen. Auch eine Bestattungsunternehmerin kommt zu Wort. Sie beklagt die Überlastung der Krematorien.

Kein leichter Stand für Sachsens Regierungschef, der im Sommer schließlich bekennender Gegner der Einschränkungen war. Die Infektionszahlen seien durch den derzeitigen Lockdown nicht so zurückgegangen, „wie wir es gewollt haben und wie wir es brauchen“, gesteht Kretschmer ein und kündigt verschärfte Maßnahmen bei den Öffentlichen Verkehrsmitteln und mehr Schnelltests an.

Lauterbach fordert deutlich mehr und erläutert die Dramatik der Lage: „Wir sind im Wettrennen mit der neuen Mutation.“ Das Ziel müsse sein, die jetzige Welle zu brechen, bevor die neue Mutation zu uns überschwappt. „Daher wäre wahrscheinlich jetzt ein extrem harter Lockdown, auch mit Schließung vieler Betriebe und Homeoffice“ das Richtige, meint er. Wenn das nicht gelinge, so appelliert Lauterbach, bekomme Deutschland „Wachstum im Lockdown“. Ein Corona-Desaster. Wenn aber alle zuhause bleiben, gingen die Zahlen „exponentiell“ herunter, meint Lauterbach. Kretschmer guckt grimmig.

Streit um knallharten Lockdown: Kretschmer ist dagegen

Kretschmer - eben noch geläutert - ist da ganz anderer Ansicht. Er argumentiert: „Wir brauchen starke Unternehmen, um die Kosten der Pandemie tragen zu können.“ Wenn sich in Deutschland niemand mehr bewege, sei zwar das Virus tot, sagt der CDU-Politiker - aber die deutsche und europäische Volkswirtschaft und mit ihnen viele Unternehmen auch. 

Doch auch Eva Hummers, unter anderem Mitglied der Ständigen Impfkommission hat Bedenken: Wer soll bei dem Notstand, der jetzt schon da ist, denn noch die Leute in den Kranken- und Pflegeheimen versorgen? Und wer die Kinder des Personals? Auch die Ausnahmen schaffen Schäden, meint sie. Und überhaupt: Die meisten Menschen stecken sich doch zu Hause an. Es gebe für die Politik noch viel zu entscheiden, resümiert Illner zum Abschluss der Sendung.

Fazit des „maybrit illner“-Talks

Hinterher weiß man immer mehr, heißt es so schön. Aber können wir mit all unserem Wissen, der Technik dem Virus tatsächlich die Stirn bieten? Der Anspruch ist da, die Politik tut, was sie kann, Opfer lassen sich nicht vermeiden. Hoffnung vermittelte die Sendung nicht gerade. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ZDF / Maybrit Illner

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